Westjordanland und Gaza-Krieg Wut ohne Folgen

Die Menschen im Westjordanland leiden mit ihren Landsleuten im Gaza-Streifen - doch wirklich helfen können sie ihnen nicht. Bei einem neuen Volksaufstand gegen Israel hätten die Palästinenser zu viel zu verlieren.

Aus Ramallah berichtet

SPIEGEL ONLINE

Mit ruhigen Handbewegungen führt Raghad Kashef die Nadel in die Vene von Raed Abd al-Halim. Die Schwesternschülerin hat Routine, sie macht das an diesem Donnerstag zum vierzigsten Mal. Hunderte Palästinenser sind zu der Blutbank in Ramallah geströmt, sie wollen ihren Landsleuten im Gaza-Streifen helfen. Am Vormittag hatten die Imame in den Moscheen im Westjordanland zu der Aktion aufgerufen. Der Rote Halbmond soll dafür sorgen, dass die Blutspenden auch wirklich in Gaza ankommen.

"Auf den Demonstrationen rufen sie immer 'Mit der Seele und dem Blut opfern wir uns für Gaza'. Ich will zumindest das mit dem Blut einlösen", sagt Abd al-Halim. Die seit drei Wochen andauernden Angriffe der israelischen Armee auf den Gaza-Streifen bewegen die Palästinenser im Westjordanland. "Wir alle sind Gaza", dieser Schriftzug prangt auf einem Plakat über dem Manara-Platz im Herzen von Ramallah. Überall in der Hauptstadt der Palästinensischen Autonomiebehörde hängen Poster mit Slogans wie "Gaza brennt. Palästina leistet Widerstand."

Viele jugendliche Palästinenser nehmen diese Aufforderung wörtlich. In der vergangenen Woche erlebte das Westjordanland die größten Proteste seit zehn Jahren. Mehr als zehntausend Demonstranten zogen von Ramallah zum wenige Kilometer entfernten Checkpoint Kalandija, mit dem Israel das Westjordanland und Ostjerusalem trennt. Dort lieferten sie sich schwere Straßenschlachten mit der israelischen Armee. Mindestens sieben Palästinenser kamen bei den Unruhen ums Leben. Auf Postern an den Häuserwänden von Ramallah werden die Männer mit ihren noch fast kindlichen Gesichtern als Märtyrer gefeiert.

"Wir haben unsere Selbstachtung verloren"

Doch schon vor der Eskalation zwischen Israel und der Hamas hatte sich die Lage im Westjordanland immer weiter zugespitzt. Nach der Entführung dreier jüdischer Religionsschüler in der Nähe von Hebron begann das israelische Militär Anfang Juni zunächst damit, ganze Gebiete kollektiv zu bestrafen. Ortschaften wurden tagelang abgeriegelt, hunderte Männer festgenommen, mehrere Menschen wurden bei Razzien getötet. Die Sicherheitskräfte der Palästinensischen Autonomiebehörde halfen den Israelis bei der Kampagne - dies hat die Wut vieler Menschen zusätzlich befeuert. Präsident Mahmud Abbas wurde auf Demonstrationen als Verräter beschimpft.

Zwei Tage nachdem die israelischen Teenager tot aufgefunden wurden, töteten jüdische Extremisten auf bestialische Weise einen 17-jährigen arabischen Jungen aus Ostjerusalem. Seither gehen im Westjordanland fast täglich Tausende auf die Straße.

Dennoch ist eine Dritte Intifada, also ein Volksaufstand gegen die israelische Besatzung, derzeit unwahrscheinlich. "Wir haben inzwischen zu viel zu verlieren", sagt Mazen Kumsija, Professor an der Universität in Bethlehem. "Die palästinensische Gesellschaft ist vom Konsumdenken geprägt. Die Mittelschicht denkt zuerst daran, wie sie ihre Schulden bei der Bank zurückzahlen kann. Nicht daran, wie sie die Besatzung abschütteln kann." Besonders Ramallah hat in den vergangenen Jahren einen kleinen Wirtschaftsboom erlebt. Exil-Palästinenser investieren und bauen Häuser, Diplomaten und Mitarbeiter ausländischer Organisationen bringen Geld in die Stadt. Das wollen die wenigsten hier aufs Spiel setzen.

Das Gemeinschaftsgefühl sei unter den Palästinensern längst nicht mehr so ausgeprägt wie noch 1987, als die Erste Intifada ausbrach, die von allen Gesellschaftsschichten getragen wurde, konstatiert Kumsija. Zudem habe die Zweite Intifada, die im Jahr 2000 begann, die Menschen desillusioniert. "Der Aufstand hat uns Palästinensern nichts gebracht, außer noch mehr Einschränkungen unserer Bewegungsfreiheit", sagt Kumsija.

Die Besatzung währt inzwischen 47 Jahre - die meisten Menschen im Westjordanland waren 1967 noch gar nicht geboren. "Die Palästinenser haben sich an die Besatzung gewöhnt", sagt Kumsija und er macht kein Geheimnis aus seiner Verbitterung darüber. "Wir haben uns daran gewöhnt, dass wir nicht nach Jerusalem dürfen. An die Arroganz der Besatzer. Wir haben einen Großteil unserer Selbstachtung verloren." Eine dauerhafte Protestwelle hält Kumsija daher für ausgeschlossen: "Sobald die Bombardements aufhören, wird es auch im Westjordanland wieder ruhig wie in einem Grab."

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insgesamt 9 Beiträge
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rickmarten 31.07.2014
1. Leider keine Südafrikaner
Die Palästinenser arbeiten bei israelischen Siedlern, von ihnen kommen auch die genauen Hinweise auf die Aufenthaltsorte der Hamas-Aktivisten. Ihre Führer sind nicht aus dem Holz eines Nelson Mandela. Selbst in der arabischen Welt sind sie unbeliebt und finden keine wirkliche Unterstützung. Schaut man sich die sinnlosen Raketenangriffe der Hamas an, sieht man keine Konzeption eines politischen Kampfes. Die Palästinenser sind irgendwie die Wunschgegner Israels. Sie werden sicher einmal einen "Staat" bekommen, einen Staat aber nie.
tomatentussi 31.07.2014
2. Geld regiert die Welt
Es ist überall das Gleiche Geld regiert. Erst wenn der übergrosse Teil der Bevölkerung eines Staates zu den Opfern eines Krieges zählt und nichts mehr zu verlieren hat wird sich mit allen erdenklichen Mitteln gewehrt. Dieser Zeitpunkt ist auch in Palästina noch nicht gekommen.
Drunken Masta 31.07.2014
3. Sanktionen
Israel nimmt den Tod von Zivilisten billigend in Kauf und zerstört Schulen, die nun wirklich keine militärischen Ziele sind. Wo bleiben die Sanktionen gegen Israel?
MagyarBosnier 31.07.2014
4. Die beste Lösung
Die beste Lösung wäre, die Autonomiegebiete treten in einer Art Föderation Israel bei. Die Palästinenser werden damit israelische Staatsbürger. Danach müssen die Palästinenser ihre Geburtenrate so erhöhen, dass es auf absehbare Zeit mehr israelische Araber, wie iraelische Juden gibt.Alles andere bedeutet Gewalt und Gegengewalt. Mit Gewalttaten, können die Palästinenser nicht gewinnen
catweezle 31.07.2014
5. Korrekter wäre die Aussage ...
Zitat von sysopAFPDie Menschen im Westjordanland leiden mit ihren Landsleuten im Gaza-Streifen - doch wirklich helfen können sie ihnen nicht. Bei einem neuen Volksaufstand gegen Israel hätten die Palästinenser zu viel zu verlieren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/gaza-krieg-in-ramallah-im-westjordanland-spenden-palaestinenser-blut-a-983869.html
... sie wollen das Wenige, das sie haben, nicht auch noch verlieren. Und so lange die westlichen Regierungen das "Selbstverteidigungsrecht" Israels so Auslegen wie sie es derzeit tun ist diese Angst auch berechtigt. Das Adjektiv "verhältnismäßig" kommt im Kontext "Israel" nie zum Tragen. Die Palästinenser können einem nur Leid tun - mehr ist hier "politisch nicht konform". Eine Schande!
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