Palästinenser Wie Abbas sein eigenes Volk missbraucht

Kinder sterben, es fehlt an Medizin, an Strom, an Wasser. Die Lage im Gazastreifen ist verzweifelt - die Schuld daran trägt auch Palästinenserchef Abbas. Warum tut er das?

AFP

Aus dem Gazastreifen berichtet


Samia al Hatati sitzt mit müden Augen auf einer Bank in der Krebsstation im Rantisi-Krankenhaus in Gaza-Stadt. "Ich brauche diese Tabletten", sagt Hatati, 48, Hausfrau, Mutter von vier Jungen und vier Mädchen. Sie schluckt die Tränen herunter.

Hatati hatte Brustkrebs, wurde operiert. Doch seit Monaten kann sie ihre Nachfolgebehandlung nicht fortsetzen. Sie will die Hoffnung nicht aufgeben. Deshalb ist sie alle zwei Wochen hier, wartet oft stundenlang, gemeinsam mit Hunderten anderen Kranken - nur um immer die gleiche Antwort zu hören: "Es tut uns leid, wir können ihnen nicht helfen. Wir haben keine Medikamente mehr."

Die Regale und Schränke in der Apotheke des Krankenhauses stehen leer. Nicht nur hier sieht es so aus, sondern im gesamten Gazastreifen. Schon rund drei Monaten kommen kaum mehr Lieferungen mit Medikamenten hier an. Seit der Machtkampf zwischen der islamistischen Hamas, die in Gaza regiert, und der Palästinensischen Autonomiebehörde eskaliert ist, leidet vor allem die Bevölkerung.

Es ist ein erbittert geführter Streit, in dem Palästinenser gegen Palästinenser stehen

Und er dauert zeitgleich zur jüngsten Eskalation rund um den Tempelberg in Jerusalem an. (Lesen Sie hier eine Analyse über den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern).

Auslöser einer neuen Eskalationsstufe der innerpalästinensischen Spannungen war, dass Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas einen Katalog von Strafmaßnahmen über Gaza verhängt hatte. Damit wollte er seine Konkurrenten von der Hamas unter Druck setzen, die USA, die Internationale Gemeinschaft und die eigenen Leute beeindrucken und sich als einziger Vertreter der Palästinenser etablieren. Doch er hat sich verschätzt. Seine zynischen Maßnahmen treffen die Bevölkerung, ignorieren und verachten ihre menschlichen Grundbedürfnisse. Die Wut auf ihn wächst.

Auch für die Ärzte im Rantisi-Krankenhaus ist die Situation eine Qual. Dr. Mohamed Abu Nada, 50, medizinischer Direktor des Krankenhauses, kämpft sich im weißen Kittel durch die Menschenmenge. "Ich muss die Leute wegschicken", sagt er, "dafür bin ich doch nicht Arzt geworden." Abu Nada hat in Deutschland studiert, in Mainz und Essen. Dann ist er freiwillig nach Gaza zurückgekehrt, um den Leuten dort zu helfen und weil seine Familie dort lebt.

Das Rantisi-Krankenhaus ist auf die Behandlung von Krebs spezialisiert. 70 Prozent aller Fälle in Gaza würden hier betreut. Die Lage, so Abu Nada, sei katastrophal. "Seit etwa drei Monaten bekommen wir kaum mehr Medikamente ", erklärt der Arzt. Die Vorräte gingen aus. Decotaxel gebe es nicht mehr und ebenso wenig Paclitaxel, zwei Krebsmedikamente. Die Liste werde immer länger.

Außerdem gebe es allein hier in diesem Krankenhaus etwa 120 Patienten, die dringend zu einer medizinischen Behandlung nach Israel ausreisen müssten. Doch die Palästinensische Autonomiebehörde stelle die dafür nötigen Genehmigungen einfach nicht mehr aus. Zwar würden mittlerweile in eingeschränktem Maße wieder Notfälle zur Ausreise zugelassen, doch viel zu viele befänden sich in Lebensgefahr. "Ich will nicht über Politik reden", sagt Abu Nada, "aber wie kann man einen politischen Konflikt so auf dem Rücken der eigenen Leute austragen?"

