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Gaza-Konflikt: Hamas schwört Israel Rache für getöteten Anführer

Der Tod eines ranghohen Hamas-Führers heizt den Konflikt im Gaza-Streifen an: Die islamistische Gruppierung droht Israel nun mit Selbstmordanschlägen und einer neuen Angriffserie. In Jakarta protestieren Zehntausende Muslime gegen den Krieg - dazu hatten die radikalen Palästinenser aufgerufen.

Gaza-Stadt - Die Hamas hat Vergeltung für den Tod ihres Top-Führers Nisar Rian angekündigt. Sprecher Ismail Radwan drohte mit Selbstmordanschlägen sowie Angriffen auf alle israelischen Ziele. Nach den Worten von Radwan werden Bombardements im Gaza-Streifen die Hamas weder zerbrechen noch dazu bringen, "die weiße Fahne zu hissen".

Rian gehörte zum engsten Führungszirkel der Hamas und war der Verbindungsmann zwischen dem politischen und militärischen Flügel. Bei dem israelischen Raketenangriff waren am Donnerstag nach palästinensischen Angaben er selbst, seine vier Frauen sowie elf seiner Kinder getötet worden.

Die israelische Armee wies Berichte zurück, wonach sie zu einer Politik der gezielten Tötung von Hamas-Führern zurückgekehrt sei. Die Luftwaffe greife Häuser an, die zur Hamas-Infrastruktur gehörten und in denen Raketen oder große Mengen an Sprengstoff gelagert würden, sagte eine Armeesprecherin am Freitag. Nach ihrer Darstellung hat die Armee auch die Bewohner des Hauses des getöteten Top-Hamas-Führers Rian gewarnt. Israel hatte im Frühjahr 2004 als Reaktion auf eine Welle von Selbstmordattentaten die beiden Hamas-Gründer Scheich Ahmed Jassin und Abd al-Asis al-Rantisi gezielt getötet.

400 Ausländer fliehen aus dem Gaza-Streifen

SPIEGEL ONLINE

In Erwartung einer israelischen Bodenoffensive im Gaza-Streifen haben Israel und militante Palästinenser an diesem Freitag ihre gegenseitigen Angriffe fortgesetzt. Die israelische Luftwaffe beschoss nach Angaben einer Armeesprecherin am siebten Tag in Folge mehr als 20 Ziele der islamistischen Hamas im Gaza-Streifen. Militante Palästinenser feuerten sieben Raketen auf Israel ab. Bei Einschlägen von zwei Raketen in Wohnhäusern in der südisraelischen Stadt Aschkelon wurden nach Polizeiangaben zwei Israelis verletzt.

Angesichts einer drohenden Bodenoffensive wollen immer mehr Ausländer den Gaza-Streifen verlassen. Israel gestattete am Freitag mehr als 400 Personen die Ausreise über den Grenzübergang Eres. Nach Angaben des israelischen Rundfunks handelt es sich dabei um Ehefrauen von Palästinensern. Sie stammen vor allem aus Russland, der Ukraine oder Polen.

Nahost-Konflikt
Die Gebiete
Im Grunde dreht sich der Konflikt um das Existenzrecht Israels und die Forderung nach einem eigenen Palästinenserstaat . Es gibt inzwischen palästinensische Autonomiegebiete - den Gaza-Streifen und das Westjordanland . Die Grüne Linie trennt die Gebiete von Israel. Um die israelischen Siedlungen in den umstrittenen Gebieten gibt es immer wieder Streit.
Die Gegner
Dem Staat Israel stehen einzelne Gruppierungen und Institutionen gegenüber: im Gaza-Streifen und Westjordanland die Palästinensische Autonomiebehörde | Hamas | Kassam-Brigaden | Volkswiderstandskomitee (PRC) | PLO | Fatah | Al-Aksa-Brigaden | Islamischer Dschihad | im Libanon die Hisbollah
Geschichte

Die islamistische Hamas hat alle Palästinenser zu Massenprotesten nach dem traditionellen Freitagsgebet aufgerufen. Die Palästinenser sollten an einem "Tag des Zorns" gegen die israelischen Luftangriffe auf den Gaza-Streifen sowie die israelische Besatzung demonstrieren.

