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Bodenoffensive gegen Hamas: Menschen in Gaza flüchten zu Fuß vor Israels Panzern

Auf beiden Seiten steigen die Opferzahlen, doch die Kriegshandlungen gehen weiter: Israel hat am Morgen Gaza-Stadt beschossen, Tausende Bewohner fliehen.

Hamburg - Zahlreiche Bewohner von Schedschaija, einem östlichen Stadtteil von Gaza, sind auf der Flucht. Reporter berichten, das israelische Militär habe Gaza-Stadt am Sonntagmorgen massiv mit Panzern beschossen. Tausende Palästinenser hätten versucht, sich in Sicherheit zu bringen, viele von ihnen zu Fuß. Auf den Straßen sollen zahlreiche Tote und Verletzte gelegen haben, heißt es. Zum Teil seien die Menschen von den Angriffen eingekesselt. Rettungswagen sei es zunächst nicht möglich gewesen, die Gegend zu erreichen.

In einem Krankenhaus im Gazastreifen sagten ältere Männer, solch schwere Angriffe hätten sie seit dem Sechstagekrieg von 1967 nicht mehr erlebt. Das palästinensische Gesundheitsministerium teilte am Sonntagvormittag mit, dass bei Angriffen auf Gaza 40 Menschen ums Leben gekommen seien. In Schedschaija seien 400 Menschen verletzt worden. Rettungsdienste melden, dass ein Journalist und ein Sanitäter ums Leben gekommen seien.

Auf die Angriffe auf Schedschaija angesprochen, sagte eine Sprecherin des israelischen Militärs: "Vor zwei Tagen haben die Bewohner von Schedschaija Bandansagen erhalten, die sie aufforderten, die Gegend zu verlassen, um ihr Leben zu schützen." Die Hamas soll die Menschen jedoch gedrängt haben, die israelischen Warnungen nicht zu beherzigen.

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Beschuss durch Israels Armee: Tausende Bewohner von Gaza auf der Flucht
Bei einem israelischen Luftangriff auf das Haus des führenden Hamas-Mitglieds Chalil al-Haja waren nach palästinensischen Angaben vier Menschen ums Leben gekommen. Die Opfer seien sein Sohn, dessen Ehefrau, ihre Tochter und ein Nachbar gewesen. Der Hamas-Aktivist sei zur Zeit des Angriffs nicht zu Hause gewesen.

Bodenoffensive am Samstagabend ausgeweitet

Israel hatte seine Bodenoffensive gegen die radikalislamische Hamas im Gazastreifen bereits am Samstagabend ausgeweitet. Wie das Militär am Sonntagmorgen mitteilte, beteiligten sich zusätzliche Kräfte daran, den "Terror im Gazastreifen zu bekämpfen". Die Bodentruppen sollen Tunnel zerstören. "Wir haben mehr Soldaten in größeren Gebieten im Einsatz", sagte Militärsprecher Peter Lerner.

Am Samstag war es mehreren palästinensischen Kämpfern gelungen, durch Tunnel auf israelisches Gebiet vorzudringen, berichtet die "New York Times". Eine Gruppe von acht Kämpfern, die israelische Militäruniformen trugen, habe in Gefechten zwei israelische Offiziere getötet. Sieben Kämpfer entkamen, einer starb während der Auseinandersetzung. Seit Beginn der Bodenoffensive in der Nacht zum Freitag sind bislang fünf israelische Soldaten getötet worden.

Ban Ki Moon verhandelt mit Konfliktparteien in Doha

Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon beginnt am Sonntag seine Vermittlungsbemühungen zwischen Israel und der Hamas in der katarischen Hauptstadt Doha. Wie die Vereinten Nationen weiter mitteilten, werde Ban danach nach Kuwait, Kairo, Jerusalem, Ramallah im Westjordanland und in die jordanische Hauptstadt Amman fahren.

Ebenfalls in Katar trifft Palästinenserpräsident Mahmud Abbas am Sonntag Hamas-Exil-Chef Chaled Meschaal zu Beratungen über eine Feuerpause im Konflikt mit Israel. Dies berichteten Quellen, die der Hamas im Gazastreifen nahestehen, und palästinensische Internetseiten. Meschaal lebt in Katar.

100 getötete Palästinenser seit Beginn der Bodenoffensive

Der Sprecher der palästinensischen Rettungsdienste, Aschraf al-Kidra, sagte, seit Beginn der israelischen Bodenoffensive seien mehr als 100 Palästinenser getötet worden.

Israel wurde seit dem 8. Juli nach einer Mitteilung seiner Streitkräfte von Sonntag mit mehr als 1770 Raketen aus dem Gazastreifen beschossen. Davon seien 360 von Raketenabwehrsystemen abgefangen worden. Seit Beginn der Bodenoffensive in der Nacht zum Freitag seien mindestens 70 "Terroristen" getötet worden.

Die in der Nacht zum Freitag begonnene Bodenoffensive wird von den israelischen Streitkräften mit schwerem Raketenbeschuss unterstützt. In Israel starb bei einem Raketenangriff militanter Palästinenser ein zweiter Zivilist an den Folgen seiner Verletzungen.

Israel hatte am 8. Juli erstmals wieder Stellungen der Hamas im Gazastreifen angegriffen. Ziel der nachfolgenden Bodenoffensive sei es vor allem, das verzweigte Tunnelsystem der Hamas inner- und außerhalb des Gazastreifens zu zerstören, hieß es. Auch der Beschuss Israels durch Raketen der Militanten soll gestoppt werden. Zu Beginn der Bodenoperationen war ein israelischer Soldat getötet worden, der irrtümlich aus den eigenen Reihen beschossen worden war.

Für die Zivilbevölkerung in Gaza wird die humanitäre Lage immer unerträglicher. Zur permanenten Todes- und Verletzungsgefahr gesellen sich langanhaltende Stromausfälle und der Zusammenbruch der Wasserversorgung. Immer mehr Menschen fliehen vor den israelischen Angriffen. 61.500 Palästinenser hätten in den Schulen des Flüchtlingshilfswerks UNRWA Schutz gesucht, teilte UNRWA-Sprecher Chris Gunness mit. Das seien mehr als beim letzten großen bewaffneten Konflikt in Gaza um die Jahreswende 2008/09, fügte Gunness hinzu.

Auslöser der jüngsten Eskalation der Gewalt waren die Entführung und Ermordung von drei israelischen Teenagern und der mutmaßliche Rachemord an einem palästinensischen Jungen. Eine 2012 vereinbarte Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas, die seit 2007 im Gazastreifen herrscht, wurde daraufhin endgültig Makulatur.

pad/mbö/dpa/AFP/AP/Reuters

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