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Krankenhaus in Gaza: "Es fehlt hier an allem"

Aus Gaza berichtet

Humanitäre Lage im Gaza-Streifen: "Es fehlt hier an allem" Fotos
AFP

Kaum sauberes Wasser, kaum Strom, kaum Betäubungsmittel: Die humanitäre Lage im Gazastreifen ist katastrophal. Nicht nur der Krieg ist schuld daran. Hilfsorganisationen fordern ein Ende der israelischen Blockade.

Die Schwerstverletzten werden ins Schifa-Krankenhaus gebracht. Es ist das größte und beste im Gazastreifen. Einigen fehle ein Bein oder ein Arm, so sauber abgetrennt, als sei ein Chirurg am Werk gewesen, erzählen die Ärzte.

Die Wucht der israelischen Bomben und Raketen ist kaum vorstellbar. Sie entfalten ihre Explosionskraft auf einem kleinen Radius, doch dafür umso mächtiger. Von einem getroffenen Gebäude ist oft nur noch ein Loch mit etwas Schutt darum übrig. Der Rest, das einstige Haus und das Leben darin, scheint pulverisiert.

Im Schifa-Krankenhaus füllen sich allmählich die Betten. Insgesamt wurden in den vergangenen zwölf Tagen Krieg über 2000 Menschen verletzt, über 300 kamen ums Leben. Ein 13-Jähriger hat einen bandagierten Ellenbogen, zerbohrt von Raketensplittern. Andere haben im Bein und im Gesicht tiefe Schnitte von zerberstenden Fensterscheiben, manche verbrannte Haut am halben Körper.

Der Krieg verschärft die prekäre Lage

Bei über 30 Grad Lufttemperatur sind die Verletzten auf ihren Liegen ausgestreckt. Es gibt keine Kühlung. Strom, Wasser, Medikamente - alles ist knapp im Gazastreifen. Fragt man den Arzt Hassan Hallaf, ob es inzwischen an manchem fehle, schaut er nur fassungslos. "Uns fehlt es hier immer an allem. Jetzt wird es natürlich noch schlimmer."

Schon vor Beginn des Krieges mangelte es im Gazastreifen nach Uno-Angaben an 28 Prozent aller unentbehrlichen Medikamente, darunter örtliche Betäubungsmittel und Entzündungshemmer. Weitere 16 Prozent waren Mangelware, das heißt: Ihr Vorrat würde für weniger als zwölf Wochen ausreichen.

Der Krieg wirft ein Schlaglicht auf einen Zustand, der sonst wie vergessen scheint: Die Not im Gazastreifen ist auch ohne Bombardierungen groß. Der Gazastreifen ist de facto seit Jahren unter einer nahezu vollständigen Blockade, die die Palästinenser als eine "Belagerung" bezeichnen. Kaum jemand darf hinaus und kaum etwas herein. Nun verschärft der Krieg die Not noch weiter.

Nur drei Stunden Elektrizität

Strom war vor dem Krieg bereits auf acht Stunden pro Tag rationiert. Nun haben die Bomben Leitungen beschädigt. Manche Viertel im Gazastreifen haben nun nur noch drei Stunden pro Tag Elektrizität. Auch das Abwasser- und Wassersystem wurde getroffen. An Reparaturen ist angesichts der aktuellen Sicherheitslage nicht zu denken. Zudem gibt es kein Material, um den Schaden zu beheben.

Seit zwölf Tagen schlagen die Bomben ein, Tag und Nacht, unterbrochen nur durch kurze Pausen. Vom Wasser aus werden die Raketen abgeschossen, von Land aus prasselt die Artillerie. Seit Donnerstagnacht sind auch israelische Soldaten am Boden im Einsatz. Sie scheinen sich weiter auf die unmittelbare Grenzregion mit Israel zu konzentrieren.

Während der kurzzeitigen Bombenpause am Donnerstag stolziert ein Mann mit akkuratem pechschwarzen Seitenscheitel über den Parkplatz des Schifa-Krankenhauses, im hellblauen Hemd und mit glänzenden Lederschuhen. Es ist der Hamas-Sprecher Muschir al-Masri. Das Leid der Menschen nutzt die Hamas als Bühne. Ein Fernsehinterview nach dem anderen gibt Masri vor dem Krankenhaus. "Es wird keinen Waffenstillstand geben ohne eine Aufhebung der Blockade", sagt der Mann mit dem perfekt getrimmten Vollbart, in dem kein Haar das andere zu überragen scheint, in jede Kamera.

Heftige Kritik von Hilfsorganisationen

Eigentlich sah schon der Waffenstillstand 2012 zwischen Israel und Gaza eine Lockerung der nahezu vollständigen Blockade vor. Die Waffenruhe hielt weitestgehend, doch die Beschränkungen blieben. Die Hamas lehnt es bisher ab, auf den aktuellen ägyptischen Waffenstillstandsvorschlag einzugehen, der ihr keine Garantie dafür gibt, dass es dieses Mal anders laufen könnte.

Doch nicht nur die Hamas will ein sofortiges Ende der Beschränkungen. Auch internationale Hilfsorganisationen kritisieren die strenge De-facto-Blockade heftig. "Eine undefinierte Sicherheitsbedrohung reicht der Regierung Israels als Begründung für diese Maßnahme, die das Gros der Bevölkerung daran hindert, das 365 Quadratkilometer kleine Landstück zu verlassen", wetterte Robert Turner, Leiter des Gaza-Programms des Hilfswerks der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA) am Donnerstag in einem Zeitungsartikel.

Jonathan Whittal, bei Ärzte ohne Grenzen verantwortlich für Forschung, schrieb in einem Debattenbeitrag, die Organisation müsse sich fragen, ob sie weiter im Gazastreifen humanitäre Hilfe leisten wolle. "So lange die Blockade auf Gaza bleibt, flicken wir Gefangene einer Open-Air-Haftanstalt zusammen von einer Folterrunde bis zur nächsten."

Zum Versorgen der Bevölkerung verpflichtet

Die Weltgesundheitsorganisation eröffnete ihren jüngsten Bericht 2013 (hier als PDF) über die medizinische Versorgung im Gazastreifen und im Westjordanland mit einem Zitat aus dem Völkerrecht: "Die Besatzungsmacht hat die Pflicht, in Zusammenarbeit mit den nationalen und örtlichen Behörden die medizinischen Einrichtungen und Leistungen, öffentliche Gesundheit und Hygiene in den besetzten Gebieten zu garantieren und zu bewahren."

Auch wenn die israelische Regierung es anders sieht - aus Sicht der Uno und des internationalen Völkerrechts hält Israel den Gazastreifen unter Besatzung. Damit ist das Land verpflichtet, so gut wie möglich für die Sicherheit und Versorgung der Bevölkerung dort zu sorgen.

Das israelische Militär versichert, alles zu tun, um zivile Opfer zu vermeiden. Bisher ist seine Bilanz dürftig. Im aktuellen Krieg sind nach Uno-Angaben drei Viertel der Getöteten Unbeteiligte.

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