Tausende Palästinenser sind den Aufrufen gefolgt und haben gegen die israelische Offensive demonstriert. Die Demonstranten versammelten sich am Freitag sowohl im arabischen Ostteil Jerusalems als auch am Sitz der palästinensischen Autonomieverwaltung in Ramallah. "Wir sind bereit, unsere Seele und unser Blut für Gaza zu opfern", skandierten die Demonstranten in Ramallah.

Bei den Protesten im Osten Jerusalems setzte die israelische Polizei Tränengas ein. Zunächst hatten mehrere tausend muslimische Gläubige sich an der al-Aksa-Moschee friedlich zum Freitagsgebet versammelt, dann warfen Palästinenser Steine auf israelische Polizisten. Dutzende verschleierte Frauen zogen mit Hamas-Fahnen durch Jerusalemer Stadttore. Im Stadtviertel Ras el Amud wurden zwei Brandsätze auf israelische Polizisten geworfen.

Auch in Jakarta haben 10.000 Menschen gegen die israelischen Luftangriffe protestiert. Die Demonstranten richteten Raketenattrappen mit der Aufschrift "Ziel: Tel Aviv, Israel" auf das Botschaftsgebäude der USA, das von Hunderten Polizisten bewacht wurde. Die Männer, Frauen und Kinder schwenkten indonesische und palästinensische Flaggen und riefen "Gott ist groß". Auf Plakaten war zu lesen: "Rettet Palästina vor Israel, dem Terroristen". Auch in anderen indonesischen Städten kam es nach den Freitagskundgebungen zu Protestaktionen.

Die palästinensische Autonomiebehörde in Ramallah hat unterdessen alle nicht genehmigten Demonstrationen verboten. Aus Furcht vor Gewaltausbrüchen nach dem Freitagsgebet hat die israelische Armee auch das Westjordanland abgeriegelt. Zugang zum Tempelberg (Haram al-Scharif) sollen außerdem nur Männer bekommen, die älter sind als 50 Jahre, in Ostjerusalem leben oder einen israelischen Ausweis haben.

Vorbereitungen für Bodenoffensive

Die israelische Luftwaffe hat nach Armeeangaben seit Samstag mehr als 700 Einsätze geflogen. Dabei wurden nach palästinensischen Angaben mindestens 422 Menschen getötet. Wie die Gesundheitsbehörde am Freitag in Gaza mitteilte, wurden mindestens 2200 weitere Menschen verletzt. 380 von ihnen würden in Lebensgefahr schweben. Im Gegenzug schlugen auf israelischem Boden 700 Raketen ein. Als Folge des Beschusses durch militante Palästinenser starben vier Israelis.

Israel will mit seinem Militäreinsatz einen Stopp des Raketenbeschusses aus dem Gaza-Streifen erreichen. Die militanten Palästinenser wollen Israel mit dem Raketenbeschuss zwingen, die Blockade des Gaza-Streifens aufzuheben und alle Grenzübergänge für einen freien Warenverkehr zu öffnen. Sollten weder der diplomatische Druck auf die Hamas noch die Luftangriffe den Raketenbeschuss stoppen, ist Israel zu einer Bodenoffensive bereit. Um den Gaza-Streifen herum wurden sowohl Panzer als auch Bodentruppen in Stellung gebracht.

Unterdessen hat die islamistische Hamas die rivalisierende Fatah-Fraktion von Präsident Mahmud Abbas zum Einlenken aufgefordert. "In solchen Zeiten muss man einig sein", erklärte der Vizechef des Hamas-Politbüros, Mussa Abu Marsuk, am Freitag dem Nachrichtensender al-Arabija. "Wir sagen ja zum Dialog (mit Fatah)", meinte er. Gleichzeitig forderte er Abbas auf, im Westjordanland inhaftierte Hamas-Angehörige freizulassen.

cte/AP/AFP/dpa

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