Gaza-Krise Israel kündigt Ausweitung der Militäroffensive an

Die israelische Luftwaffe setzt ihre Angriffe gegen Ziele im Gaza-Streifen fort, eine Invasion mit Bodentruppen steht womöglich bevor. Mindestens 300 Menschen starben seit Samstag. In Paris, London und der arabischen Welt protestierten Tausende gegen das Bombardement.


Israel hat seine Luftangriffe auf Ziele im Gaza-Streifen auch am Montag fortgesetzt. Live-Bilder aus Gaza, die vom US-Sender CNN übertragen wurden, zeigten wenige Minuten nach Mitternacht (Ortszeit) mehrere Explosionen in der Stadt. Auch der Lärm von Flugzeugen und Sirenen von Rettungsfahrzeugen waren zu hören. Augenzeugen berichten von Angriffen auf das Gelände der Islamischen Universität. In dem Gebäude sei ein Feuer ausgebrochen, Rauch sei aufgestiegen.

40 Schmuggler-Tunnel zwischen dem Gaza-Streifen und Ägypten, die von der Hamas zum Beschaffen von Waffen und Munition genutzt werden sollen, waren am Sonntag das Hauptziel der israelischen Luftangriffe. Aber auch Sicherheitseinrichtungen der Hamas und ein TV-Sender, den Israel der Islamistenorganisation zurechnet, wurden am zweiten Tag der Militäroffensive bombardiert.

Insgesamt flog die Luftwaffe Israels am Sonntag 30 Einsätze und bombardierte 70 Ziele, bestätigte eine Militärsprecherin. Die Hälfte davon habe den Tunnels gegolten. Nach palästinensischen Angaben sind seit dem Beginn der verheerendsten Luftangriffe auf den Gaza-Streifen seit dem Sechstagekrieg 1967 bisher mindestens 300 Menschen ums Leben gekommen, mehr als tausend sollen verletzt sein, rund 180 davon lebensgefährlich.

Ein Sprecher der palästinensischen Gesundheitsbehörde in Gaza sagte, etwa 180 der Getöteten seien militanten Gruppen zuzurechnen. Unter den übrigen Opfern seien auch Frauen und Kinder. Ein Korrespondent des arabischen Satellitensenders al-Dschasira berichtete am Nachmittag, mindestens 20 Kinder und zehn Frauen seien getötet worden.

Rotes Kreuz: Krankenhäuser in Gaza überfüllt

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (ICRC) erklärte, die Krankenhäuser im Gaza-Streifen seien nicht in der Lage, mit der Situation fertig zu werden. Sie bräuchten dringend medizinische Ausrüstung. "Die Krankenhäuser sind überfüllt", sagte die ICRC-Delegierte in Gaza, Marianne Robyn Whittington. Hilfslieferungen müssten in den Gaza-Streifen gelangen können, forderte das ICRC.

Der Uno-Nahostsondergesandte Robert Serry sagte der Nachrichtenagentur AFP, Israel habe am Sonntag 21 Lastwagenlieferungen mit medizinischer Ausrüstung und Getreide in das völlig verarmte Gebiet erlaubt. Am Montag sollen mehr als hundert Lastwagenlieferungen mit Spenden der Türkei, Jordaniens und internationaler Organisationen folgen, teilte das Büro des israelischen Verteidigungsministers Ehud Barak am Sonntag mit.

Proteste gegen die Luftschläge

Gegen das Bombardement wurde am Sonntag in der gesamten arabischen Welt, aber auch in Paris und London demonstriert. In der französischen Hauptstadt gab es zwei Kundgebungen mit insgesamt 1500 Teilnehmern, die friedlich abliefen. In London protestierten etwa 2000 Menschen vor der israelischen Botschaft. Sechs Menschen wurden festgenommen, nachdem Absperrgitter niedergerissen wurden.

