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Gaza-Krieg: Israel rätselt über Zustand der Hamas

Von Yassin Musharbash

Wichtige Kader ausgeschaltet, die Kommandostruktur gekappt: Nach Ansicht einiger Analysten gibt es Indizien, dass die Hamas durch Israels Offensive angeschlagen ist. Doch die Lage ist unübersichtlich - auch was die angebliche Verhandlungsbereitschaft der Hamas betrifft.

Berlin - Ist der Tod von Nisar Rayjan nun ein Sieg für Israel - oder ein Problem? Eine Bombe hat den wichtigen Hamas-Kommandeur am vergangenen Donnerstag in seinem Wohnhaus im Gaza-Streifen getötet. Mit ihm starben seine vier Ehefrauen und mehrere seiner zwölf Kinder.

Getöteter Palästinenser in Gaza: Widersprüchliche Indizien
AFP

Getöteter Palästinenser in Gaza: Widersprüchliche Indizien

Rajan, der als wichtiges Bindeglied zwischen dem politischen und dem militanten Flügel der Hamas galt, hätte sich mit seiner Familie vermutlich vor den Bomben in Sicherheit bringen können. Andere Hamas-Führer haben dies getan. Rajan tat es, angeblich aus ideologischen Gründen und allen Warnungen zum Trotz, nicht.

Nun gelten er und seine getöteten Familienmitglieder den Hamas-Anhängern als Märtyrer. Jeder Verlust dieser Art schwächt die Hamas, weil ihr ein wichtiger Mann abhanden kommt. Aber zugleich stärkt er die Organisation auch - wenn nicht jetzt sofort, dann in der Zukunft. Weil er der Hamas wahrscheinlich wieder Sympathien einbringt.

Die Führung ist abgetaucht

Rajan wirkte als Prediger und Gelehrter, aber er war mutmaßlich auch ein Vertrauter des Chefs der Kassam-Brigaden, dem militärischen Zweig der Hamas. Israels Armee erklärte, er sei eine der "extremsten Figuren" der Hamas gewesen, habe ein Selbstmordattentat geplant und seinen eigenen Sohn als Attentäter ausgesandt. Laut Armee gab es nach dem Bombardement Zweitexplosionen, ein Hinweis, dass sein Haus als Munitionslager genutzt worden sei.

Rajan ist der bislang bedeutendste Hamas-Führer, den Israel in dieser Offensive getötet hat. Aber Dutzende von Kadern, deren Bedeutung unklar ist, sollen festgenommen und bereits verhört worden sein. Viele rangniedrige Hamas-Kämpfer dürften zudem unter den bisher über 500 Toten sein, die seit Beginn der israelischen Offensive im Gaza-Streifen ums Leben kamen.

Die prominentesten Hamas-Führer im Gaza-Streifen leben mittlerweile im Untergrund. Ismail Hanija, den die Hamas nach ihrem Wahlsieg 2006 als Premierminister benannte, und der als Vertreter der Moderaten in der Islamistenorganisation gilt, hat sich zum Jahreswechsel mit einer gespenstisch wirkenden Videoansprache zu Wort gemeldet. Mahmud al-Sahar, ehemals eine Art "Außenminister" der Hamas-Regierung und ein Hardliner, tat es ihm nach. Beide halten sich mutmaßlich in vorsorglich gebauten, tiefen Bunkern auf. Während Hanija Verhandlungsbereitschaft anklingen ließ, schwadronierte Sahar über den bevorstehenden Sieg.

Noch nicht zu Wort gemeldet haben sich der "Innenminister" Said Siam; Ahmed Dschabari, der Kommandeur der Kassam-Brigaden; der Hamas-Sprecher Sami Abu Suhri; und der hochrangige Kader Chalil Hadscha.

Chef des Raketenprogramms im Visier

Am Dienstag gelang der israelischen Armee, so berichtet es die israelische Tageszeitung "Jerusalem Post", ein weiterer Schlag gegen die Hamas: Eine Bombe soll das Haus des Hamas-Mitbegründers Imam Siam getroffen haben. Ob er getötet wurde, ist allerdings unklar.

Insgesamt gibt es jedenfalls noch kein klares Bild davon, ob und wie geschwächt die Hamas mittlerweile ist. Und die Frage, ob Israel den gegenwärtigen Zustand der Organisation als Erfolg sieht, ist ebenfalls offen - denn nicht alle Ziele der Offensive hat die politisch-militärische Führung öffentlich benannt.

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So deutet einiges darauf hin, dass Israel die "politischen" Führer, etwa Ismail Hanija und möglicherweise auch Mahmud Sahar, gar nicht um jeden Preis töten will. Ein Armeesprecher sagte am Wochenende, es gebe keine Absicht, die Hamas "zu stürzen". Sollte dies stimmen, hätte Israel ein größeres Interesse, solches Personal auszuschalten, das für militärische Operationen verantwortlich ist.

