Gaza-Streifen Die Überlebensstrategie der Hamas heißt Krieg

72 Stunden hielt die Hoffnung auf eine echte Waffenruhe in Nahost: Nun fliegen wieder Raketen, es gibt Tote. Die Hamas zieht den Konflikt vorsätzlich in die Länge. Eine andere Wahl hat sie kaum - ihr fehlen bisher die Erfolge.

AP

Aus Tel Aviv berichtet


Ibrahim al-Duausa heißt das jüngste Opfer des Gaza-Kriegs. Der zehnjährige Junge wurde am Freitagvormittag bei einem israelischen Luftangriff getötet. Nach drei Tagen Feuerpause ist der Konflikt zwischen Israel und der Hamas wieder aufgeflammt. Die palästinensischen Islamisten weigerten sich, die um 8 Uhr ausgelaufene Waffenruhe zu verlängern. Dies hatte Israel angeboten. Seitdem haben sie mehr als 30 Raketen und Mörsergranaten auf grenznahe Orte in Israel abgefeuert. Zwei Menschen wurden dabei verletzt.

Zweieinhalb Stunden lang ließ Israels Militär den Beschuss unbeantwortet - dann startete die Luftwaffe neue Angriffe auf den Gaza-Streifen. In Kairo wurden die Verhandlungen über einen Waffenstillstand abgebrochen. Die israelische Delegation hat Ägypten bereits verlassen. "Israel verhandelt nicht unter Beschuss", teilte die Regierung mit.

Bei den Gesprächen unter ägyptischer Vermittlung hatten sich die Konfliktparteien in den vergangenen Tagen überhaupt nicht bewegt. Es steht Forderung gegen Forderung: Die Hamas verlangt die Aufhebung der Blockade des Gaza-Streifens. Israel will die Grenzen höchstens schrittweise öffnen - aber nur, wenn die Palästinenser die Waffen niederlegen. Auch die von der EU in Aussicht gestellte Entsendung von Polizisten und Zöllnern an die Grenze zwischen Ägypten und dem Gaza-Streifen hat keinen Durchbruch gebracht.

Hamas kann den Menschen in Gaza keinen Erfolg präsentieren

Die Hamas ist offenbar der Ansicht, sie könnte ihre Position dadurch stärken, dass sie ihre Angriffe auf Israel fortsetzt. Zwar haben die Führungsfiguren der Organisation den Krieg überlebt und die Kassam-Brigaden verfügen noch immer über Tausende Raketen. Einen greifbaren Erfolg, den die Hamas den Bewohnern des Gaza-Streifens präsentieren kann, hat sie jedoch bislang nicht errungen. Mehr als 1800 Palästinenser wurden getötet, Zehntausende haben ihre Häuser verloren - so wie es jetzt aussieht, für nichts.

Wenn überhaupt, kann die Hamas nur einige Propagandaerfolge vorweisen: Der Krieg hat das Ausmaß des Tunnelnetzes der Islamisten offengelegt, durch das ihre Kämpfer nach Israel einsickern und Soldaten töten konnten. Außerdem hat die Miliz bewiesen, dass ihre Raketen inzwischen fast das ganze israelische Staatsgebiet bedrohen. Zwei Belege für die Schlagkraft der Islamisten.

Es ist der Hamas aber weder gelungen, einen israelischen Soldaten als Faustpfand für Verhandlungen gefangen zu nehmen, noch hat sie es geschafft, den Konflikt auf das Westjordanland auszuweiten. Zwar solidarisieren sich die Palästinenser dort mit ihren Landsleuten in Gaza - eine dritte Intifada ist jedoch nicht in Sicht.

Hamas präsentiert unentdeckten Tunnel

Zumindest haben es die militanten Palästinenser geschafft, die Armee des Gegners zu blamieren. "Mission erfüllt", hatte das israelische Militär Anfang der Woche voreilig getwittert. Generalstabschef Benny Gantz verkündete am Dienstag nach Inkrafttreten der 72-stündigen Feuerpause: "Die Menschen, die in der Nähe des Gaza-Streifens leben, können in ihre Häuser zurückkehren, auf den Feldern arbeiten und ihr altes Leben leben." Premier Benjamin Netanjahu bekräftigte am Mittwoch: "Die Sicherheitslage ist besser als vor der Militäroperation." Das war wohl eher Wunschdenken, wie sich nun zeigt.

Israel und Ägypten sind nun fest entschlossen, der Hamas einen Verhandlungserfolg zu verweigern. Die Islamisten sollen bei Abschluss eines dauerhaften Waffenstillstands nicht stärker dastehen als vor Kriegsausbruch.

Netanjahu hat kein Interesse daran, erneut Bodentruppen in den Gaza-Streifen zu entsenden. 64 Soldaten sind bisher gefallen, zuletzt musste die Armee im Zweiten Libanonkrieg 2006 so hohe Verluste hinnehmen. Zudem brächte eine Invasion die Gefahr mit sich, dass der Hamas am Ende doch noch ein Israeli in die Hände fällt.

Israels Hardliner fordern Sturz der Hamas

Trotzdem gibt es auch innerhalb der Regierung Stimmen, die ein noch härteres Vorgehen im Gaza-Streifen fordern. "Unsere Abschreckungspolitik funktioniert nicht", sagte Wirtschaftsminister Naftali Bennett. "Der Moment der Wahrheit ist gekommen: Wir müssen das klare Ziel definieren, die Hamas ein für alle Mal zu stürzen."

Die Hamas scheint ihrerseits nur auf eine erneute Bodenoffensive der Israelis zu warten. Auch während des Waffenstillstands suchte sie den Machtbeweis über die Medien. Kämpfer der Kassam-Brigaden führten einen Al-Jazeera-Reporter am Donnerstag durch einen Tunnel, den Israels Armee bislang noch nicht entdeckt hat.

Die Milizionäre gaben an, sie hätten 21 Tage unter Tage ausgeharrt, stets bereit loszuschlagen. Die Propagandabotschaft dahinter ist eindeutig: Wenn Israel der Hamas nicht entgegenkommt, drohen weitere Angriffe aus dem Untergrund.

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