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Gaza-Konflikt: Schock über Schul-Bombardement - erste Hoffnung auf Feuerpause

Von Ulrike Putz und Yassin Musharbash

Tag der Extreme in Nahost: Mehr als 40 Menschen starben durch israelische Granaten auf eine Uno-Schule im Gaza-Streifen. Doch zugleich wird eine Waffenruhe wahrscheinlicher - Israel lehnt sie nicht mehr rundweg ab, die USA fordern sie, und Frankreich scheint schon einen Plan zu haben.

Aschkelon / Berlin - Es sind dramatische Szenen, die Augenzeugen aus der Stadt Dschabalia im Norden des Gaza-Streifens schildern: Dutzende Menschen liegen dort in Blutlachen vor einem Schulgebäude des Uno-Palästinenserhilfswerks UNRWA. Mehr als 40 von ihnen sollen tot sein und Dutzende verletzt.

Krankenhausmitarbeiter im Gaza-Streifen sowie Mitarbeiter der palästinensischen Gesundheitsbehörde bestätigen die Angaben großteils. Uno-Vertreter sprechen von mindestens 30 Toten und 55 Verletzten an der Schule.

Granaten israelischer Panzer sollen das Blutbad angerichtet haben. Möglicherweise war allerdings nicht die Schule selbst das Ziel. So berichteten einige Augenzeugen laut Nachrichtenagenturen, dass Militante in unmittelbarer Nähe des Schulgebäudes Raketen abgefeuert hätten.

Nach Darstellung des israelischen Militärs haben Militante der Hamas Mörsergranaten sogar aus der Schule heraus abgefeuert. Israelische Soldaten hätten das Feuer der Milizen lediglich erwidert, sagte ein israelischer Militärsprecher in Tel Aviv: "Es ist nicht das erste Mal, dass palästinensische Militante aus einer Uno-Schule heraus geschossen hätten."

Schon am Montagabend war eine andere UNRWA-Schule getroffen worden; fünf Tote waren die Folge.

UNRWA: Schule trug Uno-Markierung

Normalerweise lernen an der am Dienstag getroffenen "Schule C" etwa 1000 Jungen bis zum Abitur. Wie viele Menschen sich zum Zeitpunkt des jeweiligen Bombardements im Gebäude aufhielten, blieb zunächst unklar. Nach Aussagen eines palästinensischen Journalisten könnten es über 1000 gewesen sein. "In der Schule, die gestern getroffen wurde, campierten 450 Flüchtlinge. Die 'Schule C' ist zwei bis drei Mal größer, fasst also viel mehr Menschen", sagt Safuat Kahlut, der vor Jahren auf just diesem Gymnasium seinen Abschluss machte.

Die "Schule C" ist eine von 23 Schulen, welche die UNRWA vor Tagen als Zufluchtsort geöffnet hat. An diesem Dienstag sollte dort mit der Verteilung von Decken, Essen und Trinkwasser begonnen werden.

"Die Leute campieren in den Schulen, weil sie sich in Uno-Gebäuden sicher fühlen", sagte UNRWA-Sprecher Adnan Abu Hasna SPIEGEL ONLINE per Telefon aus Gaza-Stadt. Wie alle Uno-Gebäude seien auch die Schulen als Analyse der Vereinten Nationen ausgezeichnet. "Auf dem Dach sind mit großen blauen Lettern Markierungen angebracht, die auch aus großer Höhe zu sehen sind." Zudem wehe über allen Schulen die UNRWA-Flagge. Hasna: "Die Israelis wissen genau, wo die Uno-Schulen liegen. Wir übermitteln ihnen sogar die GPS-Daten unserer Gebäude."

Seit Beginn der Bodenoffensive der israelischen Armee sieht sich die UNWAR mit einem anschwellenden Strom von Vertriebenen konfrontiert. "Die Häuser vieler Familien aus dem Kampfgebiet im Norden sind beschädigt oder zerstört", sagt Hasna. Seit israelische Truppen in Gaza stehen, warnt die israelische Armee die Zivilbevölkerung des Nordens zudem, ihr Zuhause in den Kampfzonen zu verlassen. Tausende seien dem Aufruf gefolgt und hätten sich in die vermeintlich sicheren Schulen zurückgezogen.

Aufwind für diplomatische Bemühungen

Der Angriff auf die "Schule C" war der bisher tödlichste im seit elf Tagen dauernden Krieg Israels gegen die Hamas im Gaza-Streifen. Es ist anzunehmen, dass er ein politisches Nachspiel haben wird. Denn er erinnert an ein ähnlich blutiges Ereignis aus dem Libanon-Krieg 2006. Am Ende der dritten Kriegswoche schoss die israelische Luftwaffe im südlibanesischen Dorf Kana damals auf ein Haus, in dem eine Großfamilie Zuflucht gesucht hatte. In ersten Berichten war damals von knapp 60 Toten die Rede, schließlich wurden 28 zivile Opfer gezählt. 16 von ihnen waren Kinder.

