Kommentar zum Nahost-Konflikt Der Raketenwahnsinn

Der Kampf zwischen Israel und Palästinensern ist auch ein Rüstungswettlauf: Die Hamas legt sich immer bessere Raketen zu, Israel suggeriert Sicherheit durch ein Abwehrsystem. Der Konflikt wird so zuverlässig zementiert.

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Es ist nur ein kleines, eigentlich völlig nebensächliches Detail in dem neu eskalierten Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern - aber ein vielsagendes. Israelische Behördenvertreter haben am Donnerstag ernsthaft vor einem "Eiserne-Kuppel"-Tourismus gewarnt.

Offenbar gibt es in Israel Menschen, die, anstatt bei Luftalarm Schutz zu suchen, lieber im Freien bleiben und das israelische Raketenabwehrsystem bei der Arbeit bestaunen.

Immerhin: Israels Behörden können das als Zeichen werten, dass ihre Meldungen über den angeblichen Erfolg der "Eisernen Kuppel" ("Iron Dome") Wirkung zeigen. Manche Bürger fühlen sich unter dem Schutzschirm anscheinend unverwundbar. Wer braucht da noch Friedensverhandlungen?

"Iron Dome" holt 90 Prozent aller anvisierten feindlichen Raketen vom Himmel, behauptet die israelische Luftwaffe. Die Hamas brüstet sich ihrerseits damit, dass sie - anders als noch vor einigen Jahren - Raketen im Arsenal hat, die alle größeren israelischen Städte bedrohen können. Selbst Haifa, 150 Kilometer von Gaza entfernt, ist inzwischen nicht mehr sicher.

Ob "Iron Dome" wirklich eine Trefferquote von 90 Prozent erreicht oder ob diese Zahl weit übertrieben ist, wie renommierte Experten schon länger argwöhnen, ist ebenso zweitrangig wie die Frage, wie weit genau die Raketen der Hamas reichen. Bedeutender ist, dass der technische Rüstungswettlauf zu einem wichtigen Bestandteil des israelisch-palästinensischen Dauerkonflikts geworden ist: Er trägt dazu bei, dass der Weg zu einer Lösung des Problems versperrt bleibt. Denn die kann nur eine politische, niemals aber eine technisch-militärische sein.

Reichweiten der Hamas-Raketen (Stand Juli 2014)
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Reichweiten der Hamas-Raketen (Stand Juli 2014)

Ausgelöst wurde die erneute Eskalation ohnehin nicht von Raketen. Stattdessen wurde das Blutvergießen durch bestialische Morde verursacht: Erst wurden drei junge Israelis massakriert, dann ein junger Palästinenser bei lebendigem Leib verbrannt. Der Rest folgte dem sattsam bekannten Eskalationsschema: Israel setzt seine hochgerüstete Armee zur Vergeltung ein, die Hamas reagiert mit Raketenfeuer. Israel schickt Kampfjets und verteidigt sich mit "Iron Dome", die Hamas beschafft sich Raketen mit höherer Genauigkeit und größerer Reichweite.

Und sollten neue Waffen nicht mehr weiterhelfen, dürften sich andere Mittel finden. Denn eines wird auch die ausgefeilteste Technik nicht ändern: Wege, einander umzubringen, wird es für Israelis und Palästinenser auf ihrem überschaubaren Fleckchen Erde immer geben.

Zum Autor
Jeannette Corbeau
Markus Becker ist Ressortleiter Wissenschaft bei SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Markus_Becker@spiegel.de

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