Propaganda im Gaza-Konflikt Krieg der Kameras

Die Hamas feiert dieses Video als Propagandasieg: Ein Film zeigt, wie ihre Kämpfer durch einen Tunnel über die Grenze gelangen und Soldaten töten. Israel spielt die Aufnahmen herunter - und hält mit eigenen Kriegsbildern dagegen.

REUTERS

Aus Tel Aviv berichtet


Die Szene könnte aus einem Videospiel stammen: Wie bei einem Ego-Shooter schlüpft der Zuschauer in die Haut eines Hamas-Kämpfers. Dank Helmkamera ist man ganz nah dran, hört den Atem des Mannes. Der Zuschauer klettert mit ihm aus einem engen Tunnel, rennt mit ihm über ein Feld, geht mit ihm hinter einer Mauer in Deckung. Dann schießt er mit dem Hamas-Kommando auf israelische Soldaten.

Dieses knapp vierminütige Video hat al-Aksa-TV, der Fernsehsender der Hamas, veröffentlicht. Es zeigt den Angriff auf einen israelischen Militärposten nahe des Kibbuz Nahal Os, wenige hundert Meter von der Grenze zum Gaza-Streifen entfernt. Bei dem Überfall am Montag tötete ein Hamas-Kommando fünf Soldaten und erbeutete offenbar ein israelisches Tavor-Gewehr, das am Ende des Films vorgeführt wird.

In dem Clip hat die Hamas ihre Kämpfer unkenntlich gemacht, zudem sind die Aufnahmen mehrfach geschnitten. Zu sehen ist in einer weiteren Sequenz, wie mehrere Angreifer aus kürzester Distanz auf einen israelischen Soldaten feuern und dann offenbar versuchen, seine Leiche zu verschleppen. Nach Angaben des israelischen Militärs wurde bei der Aktion auch ein palästinensischer Eindringling erschossen - diese Sequenz fehlt in dem Video jedoch.

Fotostrecke

7  Bilder
Tunnelvideo: Aus dem Tunnel direkt ins Netz
Für die Hamas ist der Clip der bisher größte Propagandaerfolg seit Beginn der israelischen Militäroffensive "Fels in der Brandung" vor drei Wochen. Das Video verbreitete sich rasend schnell in den sozialen Netzwerken, al-Aksa-TV wiederholt den Film in einer Art Endlosschleife.

Die Gefahr aus den Tunneln

Dem palästinensischen Publikum führt die Hamas die Aufnahmen als Beweis für die Fähigkeiten und den Mut ihrer Kämpfer vor. International wollen die militanten Palästinenser dem Vorwurf entgegentreten, ihnen gehe es nur darum, die israelische Zivilbevölkerung zu terrorisieren. Ziel sind in dem Video nur Soldaten.

Den Israelis zeigen sie mit dem Film, welche Gefahr ihnen aus den Tunneln droht, die vom Gaza-Streifen unter der Grenze hindurchführen. "Die Besatzungsmacht wird keine Sicherheit haben, so lange unser Volk nicht in Freiheit und Würde lebt", sagt Mohammed Deif in einer Tonaufnahme, die mit dem Video veröffentlicht wurde. Er ist Kommandeur der Kassam-Brigaden, dem bewaffneten Ableger der Hamas.

Israel versucht, die Bedeutung des Films herunterzuspielen. "Natürlich gibt es einen Krieg um die Bilder, aber der ist zweitrangig", sagte Armeesprecher Motti Almoz. "Der wirkliche Krieg findet auf dem Boden statt - und da sind die Ergebnisse eindeutig." Israelische Medien haben sich darauf geeinigt, nur eine gekürzte Version des Hamas-Videos zu senden. Den Schusswechsel mit dem Armeeposten zeigen sie nicht - ob diese Entscheidung auf Druck der Militärzensur getroffen wurde, bleibt offen.

Denn auch Israel will den Krieg der Bilder gewinnen. Die Tunnel der Hamas spielen dabei die wichtigste Rolle. "Minarot", hebräisch für Tunnel, ist derzeit das meistbenutzte Wort in den Nachrichtensendungen. Die Armee führt Journalisten durch die unterirdischen Gänge, die in den vergangenen Wochen entdeckt worden sind. TV-Beiträge zeigen, wie das Militär die Tunnel sprengt. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat den Kampf gegen das unterirdische Labyrinth der Hamas zum obersten Kriegsziel erklärt. Armee und Fernsehsender sorgen gemeinsam dafür, dass diese Botschaft beim israelischen Zuschauer ankommt.

Israels TV-Zuschauer sehen keine Toten aus Gaza

Bislang hat diese Strategie Erfolg. Laut Umfragen sind mehr als 80 Prozent der jüdischen Israelis gegen einen schnellen Waffenstillstand. Nur vier Prozent sind der Ansicht, dass Israel unverhältnismäßige Gewalt im Gaza-Streifen einsetzt.

Doch die israelischen Fernsehzuschauer bekommen nur einen Teil der Wirklichkeit zu sehen. Die Nachrichtensendungen zeigen zwar explodierende Häuser und Rauchsäulen über dem Gaza-Streifen, aber nicht, was mit den Menschen dort passiert. Bilder von getöteten und verletzten Frauen und Kindern aus den palästinensischen Krankenhäusern senden sie nicht.

Palästinenser tauchen im israelischen Fernsehen praktisch nur auf, wenn sie verzweifelt vor den Trümmern ihrer Häuser stehen. Oder als schemenhafte Punkte auf den Bildern von Militärdohnen. Als dunkle Gestalten, die versuchen davonzurennen, bevor sie von einer Rakete getroffen werden. Fast wie im Videospiel.

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.