Vor zwei Monaten hat Abbas entschieden, die Gelder für die Stromversorgung des Gazastreifens, die er an Israel bezahlt, zu kürzen. Israel lieferte also weniger Strom. Woraufhin die Stromversorgung in Gaza zeitweise bei drei Stunden täglich lag und nun dank Brennstoff-Hilfslieferungen aus Ägypten wieder auf vier Stunden angestiegen ist. Abbas kürzte außerdem die Gelder für Medikamenten-Transporte und für die medizinische Versorgung von Patienten aus Gaza in Israel. Viele Behandlungen können nicht durchgeführt werden, mehrere Menschen sind danach im Gazastreifen verstorben, darunter auch Kinder und zwei Babys mit Herzfehlern.

"Neulich fiel der Strom bei uns komplett aus. Unser Notfallgenerator war kaputt", erzählt Abu Nada. Gemeinsam mit seinen Kollegen rannte er auf die Intensivstation und beatmete seine Patienten manuell. "Wir stehen zwischen allen Fronten", sagt er, "es war eine schreckliche Situation."

Die Wut in Gaza richtet sich gegen Abbas

Ähnlich dramatisch ist die Lage in einem weiteren Krankenhaus, das auf die Behandlung von Nierenleiden spezialisiert ist. Wegen des Strommangels können kaum mehr Dialyse-Behandlungen durchgeführt werden. Doch es leidet längst nicht nur die medizinische Versorgung. Die ohnehin marginale industrielle Produktion in Gaza - Kekse, Eiscreme und Kleidung - liegt nun völlig brach. Die Arbeitslosigkeit lag schon zuvor bei 50 Prozent, unter jungen Menschen nach Schätzungen bei bis zu 80 Prozent. "Ich musste jetzt alle meine Leute entlassen", sagt Mohamed Abu Shanaab, Besitzer einer Textilfabrik.

Fährt man dieser Tage durch den Gazastreifen, stinkt es an vielen Orten noch mehr als sonst. Nicht nur in jenen Vierteln, wo noch immer die Ruinen aus dem letzten Krieg mit Israel nicht abgetragen wurden, wo unter Betonbrocken und Sand noch immer Leichenteile verwesen. Nicht nur dort, wo Müllberge auf der Straße liegen, in denen Esel und Ziegen grasen.

Auch am Meer stinkt es, denn Gaza kippt laut Angaben der Uno derzeit rund 100 Millionen Liter unbehandeltes Abwasser ins Meer - täglich. Für die Aufbereitung fehlen die Technologie und der Strom. Wegen des Strommangels können auch die Entsalzungsanlagen für Wasser nicht genutzt werden. "Die Wasserqualität im Gazastreifen ist miserabel", sagt der Sprecher Adnan Abu Hasan. "Die israelische Blockade besteht nun schon zehn Jahre. Seit einigen Jahren beobachten wir nun, dass die Babys in Gaza zu klein auf die Welt kommen."

Von einer humanitären Katastrophe zu sprechen, erscheint nicht übertrieben. Erwartbar wäre nun eine weitere Runde der Eskalation zwischen Israel und der Hamas als "letzter Ausweg" für die Islamisten. Damit hat wohl auch Abbas gerechnet, der bei den Leuten im Westjordanland sowieso unbeliebt ist wie nie zuvor.

Doch es sieht so aus, als habe er sich schon wieder völlig verkalkuliert. Denn die Wut in Gaza richtet sich jetzt gegen ihn. Fast täglich finden Demonstrationen statt. Die Menschen halten Schilder in die Luft, auf denen - neben dem israelischen Premier Benjamin Netanyahu - auch Abbas zu sehen ist. Die Demonstranten halten Attrappen von in weißen Tüchern gewickelten Babyleichen in die Luft. Aus Abbas Mund läuft rotes Blut und über seiner Brust prangt die Aufschrift "Mörder".