In Jordanien, Syrien sowie im Jemen, Irak und Libanon gingen Tausende Menschen auf die Straße, teils wurden israelische und amerikanische Flaggen verbrannt. Die Wut der Demonstranten richtet sich auch gegen Ägypten, von dessen Präsidenten Husni Mubarak verlangten sie, den Grenzübergang zum Gaza-Streifen zu öffnen. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan nannte die Luftschläge ein "Verbrechen gegen die Menschlichkeit". Syrien setzte die indirekten Gespräche mit Israel aus. In der jordanischen Hauptstadt Amman verbrannten Abgeordnete eine israelische Flagge.

Die libanesische Hisbollah-Miliz kritisierte Ägypten ebenfalls. Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah erklärte zudem, seine Organisation sei auf jede Art israelische Reaktion gefasst. Er habe die Kämpfer im Süden des Libanons angewiesen, wachsam zu sein. Hisbollah und Israel hatten sich im Sommer 2006 einen mehrwöchigen Krieg geliefert. Am Sonntag verletzten israelische Kampfjets Medienberichten zufolge kurzzeitig den libanesischen Luftraum.

"Völlige Umkehrung der Spielregeln"

Die israelische Führung machte am Sonntag unterdessen klar, dass die Offensive noch andauern wird. Verteidigungsminister Ehud Barak kündigte eine Ausweitung an. Der Bevölkerung müsse klar sein, dass der Einsatz weder kurz noch leicht sein werde. Auch eine Invasion von Bodentruppen in den Gaza-Streifen schloss er nicht aus: Sollte dies nötig sein, werde es geschehen. Die Spekulationen wurden dadurch angefeuert, dass 6700 Reservisten der israelischen Armee mobil gemacht wurden.

Ministerpräsident Ehud Olmert erklärte, das Ziel der Offensive sei es, eine grundsätzliche Verbesserung der Sicherheit für die Bewohner des Südens Israels zu erreichen. Bis dorthin reichen die Raketen der Militanten von der Hamas und anderen Gruppen. Israel rechtfertigt den Militärschlag mit dem wiederholten Beschuss israelischer Ortschaften. Allein in der vergangenen Woche, nachdem die Hamas eine brüchige Waffenruhe mit Israel aufgekündigt hatte, gingen 200 Raketen in Israel nieder. Am Sonntag wurde ein Israeli durch eine solche Rakete getötet, mehrere Menschen wurden verletzt.

Verteidigungsminister Barak erklärte, es gehe bei der Offensive um eine "völlige Umkehrung der Spielregeln". Eine neuerliche Waffenruhe schloss er aus: Ebenso wenig könnten die USA eine Waffenruhe mit al-Qaida eingehen. Die Vereinten Nationen und die EU fordern einen sofortigen Stopp aller Militäraktionen.

Bodenoffensive wird erwogen

Am Sonntagnachmittag berichteten internationale Medien, dass israelische Panzer sich auf den Weg zur Grenze zwischen Israel und dem Gaza-Streifen gemacht hätten. Ob eine Invasion mit Bodentruppen tatsächlich bevorsteht, ist unklar. Israels Außenministerin Zipi Livni erklärte in einem Interview, das Ziel der Offensive sei es nicht, den Gaza-Streifen erneut zu besetzen.

Wie die Situation in Gaza aussieht, ist schwer einzuschätzen. Israel verweigert Journalisten derzeit noch die Einreise in den Streifen. Aus dem Auswärtigen Amt in Berlin verlautete, von den rund 150 deutschen Staatsbürgern im Gaza-Streifen sei niemand verletzt oder getötet worden.

Palästinenserpräsident Mahmud Abbas, der sich zurzeit in Kairo aufhält, machte die Hamas für den Ausbruch der Gewalt verantwortlich. "Wir haben ihnen nahegelegt, die Waffenruhe mit Israel nicht zu beenden", sagte er bei einer Pressekonferenz in der ägyptischen Hauptstadt. Die Fatah-Organisation von Abbas und die Hamas stehen sich seit anderthalb Jahren in einem teils blutig ausgefochtenen Konflikt gegenüber. Die Hamas hat im vergangenen Jahr quasi die Macht im Gaza-Streifen an sich gerissen.

yas/ore/Reuters/AFP/AP/dpa



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