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Israel im Waffenstillstand: Die Panzer weichen, die Angst bleibt

Aus Jerusalem berichtet

Israel vs. Hamas: Atemholen in der Feuerpause Fotos
DPA

Israels Armee feiert die Gaza-Offensive als Erfolg. Doch im Volk ist die Stimmung wenig euphorisch. Die wenigsten Bürger halten alle Kriegsziele für erfüllt: Sie fürchten sich weiter vor den Raketen des Nachbarn.

Wenn es so einfach wäre: Auf Knopfdruck werden gewaltige Sprengladungen an der Grenze zum Gaza-Streifen gezündet. Daraufhin löst sich das Gebiet von Israel und wird wie von Geisterhand aufs offene Meer hinausgetrieben. Dort zieht es am Felsen von Gibraltar vorbei und kommt schließlich vor Manhattan zum Stehen. Dieses Szenario zeigt ein Video, das in den vergangenen Tagen in den sozialen Netzwerken von vielen Israelis geteilt worden ist.

In der Realität lässt sich der Gaza-Konflikt nicht so einfach lösen. Israel wird auch in Zukunft Seite an Seite mit seinen 1,8 Millionen Nachbarn im Gaza-Streifen und der dort herrschenden Hamas leben müssen. Und viele Israelis bezweifeln, dass die Militäroperation "Fels in der Brandung" die militanten Islamisten wirklich geschwächt hat.

Bei einer Umfrage für die Zeitung "Haaretz" waren nur 36 Prozent der Israelis der Ansicht, dass die Armee den Krieg gegen die Hamas gewonnen habe. 51 Prozent der Befragten werteten den Ausgang als unentschieden. Nur jeder vierte Umfrageteilnehmer teilte die Ansicht der Regierung, dass das Militär all seine Kriegsziele erreicht habe.

Besonders bei den Israelis, die in unmittelbarer Nähe zum Gaza-Streifen leben, ist die Skepsis groß. Die Dörfer und Kibbutzim, die weniger als vier Kilometer vom Grenzzaun entfernt liegen, sind seit Wochen fast menschenleer. "Die Bewohner des Südens können in ihre Häuser zurückkehren und sich sicher fühlen", teilte das Militär nach Inkrafttreten der 72-stündigen Feuerpause mit der Hamas am Dienstag mit.

Drei Viertel der Israelis sind mit Netanjahu zufrieden

Doch die Betroffenen trauen dem Frieden nicht: "Wir haben nicht das bekommen, was wir gefordert hatten", sagte Merav Cohen dem Fernsehsender Channel 2. Cohen lebt in Ein Haschloscha, einem Kibbuz, das nur zwei Kilometer vom Gaza-Streifen entfernt liegt. "In Wahrheit hat doch der Raketenbeschuss nicht für einen Moment aufgehört. Und die Bedrohung durch die Tunnel ist realistischer und konkreter als je zuvor", sagte Cohen. "Wir sollen jetzt in eine Umgebung zurückkehren, die viel komplizierter und furchterregender ist, als vor der Militäroperation. Niemand kann uns Ruhe garantieren."

Gemeinsam mit anderen Bürgern aus Südisrael wollte Cohen eigentlich vor der Knesset in Jerusalem Zelte aufschlagen und dauerhaft für eine Fortsetzung des Krieges gegen die Hamas demonstrieren. Doch der Protest wurde kurzfristig gestoppt. Während der laufenden Waffenstillstandsverhandlungen in Kairo soll der innenpolitische Druck auf die Regierung von Benjamin Netanjahu nicht weiter erhöht werden.

Trotz der Skepsis über die Kriegsergebnisse sind mehr als drei Viertel der Israelis zufrieden mit der Arbeit von Premier Netanjahu während der vergangenen vier Wochen. 77 Prozent der von "Haaretz" Befragten beurteilten seine Arbeit während der Militäroperation als "exzellent" oder "gut". Offenbar schätzt ein Großteil der Bürger die Ziele, die Israel in bewaffneten Auseinandersetzungen gegen militante Extremistengruppen tatsächlich erreichen kann, realistischer ein als die Politiker selbst. Außerdem honorieren die Israelis offenbar, dass sich Netanjahu vehement gegen Forderungen aus den Reihen seiner Koalition gesperrt hatte, den Gaza-Streifen erneut dauerhaft militärisch zu besetzen.

Waffenruhe muss wohl verlängert werden

Bei den Verhandlungen über einen dauerhaften Waffenstillstand haben sich beide Seiten bislang kaum angenähert. Es zeichnet sich bereits ab, dass das 72-stündige Zeitfenster bis Freitagmorgen nicht für eine Einigung reichen wird. Die ägyptische Regierung als Vermittler hat daher eine Verlängerung der Feuerpause bis Samstag vorgeschlagen.

Regierungsvertreter versuchen derweil, die Unzufriedenheit über den Ausgang der Militäroperation zu zerstreuen. Sie verweisen auf den Libanon-Krieg von 2006. Die vierwöchigen Kämpfe gegen die schiitische Hisbollah-Miliz wurden damals von den meisten Israelis als Fehlschlag bewertet.

Eine Untersuchungskommission warf Regierung und Armee zudem schwere Versäumnisse vor. Der Krieg war der Anfang vom Ende des Ministerpräsidenten Ehud Olmert. Und doch hat die Operation im Nachhinein ihr Ziel erreicht.

Seit acht Jahren hat die Hisbollah keine Rakete mehr auf Israel abgefeuert.

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Staatsoberhaupt:
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Regierungschef: Benjamin Netanjahu

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