Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Gaza-Krieg: Israels Führung spielt jetzt auf Zeit

Aus Jerusalem berichtet Juliane von Mittelstaedt

Israels Generäle drängen auf eine Fortsetzung der Militäroffensive im Gaza-Streifen - dem politischen Führungstrio Olmert, Barak und Livni fehlt jedoch eine gemeinsame Position. Vor der Wahl verfolgt jeder von ihnen eigene Interessen.

Jerusalem - Es ist alles möglich in dieser Woche: Krieg oder Frieden. Ein kleiner Krieg oder ein großer. Ein unilateraler Waffenstillstand oder ein internationaler. Das ist die doppelte Strategie der israelischen Regierung, sie redet von einem Waffenstillstand, schickt aber gleichzeitig Reservisten nach Gaza. Am wahrscheinlichsten derzeit ist: Ein bisschen Krieg und ein bisschen Frieden innerhalb dieser Woche.

Denn zwei Daten begrenzen die derzeitigen Entscheidungen: Da ist zum einen der 20. Januar, der Tag der Amtseinführung des künftigen US-Präsidenten Barack Obama. Und der 10. Februar, an dem die Israelis ihre Führung neu wählen. Ein Krieg über diese beiden Daten hinaus ist nicht möglich, darin ist man sich in der Regierung weitgehend einig. Andererseits ist die Auffassung weit verbreitet, dass ein zu schneller Rückzug der Hamas nutzen könnte, psychologisch wie militärisch - sie könnte ihren Sieg erklären und gleichzeitig weiter aufrüsten.

Also könnte der Krieg vor einem Waffenstillstand noch einige Tage weitergehen: Mehr Feuergefechte, mehr Luftbombardements, mehr Artilleriefeuer. "Das ist die Phase, in der Israel versuchen wird, so viele bewaffnete Hamas-Kämpfer wie möglich zu schlagen", schreibt der Militärexperte Alex Fishman in der Tageszeitung "Jedioth Ahronoth". Darüber hinaus ist er pessimistisch: "Die Chance, dass innerhalb der nächsten Tage ein Signal gegeben wird und die dritte Phase des Kriegs beginnt, liegt bei über 50 Prozent. Und wir sprechen jetzt nicht mehr länger über eine Operation. Die dritte Phase entspricht mit Sicherheit der Definition eines Kriegs."

Niemand will die "dritte Phase" - aber sie könnte folgen

Niemand will diese "dritte Phase", den blutigen Häuserkampf - und trotzdem ist es nicht völlig ausgeschlossen, dass sie bald beginnt. Und das nicht trotz, sondern gerade weil Israel alle Kriegsziele bereits erreicht hat, die es in kurzer Zeit mit geringem Risiko eigener Verluste erreichen konnte.

Die israelische Regierung hat bewiesen, dass sie mit aller Härte reagiert, wenn das Land angegriffen wird - eine Botschaft, die nicht nur an die Hamas, sondern auch an Hisbollah und Teheran gerichtet ist. Hamas ist offenbar geschwächt, auch wenn sich Berichte nicht nachprüfen lassen, wonach bereits erste Kämpfer desertieren und die Führung 200 Leichen in den Kühlräumen des Shifa-Krankenhauses versteckt, damit das Ausmaß ihrer Verluste nicht bekannt wird.

Sicher aber ist: Israel hat bisher nur neun Soldaten verloren, Gaza-Stadt ist eingekreist, strategisch wichtige Punkte sind besetzt, täglich werden weniger Raketen auf Sderot, Aschkelon und Aschdod abgefeuert - statt bis zu 80 am Anfang sind es nur noch zwischen 20 und 30 täglich. Immer noch genug, aber andererseits ist allen Beteiligten klar, dass der Beschuss nicht verhindert werden kann, solange noch Raketen im Gaza-Streifen lagern. Deswegen hat sich die Debatte in der vergangenen Woche immer mehr auf die nachhaltige Verhinderung des Waffen- und Raketenschmuggels verlagert.

Tatsächlich ist es wohl der größte Erfolg der Israelis in diesem Krieg, dass Europäer und Amerikaner gemeinsam Druck auf Ägypten ausüben, damit das Nachbarland die 14 Kilometer lange Grenze künftig besser überwacht. Dass Steinmeier auf seiner Nahost-Reise einen mühsamen Abstecher in den staubigen Grenzort gemacht hat, bestätigt dieses Engagement. Dutzende technische Konzepte wurden präsentiert, wie der Schmuggel künftig verhindert werden kann, mit einem Wassergraben oder einer zehn Meter breiten Mauer - das Schmuggelproblem dürfte in den kommenden Monaten gelöst werden, über kurz oder lang werden der Hamas damit die Raketen ausgehen, und dann kehrt Ruhe ein.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Fotostrecke
Gaza-Krieg: Anfeuern für den Kampf, Beten für Frieden

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: