Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Kriegsboykott israelischer Reservisten: "Wir weigern uns"

Aus Tel Aviv berichtet

Israelische Soldatin (Symbolbild): "Wir weigern uns, als Reservisten zur Verfügung zu stehen" Zur Großansicht
AFP

Israelische Soldatin (Symbolbild): "Wir weigern uns, als Reservisten zur Verfügung zu stehen"

Die meisten Israelis stehen hinter dem Gaza-Einsatz - doch 50 junge Reservisten begehren auf, unter ihnen viele Frauen. Sie wollen der Armee nicht mehr zur Verfügung stehen. Nun gelten sie als Verräter, die Reaktionen sind scharf.

Chen Tamir ist in vieler Hinsicht ein Ausnahmefall. Die 34-Jährige ist Israelin, hätte aber nicht zum Militär gemusst. Denn sie besitzt auch die kanadische Staatsbürgerschaft und hat im Wehrpflichtalter mit ihren Eltern in Toronto gelebt. Der Dienst an der Waffe wäre ihr also erspart geblieben. Doch mit 17 Jahren meldete sie sich freiwillig zur israelischen Armee.

Zwei Jahre lang diente sie als Teenager in Nordisrael. Sie gehörte zur kämpfenden Truppe. Dabei werden Mädchen und Frauen in der israelischen Armee normalerweise gern an den Schreibtisch geschickt. Nun tut Chen Tamir schon wieder etwas Ungewöhnliches.

50 junge Israelis, darunter auch Tamir, haben einen Protestbrief in der US-Zeitung "Washington Post" veröffentlicht. Ihnen reicht es.

"Wir weigern uns, als Reservisten zur Verfügung zu stehen", schreiben sie über den Gaza-Krieg. Weder an der Waffe noch am Schreibtisch. Schon in vergangenen Kriegen hatte es solche öffentlichen Briefe gegeben. Dieses neue Papier jedoch haben erstmals mehrheitlich Frauen aufgesetzt.

Den Unterzeichnern geht es um mehr als die aktuelle, brutale Offensive im Gazastreifen. Sie lehnen ab, was sie als "Militarisierung der Gesellschaft" bezeichnen. Einer Gesellschaft, in der Kämpfe die Diplomatie ersetzt hätten.

Chen Tamir: Die 34-Jährige verweigert den Kampf an der Waffe Zur Großansicht
SPIEGEL ONLINE

Chen Tamir: Die 34-Jährige verweigert den Kampf an der Waffe

"Wir haben diese Kriege schon zu oft erlebt", sagt Chen Tamir. "Wenn wir nicht in zwei Jahren schon wieder an demselben Punkt stehen wollen, müssen wir jetzt die Blockade des Gazastreifens und die Besatzung der palästinensischen Gebiete beenden. Wir brauchen eine politische Lösung, keine militärische."

In ihrem Protestbrief kritisieren die Unterzeichner auch die Postenvergabe im Militär. Niemand kann sich seinen Wehrdienstjob aussuchen. Häufig werden Frauen in Büros geschickt, arabische Juden auf unbeliebte Posten und europäische Juden in die Eliteeinheiten.

Der Wehrdienst wirkt sich auch auf die Zeit nach dem Militär aus. Die ausgeübte Funktion gehört auf jeden Lebenslauf. Noch nie hatte Israel einen Premierminister, der nach der Gründung des Staates aufwuchs und nicht in einer der Eliteeinheiten Karriere machte - oder es gar bis zum Generalstabschef brachte.

Den meisten Israelis gilt sie als Verräterin

Kritik an den "israelischen Verteidigungskräften", wie das Militär heißt, kommt daher in Israel so etwas wie einem Sakrileg gleich. "Lasst das Militär siegen!" lautet die Forderung vieler Israelis, Kritik am brutalen Vorgehen des Militärs lassen sie nicht gelten.

Entsprechend fallen die Reaktionen auf den Protestbrief in der "Washington Post" aus. "Ich werde immer wieder auf Facebook und in E-Mails als Verräterin beschimpft", sagt Chen Tamir. "Dabei kann man ein guter Jude und ein guter Israeli sein, auch wenn man die Regierung kritisiert." Sie selbst bezeichnet sich als "echte Patriotin": "Ich liebe dieses Land. Ich will, dass das Leben besser wird für uns alle hier. Deswegen mache ich das alles."

Ein anderer Mitunterzeichner des Briefes habe gleich nach der Veröffentlichung Probleme am Arbeitsplatz bekommen, berichtet die 34-Jährige. Ein Kollege weigerte sich, mit dem vermeintlichen "Nestbeschmutzer" weiter zusammenzuarbeiten.

Tamir muss solche Konsequenzen kaum fürchten. Sie lebe behütet, sagt sie: Ihr engster Kreis besteht aus ähnlich Denkenden - sie arbeitet in der Kunstszene und lebt, wie viele israelische Alternative, im arabischen Jaffa bei Tel Aviv.

Aber sie weiß, wie das Israel außerhalb ihrer Blase sieht. "Mit meinen Ansichten gelte ich als radikal", sagt Chen Tamir. "Aber ich komme mir nicht so vor. Ich habe das Gefühl, dass ich normal bin und alle anderen verrückt."

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Israelische Soldatinnen: Bürgerinnen in Uniform

Fotostrecke
Gazastreifen: Warten auf die Waffenruhe

Fläche: 22.072 km²

Bevölkerung: 8,358 Mio.

Regierungssitz: Jerusalem

Staatsoberhaupt:
Reuven Rivlin

Regierungschef: Benjamin Netanjahu

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Israel-Reiseseite


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: