Datenlese

Datenlese Der Krieg der Zahlen

Mit Sicherheit Zivilisten: Zwei palästinensische Jugendliche werden Ende August beerdigt
AFP

Mit Sicherheit Zivilisten: Zwei palästinensische Jugendliche werden Ende August beerdigt

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Wie viele Zivilisten sind im Gaza-Konflikt umgekommen? Die Uno zählt deutlich mehr zivile Todesopfer als die israelische Regierung. Eine Spurensuche.

Je nach Fokus lassen sich auch neutrale Zahlen rasch instrumentalisieren. Das ist grundsätzlich gefährlich, ganz besonders aber in Kriegszeiten, wenn Konfliktparteien Statistiken für ihre Ziele einsetzen. Anscheinend versucht das nun die israelische Seite, mit Kritik an der Opferstatistik der Vereinten Nationen.

Beinahe täglich veröffentlicht die Uno-Behörde für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (Ocha) Berichte über das bislang bekannte Ausmaß des Gaza-Konflikts. Für diese Berichte nutzt die Uno diverse Quellen. Dazu gehören auch Organisationen, die im Gaza-Streifen arbeiten.

Im Bericht vom 28. August gibt die Uno ein deutliches Verhältnis an bei den Todesopfern: Insgesamt 2104 Palästinenser seien im Konflikt umgekommen und deutlich weniger Israelis, 68, um genau zu sein. Natürlich sind dies nur die bislang registrierten Todesopfer. Aber auch bei nachträglichen Korrekturen dürfte sich an der Überzahl palästinensischer Opfer kaum noch etwas ändern.

Um diese Summen geht es in der aktuellen Diskussion aber nicht, sondern um die Einordnung der Todesopfer: Wie viele von ihnen waren Soldaten, wie viele Terroristen, wie viele Zivilisten? Die Uno weist neben den unmittelbar am Konflikt beteiligten Personen auch die Zivilisten gesondert aus. Sie machen demnach auf palästinensischer Seite fast 70 Prozent der Todesopfer aus, auf israelischer lediglich 6 Prozent.

Für das israelische Militär ist dieses Missverhältnis natürlich heikel. Und so verwundert es kaum, dass die offiziellen Angaben dieser Konfliktpartei von der Uno-Statistik abweichen. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sprach in dieser Woche von etwa tausend Terroristen, welche bei Angriffen der Israelis auf Seiten der Palästinenser ums Leben gekommen seien. Dann läge der Anteil ziviler Todesopfer bei etwa 52 Prozent.

Wie passt das zu den Zahlen der Uno? Israelische Kritiker halten die Ocha-Berichte schlicht für unglaubwürdig. Sie basierten auf systematisch verzerrten Daten, gerade Menschenrechtsorganisationen im Gaza-Streifen seien keine vertrauenswürdige Quelle. Allerdings präsentierten die Israelis auch keine Details, die ihre eigenen Zahlen hinreichend hätten belegen können.

Die Uno verteidigt unterdessen ihre Datenerhebung: "Wir sind von unserem Prozess überzeugt", zitiert die "Washington Post" Matthias Behnke, der die Vereinten Nationen in Jerusalem vertritt. "Wir nutzen mehrere Quellen, sind vor Ort, prüfen die Angaben. Damit sind wir in der bestmöglichen Position, um Zivilisten und Kämpfer zu unterscheiden."

Bestmöglich - dieser Begriff verdeutlicht, wo das Problem eigentlich liegt. In einem solchen Konflikt kann es keine wirklich objektive Quelle für aktuelle Daten geben. Erst weitere Angaben der Israelis werden zeigen können, wie berechtigt ihre Kritik an der Uno-Statistik ist. Für diesen Moment wirkt sie vor allem strategisch.



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