Nahost-Konflikt
Die Gebiete
Im Grunde dreht sich der Konflikt um das Existenzrecht Israels und die Forderung nach einem eigenen Palästinenserstaat . Es gibt inzwischen palästinensische Autonomiegebiete - den Gaza-Streifen und das Westjordanland . Die Grüne Linie trennt die Gebiete von Israel. Um die israelischen Siedlungen in den umstrittenen Gebieten gibt es immer wieder Streit.
Die Gegner
Dem Staat Israel stehen einzelne Gruppierungen und Institutionen gegenüber: im Gaza-Streifen und Westjordanland die Palästinensische Autonomiebehörde | Hamas | Kassam-Brigaden | Volkswiderstandskomitee (PRC) | PLO | Fatah | Al-Aksa-Brigaden | Islamischer Dschihad | im Libanon die Hisbollah
Geschichte

Kana löste 2006 weltweit einen Sturm der Entrüstung aus, der Israel zum Einlenken zwang: Einen Tag nach dem fatalen Angriff rief Jerusalem eine 48-stündige Waffenruhe aus, die den Bewohnern des Südlibanons die Flucht aus dem Kriegsgebiet ermöglichen sollte. Nicht nur in der öffentlichen Wahrnehmung wurde Kana damit zu einem Wendepunkt des Krieges. Auch die internationalen Bemühungen um einen Waffenstillstand gewannen nach Kana deutlich an Fahrt.

Die Attacken auf die Schulen in Dschabalia könnten nun einen ähnlichen Effekt haben. Noch sind die Aktivitäten an der diplomatischen Front etwas undurchsichtig, und es ist auch noch nicht klar, ob sie durch die Tragödie von Dschabalia befördert wurden - aber am Dienstag kam in jedem Fall Bewegung in die internationalen Bemühungen um eine Wafferuhe.

So erklärte ein Sprecher des US-Außenministeriums fast zeitgleich zum Bombardement der "Schule C", dass die Vereinigten Staaten eine Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas begrüßen würden, die "dauerhaft, zeitlich unbegrenzt und nachhaltig" sei und außerdem "sofort" eintritt. Bisher waren solche Signale aus Washington nicht zu hören gewesen. Vielmehr schien es, als habe die Regierung von Präsident George W. Bush sich entschieden, Israel zunächst nicht in die Hand zu fallen. Nur wenig später versuchte das Weiße Haus denn auch die Erwartungen zu dämpfen: Die Formel aus dem Außenamt stelle keinen Politikwechsel dar, sagte eine Sprecherin.

Internationale Truppe wird diskutiert

SPIEGEL ONLINE

Doch es gab noch weitere Signale, die danach klangen, als sei eine zumindest temporäre Waffenruhenicht länger unwahrscheinlich. So sagte der französische Präsident Nicolas Sarkozy am späten Dienstagnachmittag, er sehe Spielraum für eine baldige Lösung. Details seines Plans sind noch nicht bekannt. Aber er scheint ein annehmbares Paket geschnürt zu haben. Ein hochrangiger israelischer Beamter sagte, Sarkozy habe eine "ernsthafte Initiative" für eine Waffenruhe vorgeschlagen, in Zusammenarbeit mit Ägypten. Im Kern werde nun über Ausrüstung und Größe einer "internationalen Präsenz" diskutiert, die die Grenze zwischen Gaza-Streifen und Ägypten überwachen soll.

Mehrere israelische Diplomaten bestätigten, dass es Fortschritte in diese Richtung gebe. Der Knackpunkt scheint zu sein, dass Israels Hauptbedingung erfüllt wird: effektiv zu verhindern, dass Hamas eine Waffenruhe zur erneuten Aufrüstung nutzt. Die zahlreichen Tunnel zwischen Ägypten und dem Gaza-Streifen waren dazu in der Vergangenheit Hauptnachschubweg.

Ägypten soll die Hamas zum Einlenken bewegen

Noch am Montag hatte Israels Regierungsspitze eine Waffenruhe nahezu kategorisch ausgeschlossen: Erst wenn alle Ziele erreicht seien, würden die Kampfhandlungen ein Ende haben. Nun sagte Israels Premier in einem Radiointerview: "Wenn der Terror endet, wenn der Waffenschmuggel aus dem Sinai nach Gaza endet, wird Israel die Kampfhandlungen einstellen."

Der Gesandte des Nahostquartetts, Tony Blair, bestätigte indirekt die Sarkozy-Initiative: Einflussreiche Staaten seien sich darüber einig, dass es einen Bedarf gebe, die Sicherheit an der Grenze zwischen Gaza-Streifen und Ägypten zu erhöhen. "Es wird über einen ernsthaften Plan diskutiert, das Schmuggeln zu beenden", sagte Blair in Jerusalem. Europäische Diplomaten bestätigten am Dienstag, dass nun bereits diskutiert werde, eine Spezialtruppe von Militäringenieuren an die fragliche Grenze zu senden, um gemeinsam mit Ägypten an der Unterbindung des Schmuggels zu arbeiten.

Auch die zweite Bedingung Israels, dass die Hamas nicht direkt mitverhandelt, scheint erfüllt werden zu können. Am Dienstag gab es jedenfalls keine Verlautbarungen der Organisation. Stattdessen wurde kolportiert, dass es in dem skizzierten diplomatischen Deal Ägypten zufallen werde, die Hamas zum Einlenken zu bewegen. Deren Hauptforderung bestand bisher in einer Beendigung der Blockade des Gaza-Streifens durch Israel.

Die Militäroffensive Israels im Gaza-Streifen begann vor elf Tagen. Insgesamt starben dabei bisher mindestens 629 Palästinenser. Nach Uno-Schätzungen sind rund ein Viertel Zivilisten. Zehn Israelis sind in dem Zeitraum getötet worden, vier durch Raketenbeschuss, sechs während der Kampfhandlungen im Gaza-Streifen.

Mit dpa/Reuters/AFP/AP

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