Gaza-Konflikt Hamas zwingt Israel in den Zermürbungskrieg

Benjamin Netanjahu hat sich verkalkuliert. Der Krieg hat die Hamas zwar geschwächt, die Extremisten feuern aber weiterhin Raketen auf Israel ab. Der Druck auf den Premier wächst, seine Koalitionspartner fordern eine dauerhafte Invasion in Gaza.

Aus Tel Aviv berichtet


Fünf Tage hat Israels Regierung gebraucht, um ihre Fehleinschätzung einzugestehen. "Das Ziel der Militäroperation 'Fels in der Brandung' ist erreicht worden. Mission erfüllt", teilte die Armee am vergangenen Dienstag mit. Da hatte gerade eine 72-stündige Feuerpause zwischen Israel und der Hamas begonnen, eine Einigung bei den Verhandlungen in Kairo über einen dauerhaften Waffenstillstand schien gewiss.

Doch am Freitag ist die Waffenruhe abgelaufen. Die Hamas lehnte Israels Angebot für eine weitere Verlängerung der Feuerpause ab. Seither haben militante Palästinenser Dutzende Raketen auf den jüdischen Staat abgefeuert. Israel reagierte mit Luftangriffen auf den Gaza-Streifen, bei denen seither mindestens zehn Menschen getötet wurden.

Nun sagt Ministerpräsident Benjamin Netanjahu: "Die Operation 'Fels in der Brandung' geht weiter. So lange, bis sie ihre Ziele erreicht hat. Das wird dauern." Der Premier räumt damit indirekt ein, dass Israel die Reaktion der Hamas in den vergangenen Tagen falsch eingeschätzt hatte. Regierung und Armee waren offenbar davon ausgegangen, dass die Hamas so geschwächt wurde, dass sie ihre Angriffe auf Israel einstellen werde.

Netanjahus Koalitionspartner fordern Bodenoffensive

Jetzt rächt sich, dass Israels Militäroffensive zuletzt fast nur noch auf die Angriffstunnel der Hamas zielte, mit denen die Miliz Kämpfer nach Israel geschleust hatte. Die Gefahr, die von dem Raketenbeschuss aus Gaza für Israel ausgeht, war dabei auch in der öffentlichen Debatte fast komplett in den Hintergrund getreten.

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Gaza-Konflikt: Die Gefechte gehen weiter
"Die Menschen in Südisrael können in ihre Häuser zurückkehren und sich sicher fühlen", hatte die Armeeführung am vergangenen Dienstag voreilig mitgeteilt. Das Militär schickte zudem einen Großteil der einberufenen Reservisten wieder nach Hause. Die Hamas hat das offenbar als Einladung verstanden, um ihre noch vorhandene militärische Stärke zu demonstrieren. Die militanten Palästinenser hoffen, durch eine Verlängerung des Konflikts ihre Verhandlungsposition gegenüber Israel zu stärken.

Doch bis beide Seiten überhaupt wieder über einen dauerhaften Waffenstillstand verhandeln, dürfte noch einige Zeit vergehen. Der erste Versuch in Kairo ist gescheitert. Die israelische Delegation will erst wieder nach Ägypten zurückkehren, wenn die Hamas ihren Raketenbeschuss beendet. Die Palästinenser lehnen diese Vorbedingung ab.

Netanjahus Koalitionspartner aus dem rechten Lager fordern daher immer vehementer eine großangelegte, längerfristige Bodenoffensive im Gaza-Streifen. "Ich habe von Anfang an gesagt, dass wir die Hamas besiegen und in Gaza aufräumen müssen", sagte Außenminister Avigdor Lieberman. "Wenn man doch nur auf mich gehört hätte, wäre das auch längst passiert."

Ein Großteil der Israelis teilt die Einschätzung, dass die Armee ihren Einsatz in Gaza wieder aufnehmen muss. Bereits in der vergangenen Woche war laut Umfragen nur jeder Vierte der Ansicht, dass die Militäroperation alle Ziele erreicht habe. Der erneute Raketenbeschuss gibt den Skeptikern recht.

Netanjahu hat zwei Optionen gegen die Hamas

Bislang hat die Hamas seit Freitag nur grenznahe Orte in Israel beschossen. Zentralisrael mit seinen Ballungsräumen um Tel Aviv und Jerusalem ist bislang von neuen Angriffen verschont geblieben. Das Kalkül der Hamas: So lange das Militär nur mit Luftangriffen auf diesen Beschuss reagiert, entsteht bei vielen Israelis der Eindruck, die Regierung habe sich mit Angriffen auf Südisrael fast schon abgefunden.

Netanjahu hat derzeit eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Er kann sich auf einen Zermürbungskrieg mit der Hamas einlassen. Das würde bedeuten, er setzt darauf, dass die Raketen aus Gaza weiterhin keinen größeren Schaden anrichten und das Arsenal der Extremisten irgendwann erschöpft ist - das kann Monate dauern.

Die Alternative: Der Premier entschließt sich zu einer längeren Bodenoffensive im Gaza-Streifen. Das würde jedoch viele Risiken mit sich bringen. Weitere Verluste in den Reihen der Armee wären unausweichlich, zudem stiege die Gefahr, dass Soldaten von der Hamas entführt und als Faustpfand für Verhandlungen eingesetzt werden könnten.

Und es bleiben zwei Fragen, die noch kein israelischer Regierungspolitiker schlüssig beantwortet hat: Wann würde Israel sich wieder aus dem Gaza-Streifen zurückziehen, und wer sollte dann die Macht dort übernehmen?

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