Die Hamas aber, die mit Katar einen ihrer Hauptsponsoren zu verlieren droht, und deren strategische Lage so aussichtslos erschien wie kaum je zuvor, steht nun besser da als gedacht. Die Islamisten haben inzwischen begriffen, dass ihre einzige Chance in Ägypten liegt. Die ägyptische Regierung hat großes Interesse daran, den Gazastreifen stabil zu halten und dort die Kontrolle zu übernehmen.

Ausgerechnet die Hamas profitiert

Dafür auserwählt hat das Sisi-Regime einen alten Widersacher und Konkurrenten von Abbas, den ehemaligen Fatah-Politiker Mohammed Dahlan. Er war unter Jassir Arafat Sicherheitschef der Palästinensischen Autonomiebehörde im Gazastreifen und bekämpfte damals die Hamas. Inzwischen hat er sich mit den Islamisten arrangiert. Ihm werden gute Kontakte zur CIA und zum Schin Bet nachgesagt, 2011 wurde er aus der Fatah-Partei ausgeschlossen. Er lebt in den Vereinigten Arabischen Emiraten und besitzt das Vertrauen von Ägyptens Präsident Abdel Fattah el-Sisi. "Die Ägypter wollen, dass er im Gazastreifen in irgendeiner Weise wieder die Führung übernimmt", sagt der Sicherheitsexperte Kobi Michael vom INSS-Institut in Tel Aviv.

Wütend über diese Bestrebungen sei vor allem Abbas. Er habe eine Führungsrolle Dahlans abgelehnt und seither seien die Ägypter stinksauer auf ihn. Dass er und die Palästinenser im Nahen Osten mittlerweile eher als Belastung und nicht mehr als willkommenes Druckmittel gegen Israel empfunden werden, habe er nicht begriffen. "Für die moderaten arabischen Staaten zählen jetzt andere Probleme. Die gemeinsamen Interessen liegen darin, Iran zu bremsen und terroristische Gruppen wie den IS zu bekämpften", sagt Michael.

"Abbas muss zur Rechenschaft gezogen werden"

Im Norden des Gazastreifens, zwischen unfertigen Häuserblöcken und vermüllten Straßenzügen, lebt die Familie Ghaben. Im Wohnzimmer fehlen die Glasscheiben, stattdessen haben sie Plastiktüten mit Schnüren befestigt. Der Strom funktioniert nicht. Der Raum ist voller Fliegen. Die Großmutter trägt schwarz.

Der junge Vater, Mohamed Ghaben, 27, hält einen Stapel Papiere in der Hand. Das ist alles, was ihm von seinem ersten Sohn geblieben ist: Geburtsurkunde, Krankenhausbericht, Sterbeurkunde und der Ausdruck eines Fotos, auf dem ein blasses, nacktes Baby mit zwei Schläuchen in Mund und Nase zu sehen ist. Drei Kilogramm wog er bei der Geburt, beim Stillen lief er blau an, ein Herzfehler.

"Die Operation war nur in Israel möglich", sagt der Vater. Die ganze Familie half, die Großeltern, die Brüder, binnen drei Stunden hatte man noch am selben Tag alle nötigen Dokumente zusammen, schickte sie an die zuständige Person in der Palästinensischen Autonomiebehörde, die die Ausreise genehmigen muss.

Keine Antwort.

"Ich sah wie dieser kleine Junge litt und konnte nichts tun", sagt die Großmutter und weint. Am siebten Tag starb das Baby. Seither spricht die Mutter nicht mehr viel. Die Großmutter aber ist wütend. Sie streckt den Zeigefinder in die Luft: "Abbas muss zur Rechenschaft gezogen werden! Das sind seine Toten!"



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