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Gaza-Krieg: Was die Entführung von Soldaten für Israel bedeutet

Tunneleingang nahe Kibbuz Nir Am, außerhalb des Gaza-Streifens Zur Großansicht
REUTERS

Tunneleingang nahe Kibbuz Nir Am, außerhalb des Gaza-Streifens

Ein israelischer Leutnant soll während eines Einsatzes gegen die Tunnel der Hamas verschleppt worden sein. Warum sind entführte Soldaten für Israel ein großes Problem? Und wie geht es nun weiter? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

  • Welche Fakten sind bisher bekannt?

Die Anzeichen dafür, dass militante Palästinenser im Gaza-Streifen einen israelischen Soldaten entführt haben, verdichten sich. Die israelische Armee teilte mit, das Militär suche nach dem 23-jährigen Leutnant Hadar Goldin. Israelische Soldaten hatten einen Einsatz gegen die Tunnel der Hamas vorbereitet, als ein Selbstmordattentäter sich nach israelischen Medienberichten in der Nähe der Truppen in die Luft sprengte. Zwei der Soldaten wurden getötet.

Goldin sei bei einem Angriff verschleppt worden, etwa eineinhalb Stunden nach Inkrafttreten der humanitären Feuerpause, die eigentlich drei Tage lang gelten sollte. Was den Zeitpunkt betrifft, widerspricht ein ranghohes Hamas-Mitglied gegenüber der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu: Der Soldat sei vor Beginn der Feuerpause gefangen genommen worden, heißt es. Israel habe daher nicht das Recht, die Waffenruhe zu brechen.

  • Welche Entführungsfälle gab es bisher?

Zuletzt war ein israelischer Soldat 2006 verschleppt worden: Gilad Schalit wurde von einem Hamas-Kommando durch einen Tunnel in den Gaza-Streifen entführt. Erst mehr als fünf Jahre später kam der junge Mann bei einem Austausch frei. Im Gegenzug für seine Freiheit wurden 1027 palästinensische Häftlinge freigelassen, unter ihnen Terroristen und mehrfache Mörder.

In der vergangenen Woche sah es zunächst nach einem neuen Entführungsfall aus: Die Hamas hatte behauptet, einen israelischen Soldaten in ihrer Gewalt zu haben. Sie präsentierte dessen Ausweis. Die Armee erklärte den Soldaten jedoch wenige Tage später für tot.

  • Warum sind entführte Soldaten für Israel ein großes Problem?

Die Entführung von Soldaten wird in Israel als schwerer Rückschlag gewertet. Weil das Land seinen Kämpfern zusichert, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um sie im Falle einer Entführung nach Hause zu holen, gelten Verschleppte als wertvolles Faustpfand. Die Armee nennt sie deshalb die "ultimative strategische Waffe" der Hamas. Im Gegenzug für eine Freilassung könnten die Islamisten Israel zu großen Zugeständnissen zwingen - wie etwa bei den 1027 Freilassungen im Fall Schalit.

In der Praxis hat dies fatale Auswirkungen für die Soldaten. Um sich nicht erpressbar zu machen, versucht Israel, Entführungen zu verhindern, und geht nach der umstrittenen "Hannibal-Direktive" vor. Vorgesetzte sollen eher den Tod als die Entführung eines Untergebenen in Kauf nehmen. Soldaten sollen demnach auf Feinde schießen, die einen Kameraden in ihrer Gewalt haben - auch wenn dies das Leben des eigenen Manns gefährden könnte. Schuki Ribak, ein Oberstleutnant der Golani-Elitetruppe, berichtete beispielsweise 2009, er habe im Einsatz von seinen Männern erwartet, dass sie eher Selbstmord begehen, als sich gefangen nehmen zu lassen.

Weil dieses umstrittene Vorgehen in Israel immer wieder für Diskussionen sorgt, haben Dutzende junger Rekruten inzwischen ein Dokument unterschrieben, mit dem sie den Staat von der Pflicht befreien, alles für ihre Heimkehr zu tun.

  • Was bedeutet das für den Kriegsverlauf?

Die mutmaßliche Entführung von Leutnant Hadar Goldin löste am Freitag unmittelbar neue heftige Kämpfe aus. Laut dem palästinensischen Gesundheitsministerium wurden bei israelischen Angriffen 35 Palästinenser getötet. Damit scheiterte die in der Nacht zuvor vereinbarte Waffenruhe. Anschließend sagte nach palästinensischen Medienberichten auch die um Vermittlung bemühte ägyptische Regierung die geplanten Gespräche vorerst wieder ab.

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu kündigte weitere Gegenmaßnahmen an: Die radikal-islamische Hamas und andere Gruppierungen müssten die Folgen ihrer Taten tragen, sagte er. "Israel wird alles Notwendige gegen jene unternehmen, die zu seiner Zerstörung aufrufen und die Terrorakte gegen seine Bürger verüben", sagte Netanjahu. Nach anderthalb Stunden Feuerpause am Freitagmorgen sieht es folglich so aus, als würde sich der Gaza-Krieg am Wochenende erneut zuspitzen.

vek/puz/dpa/Reuters

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