Andererseits spekuliert die Tageszeitung "Haaretz" darüber, dass ein Sturz von Hamas eben doch das - nicht offen ausgesprochene - Ziel der israelischen Regierung sein könnte. Allerdings gebe es in der Armee Vorbehalte gegen diesen Plan, heißt es. Es drohe die Gefahr, dass Teile des Gaza-Streifens danach aussehen könnten wie der auseinander gefallene Staat Somalia.

Exil-Führung und Gaza-Führung ohne Kontakt?

Dass die Hamas wenigstens für den Moment in ein tiefes Chaos gestürzt ist, klingt nachvollziehbar. So ist wichtiges Hamas-Personal nicht mehr, wie sonst üblich, über Mobiltelefon zu erreichen. Angeblich hat die komplette Führung ihre Handys weggeworfen, um nicht geortet zu werden. Das kann, muss aber nicht die Koordination mit den Kämpfern erschweren, denn im Gaza-Streifen gibt es viele Walkie-Talkies.

Die "Jerusalem Post" zitiert dennoch einen nicht genannte Analysten aus dem Westjordanland, der meint, dass die Kommandostrukturen der Hamas unterbrochen seien. Es gebe keinen Kontakt zwischen den Führern im Gaza-Streifen und der obersten politischen Führung um Chalid Maschal in Damaskus. Dass jener zwei Emissäre nach Ägypten entsandt habe, sei deswegen für die palästinensische Führung auch eine Überraschung gewesen.

Andere Quellen sehen das anders: Aus dem Gaza-Streifen selbst ist zu hören, die Strukturen funktionierten noch, die Hamas habe sich gut vorbereitet und viel von der Hisbollah gelernt.

Gewiss ist unterdessen, dass die Hamas als Ordnungs- und Verwaltungsmacht im Gaza-Streifen ausgefallen ist. Das verwundert kaum, denn zum einen traut sich im gesamten Gaza-Streifen kaum noch jemand auf die Straße. Und zum anderen hat die israelische Armee auch solche Gebäude ins Visier genommen, die von der Hamas genutzt wurden, aber eigentlich zur Infrastruktur der Palästinensischen Autonomiebehörde zählen, etwa diverse Ministerien.

Raketen fliegen noch immer nach Israel

Auch Einrichtungen, die originär der Hamas gehören, wurden bombardiert, zum Beispiel der TV-Sender "al-Aksa" oder ein mutmaßliches Trainingscamp, darüber hinaus Wohnhäuser bekannter Kader. Aksa-TV sendet von einem unbekannten Ort aus weiter.

Mit Gewissheit noch nicht zerstört ist die Kapazität der Hamas (und anderer militanter Gruppen) Raketen auf israelisches Gebiet abzufeuern - eines der erklärten Ziele der Offensive.

Nahost-Konflikt
Die Gebiete
Im Grunde dreht sich der Konflikt um das Existenzrecht Israels und die Forderung nach einem eigenen Palästinenserstaat . Es gibt inzwischen palästinensische Autonomiegebiete - den Gaza-Streifen und das Westjordanland . Die Grüne Linie trennt die Gebiete von Israel. Um die israelischen Siedlungen in den umstrittenen Gebieten gibt es immer wieder Streit.
Die Gegner
Dem Staat Israel stehen einzelne Gruppierungen und Institutionen gegenüber: im Gaza-Streifen und Westjordanland die Palästinensische Autonomiebehörde | Hamas | Kassam-Brigaden | Volkswiderstandskomitee (PRC) | PLO | Fatah | Al-Aksa-Brigaden | Islamischer Dschihad | im Libanon die Hisbollah
Geschichte

Unter dem Strich gibt es also nur Indizien für den momentanen Zustand der Hamas - und die sind widersprüchlich. Einige Analysten wollen aus den bisherigen Verlautbarungen der Führung Gesprächsbereitschaft herausgehört haben, andere das Gegenteil. Manche Experten glauben, die Hamas werde Verhandlungen nur zustimmen, wenn sie wenigstens einen symbolisch wichtigen militärischen Erfolg errungen habe; andere meinen, dass sie schon jetzt "nach einer Pause lechzt" ("Jerusalem Post").

Laut einer Studie des israelischen "Intelligence and Terrorism Information Center" vom April 2008 verfügte die Hamas damals über Zehntausende Gewehre, darunter schwere Maschinengewehre, ebenso viele Kämpfer, einige hundert geschulte Kader und mindestens 80 Tonnen aus Ägypten eingeschmuggelten Sprengstoff, der unter anderem in selbst produzierte Anti-Panzer-Waffen verbaut wird.

Wie viel von diesem Arsenal noch vorhanden ist, weiß im Moment niemand.

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