Verschwundener Soldat Israel verstärkt Angriffe auf Gaza

Das ungeklärte Schicksal eines israelischen Soldaten intensiviert die Kämpfe in Gaza. Die Brigaden der Hamas verneinen, den Leutnant in ihrer Gewalt zu haben. Doch beide Seiten setzen ihre Angriffe fort, mehr als hundert Palästinenser sterben.


Gaza/Tel Aviv - Nach dem Scheitern einer Waffenruhe haben die israelischen Streitkräfte ihre Angriffe im Gaza-Streifen intensiviert. Die Militäreinsätze konzentrierten sich in der Nacht auf Samstag auf die südliche Stadt Rafah. Dort suchten Soldaten weiter nach einem ihrer Kameraden, der nach israelischen Angaben von einem Kommando der radikal-islamischen Hamas entführt wurde.

Am frühen Samstagmorgen setzte auch die palästinensische Seite ihre Angriffe auf Israel fort. In der Metropole Tel Aviv heulten um 5 Uhr die Warnsirenen. Nach Angaben des israelischen Militärs schoss die Raketenabwehr zwei Raketen über Tel Aviv und eine über der südlichen Stadt Beerscheva ab. Am Tag zuvor hatten die Militanten rund 40 Geschosse aus dem Gaza-Streifen auf Israel abgefeuert.

Unklarheit über das Schicksal des israelischen Soldaten

Mittlerweile haben die Kassam-Brigaden, der militante Arm der Hamas, erklärt, sie hätten "keine Information" über das Schicksal des israelischen Soldaten Hadar Goldin. "Wir haben den Kontakt zu einer unserer Kampfgruppen verloren, die in der Gegend gekämpft haben, wo der Soldat verschwunden ist", hieß es. Es sei möglich, dass der Vermisste sowie die eigenen Kämpfer tot seien.

Auch die Hamas selbst teilte am Samstagmorgen mit: "Wir haben den Kontakt zu den Kämpfern verloren und wir gehen davon aus, dass sie alle bei dem Beschuss Israels gestorben sind." Nach einer Meldung der palästinensischen Nachrichtenagentur Maan hatten die Kassam-Brigaden zuvor noch bestätigt, den 23-jährigen Leutnant gefangen genommen zu haben.

Mehr als hundert Tote binnen 24 Stunden

Nach Angaben palästinensischer Rettungskräfte wurden seit dem Verschwinden des Soldaten am Freitagvormittag mindestens 107 Palästinenser getötet und 350 weitere verletzt. Allein in der Nacht zum Samstag seien bei mehreren israelischen Luftangriffen in Rafah 19 Menschen gestorben, darunter 15 Mitglieder einer Familie, erklärte ein Sprecher.

Nach Angaben des israelischen Militärs fiel Hadar Goldin einem Hamas-Kommando in die Hände, als seine Einheit an der Zerstörung eines Tunnels in den Gaza-Streifen arbeitete. Der Armee zufolge ereignete sich die Entführung am Freitagmorgen anderthalb Stunden nach Beginn einer dreitägigen humanitären Waffenruhe, die die Uno und die USA zuvor zwischen Israel und radikalen Palästinensern vermittelt hatten. Als Reaktion darauf erklärte Israel die Feuerpause für gescheitert.

Die Entführung von Soldaten wird in Israel als schwerer Rückschlag gewertet. Weil das Land seinen Kämpfern zusichert, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um sie im Falle einer Entführung nach Hause zu holen, gelten Verschleppte als wertvolles Faustpfand.

Zuletzt war ein israelischer Soldat 2006 verschleppt worden: Gilad Schalit wurde von einem Hamas-Kommando durch einen Tunnel in den Gaza-Streifen entführt. Erst mehr als fünf Jahre später kam der junge Mann bei einem Austausch frei. Im Gegenzug für seine Freiheit wurden 1027 palästinensische Häftlinge freigelassen, unter ihnen Terroristen und mehrfache Mörder.

fab/AFP/dpa/Reuters

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