Israels Kurs gegen die Hamas Tunnel zerstört, Mission nicht erfüllt

Israel hat nach eigenen Angaben alle Tunnel der Hamas vernichtet. Doch das ursprüngliche Ziel des Kriegs wurde verfehlt: Von einer Entwaffnung ist der Gaza-Streifen weit entfernt, die Raketengefahr bleibt. Nun muss ein Nachbar helfen.

AFP

Aus Tel Aviv berichtet


Vier Wochen nach Beginn des Kriegs im Gaza-Streifen gibt es erstmals echte Hoffnungen auf ein Ende der Kämpfe. Israels Armee und die palästinensischen Milizen im Gaza-Streifen haben sich auf eine 72-stündige Waffenruhe geeinigt, die bislang eingehalten worden ist. Israel hat nach eigenen Angaben all seine Soldaten aus dem Küstenstreifen abgezogen.

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Heft 32/2014
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Die Regierung von Benjamin Netanjahu ist bemüht, die Militäroperation "Fels in der Brandung" als Erfolg zu verkaufen. Alle bekannten Tunnel, mit denen die Hamas vom Gaza-Streifen aus Kämpfer nach Israel einschleusen konnte, seien zerstört worden. "Das wichtigste Ziel unserer Mission ist damit erreicht worden", sagte Armeesprecher Peter Lerner. "Mission accomplished", twitterte das Militär selbstbewusst.

Was Israels Offizielle verschweigen: Die Armee hatte ihre Offensive am 8. Juli unter ganz anderen Vorzeichen begonnen. Damals rief die Regierung das Ziel aus, den Raketenbeschuss der Hamas auf Städte in Israel zu beenden. In den Wochen zuvor hatten militante Palästinenser etwa 300 Geschosse auf den jüdischen Staat abgefeuert.

"Die Hamas ist nicht besiegt"

Nimmt man dieses erste Kriegsziel zum Maßstab, hat Israels Militär seine Mission nur zum Teil erfüllt. Das Raketenarsenal der Hamas wurde zwar deutlich dezimiert, trotzdem verfügen die Extremisten noch über Tausende Geschosse. Allein in der letzten Viertelstunde vor Inkrafttreten der Feuerpause am Dienstagmorgen feuerten sie 17 Raketen ab. Ein Geschoss flog bis ins Westjordanland und schlug in einem Haus bei Bethlehem ein. Verletzt wurde niemand. Diese letzte Salve war eine kleine Machtdemonstration der Hamas.

Die Tunnel, die nun in den Mittelpunkt der Militäroperation geraten sind, spielten zu Beginn des Krieges kaum eine Rolle. Erst am 17. Juli wurde die Gefahr aus dem Untergrund vollends deutlich. Ein Hamas-Kommando war durch einen Schacht nach Israel gelangt und wollte offenbar ein Kibbuz angreifen. Israels Armee und Geheimdienste hatten die Bedrohung unterschätzt. Drei Angriffstunnel der Hamas sollen den Sicherheitskräften vor Kriegsbeginn bekannt gewesen sein, inzwischen hat das Militär nach eigenen Angaben 32 unterirdische Gänge zerstört.

Doch selbst israelische Experten zweifeln daran, dass die Armee wirklich alle Tunnel entdeckt hat. "Die Hamas ist geschwächt, aber nicht besiegt", sagt Yaakov Peri, Ex-Chef des Inlandsgeheimdienstes Schin Bet und amtierender Wissenschaftsminister. "Nun geht es darum, die Möglichkeiten der Hamas, Raketen abzufeuern, so weit wie möglich einzuschränken."

Die Uno als Verwalter des Gaza-Streifens?

Auch Premier Netanjahu hat die Demilitarisierung des Gaza-Streifens und die Entwaffnung der Hamas zum längerfristigen Ziel erklärt. Doch bei der Umsetzung stößt Israel an seine Grenzen. Die Armee könnte erneut dauerhaft in den Küstenstreifen einrücken, das Gebiet besetzen und Haus für Haus nach Waffen durchkämmen. Doch das würde Jahre dauern, das Militär in einen verlustreichen Guerillakrieg stürzen und zudem die Lage im bislang relativ friedlichen Westjordanland destabilisieren.

Die Ratlosigkeit der israelischen Regierung offenbarte Außenminister Avigdor Lieberman mit seinem Vorschlag, ausgerechnet der ihm verhassten Uno die Verwaltung und Kontrolle des Gaza-Streifens zu überlassen. Das Ergebnis wäre eine weitere Blauhelmmission im Nahen Osten, die zwischen den Fronten steht. Dass sich Regierungen finden, die ihre Soldaten in diesen Konfliktherd schicken, ist äußerst unwahrscheinlich. Noch unrealistischer sind Forderungen von Kommentatoren, die in Leitartikeln die Umsiedlung der 1,8 Millionen Menschen im Gaza-Streifen fordern oder am liebsten alle Zivilisten in dem Gebiet als feindliche Kombattanten einstufen wollen, die rücksichtslos bekämpft werden müssten.

Deshalb wird Israels Sicherheit in den nächsten Jahren maßgeblich vom ägyptischen Präsidenten Abd al-Fattah al-Sisi abhängen. Seine Armee kontrolliert die 14 Kilometer lange Südgrenze des Gaza-Streifens zum Sinai. Dies war über Jahre die wichtigste Nachschubroute der Hamas. Durch Tunnel gelangten Waffen, Baumaterialien und Konsumgüter in den abgeriegelten Küstenstreifen.

Nachdem das Militär im Juli 2013 die Macht in Kairo an sich riss, brachen der Hamas diese Versorgungswege weitgehend weg. Sisi und die Generäle betrachten die Hamas als Feind, schließlich entwickelte sich die Bewegung aus dem palästinensischen Zweig der Muslimbrüder.

Die Regierungen in den USA, Israel und Ägypten haben gemeinsam Interesse daran, die Hamas weiter zu schwächen. Doch Sisi wird sich seine Kooperation teuer bezahlen lassen. Washington spendiert Kairo jährlich Militärhilfen in Höhe von 1,3 Milliarden US-Dollar. Allen Menschenrechtsverstöße in Ägypten zum Trotz - diese Gelder dürfte sich Sisi auf Jahre gesichert haben.

Ausführliche Hintergründe zur folgenden Infografik finden Sie in unserem Datenlese-Blog.

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