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Kinder im Gaza-Streifen: Generation Trauma

Aus dem Gaza-Streifen berichtet

Gaza-Konflikt: Kinder im Krieg Fotos
SPIEGEL ONLINE

Ihre Eltern sind tot, ihr Zuhause steht nicht mehr. Die Waffenruhe scheint zwar zu halten, doch der jüngste Krieg lässt im Gaza-Streifen zahllose Kinder traumatisiert zurück.

Ein Bild dieses Kriegs bekommt Dschamil Abdel Atti nicht mehr aus dem Kopf. Der Psychologe hat es selbst gemacht, mit seinem Handy. Das Foto zeigt einen Jungen mit zusammengekniffenem Mund und traurigen Augen. Er hält eine Zeichnung in die Kamera.

Dschamil Abdel Atti hatte den Jungen gebeten, das zu malen, was ihn am meisten bedrücke. Mit einem dicken orangefarbenen und einem violetten Holzstift malte das Kind ein Flugzeug, das Bomben abwirft, darunter liegt ein Mann in einer Blutlache am Boden. Neben ihm steht ein Junge, eine Sprechblase über sich. "Baba mat", steht da auf Arabisch. Papa ist tot.

"Mir geht das Bild sehr nahe", sagt der Psychologe. "Der Junge glaubt, dass nur sein Vater gestorben ist. Er hat aber noch viel mehr Verwandte verloren." Die Mutter hat verletzt überlebt.

Es waren schreckliche Wochen im Gaza-Streifen. Im Kampf gegen die radikalislamische Hamas hat die israelische Armee Tausende Tonnen Sprengstoff auf das kleine Fleckchen Land geworfen, über 30.000 Artilleriegeschosse schlugen ein, am Boden fuhren Panzer auf. Knapp 2000 Menschen, die meisten von ihnen Zivilisten, starben in dem Krieg, der am 8. Juli begann und in dem jetzt seit wenigen Stunden die Waffen schweigen.

Die Situation der jüngsten Opfer dieses Kriegs ist dramatisch. "Es ist davon auszugehen, dass jedes Kind im Gaza-Streifen von der Krise betroffen ist und psychologische Unterstützung braucht", schreibt die Uno in einem Bericht.

"Ich kann nicht mehr schlafen"

Dschamil Abdel Atti besucht mit seinem Team täglich die Kinder, die vorübergehend in den Uno-Schulen untergekommen sind. Er malt und spielt mit ihnen. Gemeinsam machen sie Atemübungen, um die Anspannung abzubauen.

Abdel Atti hat schon auf Haiti mit den Erdbebenopfern zusammengearbeitet. Seit 2005 leitet er den Gaza-Ableger der internationalen Organisation Center for Mind-Body Medicine, die sich auf die Behandlung von Traumata in Krisengebieten spezialisiert hat. Ziel ist es, den Betroffenen einfache Übungen beizubringen, mit denen sie sich selbst helfen können - autogenes Training, Atemübungen, Yoga, Meditation.

Der Psychologe selbst hält sich auch an diese Techniken, um mitten im Krieg weiterarbeiten zu können. Regelmäßig meditiert er und macht Tai-Chi - um "konzentriert und gefasst zu bleiben". Mit seinen Leuten setzt er sich einmal am Tag zusammen, um sich auszutauschen und sich gegenseitig zu unterstützen.

Nirgends fühlen sich die Kinder sicher

Abdel Atti zieht einen gelben Notizzettel aus seiner Hemdtasche. Darauf hat er sich die Sorgen notiert, die eine Kollegin beim letzten Treffen teilte. "Ich kann nicht mehr schlafen, wenn ich die Kampfjets höre. Ich habe gesehen, wie sich meine Nachbarn unter ihrer Treppe versteckten. Sie wurden alle getötet. Daran muss ich immer denken", liest Abdel Atti mit ruhiger Stimme vor.

Jedes Kind hat in diesem Krieg kaum Vorstellbares hinter sich: Es musste erfahren, dass niemand es beschützen kann - die Eltern nicht und auch nicht die Uno. In der von den Vereinten Nationen geführten Dschabalia-Grundschule für Mädchen leben mehrere Hundert Familien aus dem Norden Gazas bei 34 Grad dicht gedrängt in Klassenzimmern und aus Tüchern gebauten Zelten im Schulhof. Über der Schule fliegen unsichtbar am Himmel Israels Drohnen trotz Waffenruhe. Sie klingen, als ob jemand direkt neben einem steht und unablässig in die Wand bohrt.

Wenn fremde Besucher kommen, stürmen die Kinder auf sie zu. Sie zerren an Haaren, Hemden, Kameras. Anklagend zeigt ein Junge auf ein ausgebranntes Klassenzimmer. 16 Menschen wurden bei einem israelischen Angriff auf die Schule getötet.

"Unruhe, Bettnässen, Albträume, Aggressivität"

Still am Rande des Schulhofs steht Malak al-Chatib. Sie wirkt älter als ihre 15 Jahre, wenn sie spricht. "Dieser Krieg ist schlimmer als der letzte, denn ich habe dieses Mal meinen Bruder verloren und meinen Cousin." Dort in dem verkohlten Klassenzimmer.

Die 15-Jährige fühlt sich nicht sicher, auch nicht in der Uno-Schule während einer Waffenruhe. Malak al-Chatib schläft nur noch eine halbe Stunde pro Nacht, dann liegt sie wieder wach und dreht sich auf ihrer Matratze hin und her, bis es hell wird.

"Unruhe, Bettnässen, Albträume, Konzentrationsverlust, Aggressivität, asoziales Verhalten, Unfähigkeit sich in die Zukunft zu projizieren, ein massives Unsicherheitsgefühl", zählt Psychologe Abdel Atti in seiner Praxis in Gaza die Symptome auf, die er bei den Kindern in den Uno-Schulen sieht. Es sind Anzeichen, dass sie Traumatisches erlebt haben, und Depressionen oder Persönlichkeitsstörungen entwickeln könnten, wenn ihnen nicht geholfen wird.

"Von posttraumatischen Belastungsstörungen können wir genau genommen nicht sprechen", sagt der Psychologe. "Das 'Post', also das Danach, gibt es im Gaza-Streifen nicht. Wir leben in einem ständigen Kriegszustand. Die Traumata des letzten Kriegs sind noch nicht verheilt, wenn es wieder losgeht."

Gazakrieg 2014

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