Gaza-Krise: Israel mobilisiert Tausende Reservisten

Die Fronten verhärten sich immer mehr: Israel droht der Hamas mit einem Einmarsch in den Gaza-Streifen und beruft 6500 Reservisten zur Truppe ein. Ministerpräsident Olmert stimmt die Bevölkerung auf lange Kämpfe ein - und die Hamas feuert Raketen bis weit ins Landesinnere.

Gaza/Tel Aviv - Es waren die schwersten Bombardements seit Jahrzehnten. Mehr als hundert Tonnen Sprengstoff wurden laut israelischen Medienberichten am Samstag auf den Gaza-Streifen abgeworfen. Nach noch unbestätigten Palästinenserangaben starben durch die Luftangriffe bislang über 280 Menschen, und bis zu 750 Personen wurden verletzt.

Und die schweren Schläge sollen erst der Anfang gewesen sein, heißt es aus Israel. Militärsprecher sagten laut einem Bericht der "New York Times", die Angriffe gegen die Hamas könnten Tage oder sogar Monate dauern. Auch Israels Ministerpräsident Ehud Olmert stimmte die Bevölkerung am Sonntag auf längere Kämpfe ein. Olmert bat zu Beginn einer Kabinettssitzung um Geduld, Entschlossenheit und Durchhaltevermögen.

Nach Angaben eines ranghohen israelischen Sicherheitsbeamten erwägt Israel bereits den Einmarsch in den Gaza-Streifen. Mehrere hundert Soldaten seien auf dem Weg zur Grenze. Ein hochrangiger Regierungsvertreter sagte, die israelische Regierung habe die Mobilisierung Tausender Reservisten für Kampf- und Verteidigungseinheiten gebilligt. Laut israelischen Medien sollen 6500 Soldaten einberufen werden.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk berichtete zudem, israelische Panzer mit Reservisten hätten in einem an den Gaza-Streifen grenzenden Gebiet Stellung bezogen. Ein Armeesprecher wollte dies nicht kommentieren.

Zuvor hatte der israelische Verteidigungsminister Ehud Barak mit einer Bodenoffensive gedroht. "Wenn es notwendig ist, Truppen aufmarschieren zu lassen, um unsere Bürger zu schützen, werden wir das tun", wurde er von seinem Sprecher zitiert.

In einem dringenden Brief an den Uno-Sicherheitsrat verteidigte Israel die Offensive gegen die Hamas. Es gehe darum, die Zivilbevölkerung vor Raketenbeschuss aus dem Gaza-Streifen zu schützen. In dessen Nähe leben 125.000 Israelis. Seit Sommer 2005 - dem Rückzug Israels aus dem Gaza-Streifen - sind laut israelischen Militärangaben mehr als 7000 Raketen und Mörsergranaten in Israel eingeschlagen.

Neue Bombardements auf Hamas-Regierungsgebäude

Die israelische Luftwaffe setzte am Sonntag ihre Angriffe auf Ziele im Gaza-Streifen fort. Die Armee bombardierte in dem Küstengebiet unter anderem eine Fernsehstation, ein Ausbildungszentrum und Regierungsgebäude der radikalen Palästinenser-Gruppe Hamas. Dabei gab es erneut Tote und Verletzte.

Nach Augenzeugenberichten wurde das Hauptquartier der Hamas-Regierung in der Stadt Gaza getroffen und schwer beschädigt. Auch der Saraja-Gefängniskomplex, in dem mehrere Hauptquartiere von Hamas-Sicherheitsorganisationen untergebracht sind, wurde getroffen. Dabei starben nach palästinensischen Angaben vier Gefangene, zwölf weitere seien verletzt worden.

In der Nacht zum Sonntag hatte der israelische Rundfunk bereits von rund 20 Luftangriffen berichtet. Der israelische Armeesender meldet, in der Nacht seien in mindestens fünf Fällen Gruppierungen getroffen worden, die Raketen auf Israel abfeuern wollten.

Ein Armeesprecher bestätigte zudem einen Bericht des TV-Senders al-Dschasira, laut dem eine Moschee in Gaza getroffen worden sei. In dieser hätten sich "Terroristen" verschanzt, sagte der Sprecher.

Militante Palästinenser setzten ihre Angriffe gegen Israel ebenfalls fort. Aus dem Gazastreifen feuerten sie zwei Grad- Raketen soweit wie nie zuvor ins Landesinnere - bis an den Stadtrand der 30 Kilometer nördlich gelegenen Hafenstadt Aschdod. Nach Angaben eines israelischen Polizeisprechers schlugen am Sonntagmorgen 20 Raketen auf israelischem Boden ein. Seit Beginn der Luftangriffe am Samstagmittag seien es mehr als hundert gewesen. Am Samstag war ein Israeli bei der Explosion einer selbst gebauten Rakete ums Leben gekommen.

Der im Exil lebende Chef der islamistischen Hamas, Chalid Maschaal, forderte am Samstagabend in einem Interview mit dem Fernsehsender al-Dschasira eine neue Intifada gegen Israel. "Der Widerstand wird sich mit Selbstmordaktionen fortsetzen", sagte Maschaal.

Sicherheitsrat fordert sofortiges Ende der Kämpfe

Der Uno-Sicherheitsrat hat nach einer vierstündigen Dringlichkeitssitzung in New York einen sofortigen Stopp aller Militäraktionen im Gaza-Streifen gefordert. Die 15 Botschafter waren auf Antrag Libyens zusammengetreten. Auf eine explizite Verurteilung der israelischen Luftangriffe auf den Gazastreifen einigten sich die Mitglieder des Sicherheitsrates am Sonntagmorgen nicht.

Palästinenserpräsident Mahmud Abbas machte die Hamas für die israelischen Angriffe mit verantwortlich. "Wir haben ihnen eindringlich nahegelegt, die Waffenruhe mit Israel nicht zu beenden", sagte Abbas auf einer Pressekonferenz in Kairo. Die Hamas hatte eine sechsmonatige Waffenruhe mit Israel im Dezember nicht verlängert.

Abbas reiste zu Krisengesprächen nach Kairo und Amman. In der ägyptischen Hauptstadt traf er am Sonntagmorgen mit Präsident Husni Mubarak zusammen. Kairo hatte schon am Vortag angeboten, zwischen Israel und der islamistischen Hamas zu vermitteln, die den Gaza-Streifen kontrolliert. Am Samstagabend war Abbas in Amman mit König Abdullah II. zusammengetroffen.

Gaza droht erneut in einer Spirale der Gewalt zu versinken

Weltweit reagierten Regierungsvertreter auf die erneute Eskalation im Gaza-Streifen mit Bestürzung. "Der Gaza-Streifen droht erneut in einer Spirale der Gewalt zu versinken", sagte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) der "Bild am Sonntag". Generell billigte er Israel allerdings das Recht auf Selbstverteidigung zu. Ban Ki Moon, Generalsekretär der Uno, rief zu einem "sofortigen Stopp aller Gewalt" im Gaza-Streifen auf.

In der arabischen Welt lösten Israels Angriffe Empörung aus. In Ägypten, Jordanien, Syrien und dem Libanon kam es am Samstag zu Protestkundgebungen von Exil-Palästinensern. In der jordanischen Hauptstadt Amman protestierten Hunderte Demonstranten vor der dortigen Niederlassung der Vereinten Nationen.

ssu/AFP/AP/dpa/Reuters

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