Gaza-Krieg: Wie die Hamas die Bilder des Krieges kontrolliert

Aus Aschkelon berichtet

Verletzte Kinder, weinende Frauen, Familien in den Trümmern ihrer Häuser: Die Welt sieht vor allem die zivilen Opfer des Gaza-Krieges. Aufnahmen von palästinensischen Kämpfern – sei es in Aktion oder verwundet – gibt es kaum. Aufseher der Hamas verhindern, dass sie gedreht werden.

Tel Aviv - Die unscharfen Bilder, die der Hamas-Sender Al-Aksa-TV seit einigen Tagen ausstrahlt, sind erschütternd: Ein israelischer Panzer ist zu sehen, in der Luke steht ein Soldat. Ein Schuss fällt, der Körper des Soldaten sackt nach unten weg. Die Sequenz wird in Zeitlupe wiederholt.

Nun ist eine kleine Explosion am Helm des Soldaten erkennbar: genau der Moment, in dem der Israeli von der Kugel eines Hamas-Scharfschützen in den Kopf getroffen sein soll. Aus dem Off ist Jubel zu hören. Diejenigen, die "Gott ist groß" rufen, sind der Scharfschütze und der neben ihm postierte Kameramann – so erweckt es zumindest den Eindruck.

Ob die Al-Aksa-TV-Bilder echt oder manipuliert sind, ob sie tatsächlich aus diesem Krieg stammen oder aus dem Archiv – es ist nicht zu überprüfen. Dass sie – nicht in ihrer ganzen Länge und Grausamkeit – von ausländischen Sendern übernommen wurden, liegt daran, dass sie Seltenheitswert haben.

Denn in der Bilderflut, die sich seit zwei Wochen per Satellit aus dem Gaza-Streifen heraus über die Welt ergießt, fehlen gewisse Motive. Bilder von Hamas-Kämpfern in Aktion, Aufnahmen von verletzten Militanten: Es gibt sie kaum. Dabei sind laut den Krankenhäusern im Gaza-Streifen nur etwa die Hälfte der über 800 der in den vergangenen zwei Wochen getöteten Menschen Zivilisten.

Druck auf palästinensische Journalisten

Blutende Kinder, schreiende Frauen, Sanitäter, die im Laufschritt zivile Opfer des jüngsten Bombardements in die Notaufnahmen tragen: Was die Welt aus dem Gaza-Streifen sieht, ist vornehmlich das Leid der vom Krieg geschundenen Zivilbevölkerung. Dass das so ist, liegt auch am Druck, den die Hamas auf die palästinensischen Journalisten im Gaza-Streifen ausübt.

Lokale Journalisten berichteten in den vergangene Tagen hinter vorgehaltener Hand, Hamas-Aufseher würden sie anhalten, keine Kämpfer zu zeigen. Die Aufpasser seien teilweise sogar vor den Journalisten vor Ort und gäben Anweisungen, was zu filmen sei. Teilweise seien die Hamas-Männer sogar handgreiflich geworden, um die Fernsehteams am Drehen zu hindern, sagte der ZDF-Kameramann seinem Sender.

Die Hamas-Zensur scheint weit zu reichen, das ergeben Anrufe bei einigen Journalisten in Gaza. Die Angst, die sie haben, über das Thema zu sprechen, lässt auf großen Druck seitens der Islamisten schließen. Gefragt, ob er sich zu diesem Thema mal umhören könnte, verneint ein Journalist rundweg. Solche Fragen zu stellen, sei gefährlich, wenn die Hamas erfahre, dass er in Sachen Zensur recherchiere, gerate er in Schwierigkeiten.

Als Beispiel für die erschwerten Arbeitsbedingungen führt er einen Vorfall aus den vergangenen Tagen an: Während er auf der Straße Interviews führte, habe ihn ein Sicherheitsmann der Hamas angesprochen. Der Kollege, der seinen Namen ebenfalls nicht nennen will, konnte sich als Journalist ausweisen und durfte gehen. Der Schreck sitze ihm jedoch immer noch in den Gliedern: "Der Hamas-Mann hat gesagt, er habe mich für einen Kollaborateur der Israelis gehalten."

So ein Verdacht kann in Gaza in diesen Tag ein Todesurteil sein. Israelische Medien und internationale Nachrichtenagenturen berichteten in den vergangenen Tagen mehrfach davon, dass die Hamas seit Beginn des Krieges angebliche Kollaborateure hat hinrichten lassen.

Inszenierte Bombentote

"Dass die Hamas versucht, die Bilder dieses Krieges zu manipulieren, ist ganz deutlich", sagt Ilan Goren, Redakteur beim großen israelischen Fernsehsender Kanal 10. Immer wieder hat er in den vergangenen Tagen über die mediale Seite des Krieges berichtet. Viele der Bilder, die per Satellit aus Gaza überspielt würden, seien gestellt, sagt Goren. "Wenn drei tote Kinder nebeneinander auf der Couch sitzen, ist das nicht glaubhaft", sagt er. Fraglich sei dabei nicht, ob die Kinder bei einem israelischen Bombardement umgekommen seien: "Daran besteht ja wohl kein Zweifel." Aber es sei anzunehmen, dass die Leichen auf die Couch plaziert worden seien, um ein eindrücklicheres Bild zu haben.

Die Journalisten im Gaza-Streifen stecken in diesen Tagen in einem nicht zu überbrückenden Zwiespalt. Sie sollen unabhängig und neutral über einen Krieg berichten, unter dem sie und ihre Familien selber leiden. "Das ist einfach zu viel verlangt", sagt Goren. Der Blickwinkel, der ein Reporter einnehme, sei immer von seinen persönlichen Erfahrungen gefärbt. Auch müsse man sich fragen, an wen die palästinensischen Journalisten ihre Berichte adressierten.

Der panarabische Sender al-Dschasira ist der einzige internationale Kanal, der derzeit live aus Gaza berichtet. "Natürlich wendet sich al-Dschasira an ein arabisches Publikum und ist der palästinensischen Sache gegenüber dementsprechend positiv gestimmt." Bei der englischen Ausgabe von al-Dschasira, die weltweit übertragen wird, sehe das schon anders aus. "Das englischsprachige Programm ist ausführlich und umfassend", sagt Goren.

Israel verhindert noch immer Zugang der Presse

Die internationale Presse hat seit Beginn des Gaza-Krieges keinen Zugang zu dem Küstengebiet: Obwohl das Militär vom höchsten Gericht Israels aufgefordert wurde, ausländische Journalisten in den Gaza-Streifen zu lassen, verweigert es den Zugang. Begründet wird dies mit Sicherheitsbedenken.

Daniel Seaman, Direktor des israelischen Regierungsbüros für ausländische Presse, ist offener: Wiederholt sagte er, es sei im Sinne Israels, die Auslandspresse aus Gaza herauszuhalten. Mit der Hamas als Herrscherin über Gaza dürften ausländische Reporter in Gaza ohnehin nicht frei arbeiten und nur beschränkt recherchieren. So würde die Auslandspresse zum Sprachrohr der Hamas.

Die eigene Erfahrung und die im Gaza-Streifen kontaktierten Kollegen widersprechen dem: "Es wird höchste Zeit, dass ausländische Reporter kommen, damit wir wieder Fragen stellen können", sagt ein Journalist, der oft für nicht-arabischsprachige Kollegen übersetzt. Ausländer in Gaza könnten alles recherchieren, und solange ihre palästinensischen Kollegen nur übersetzen, gingen sie keine Gefahr ein.

Tatsächlich hat die Hamas es seit ihrer Machtübernahme vermieden, ausländische Reporter zu gängeln. Zwar gewährte sie keinen Zugang zu militärischen Einrichtungen und hielt sich bedeckt, wenn es um sicherheitsrelevante Themen ging – doch das entspricht internationalen Gepflogenheiten. Es war in den vergangenen zweieinhalb Jahren für Ausländer möglich, im Gaza-Streifen auch äußerst hamaskritische Artikel zu recherchieren.

Inwieweit sich das geändert hat, wird sich zeigen, wenn Israel internationalen Reportern wieder Zugang zu dem Landstrich gewährt.

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