Gaza-Krise Wie gespalten die Hamas wirklich ist

Der internationale Druck für eine Waffenruhe in Nahost wächst - und gleichzeitig wird immer klarer: Die Hamas ist gespalten. Hardliner fordern die "Entscheidungsschlacht", während andere über den ägyptisch-französischen Friedensplan verhandeln. Welches Lager sich durchsetzt, ist offen.

Von Volkhard Windfuhr, Kairo


Kairo - Es ist eine kleine, aber bemerkenswerte Szene, die sich am Donnerstag im Zentrum von Gaza-Stadt abspielt: Vor einer geschlossenen Hähnchenbraterei nahe dem leerstehenden Schawa-Kulturzentrum verteilen maskierte Uniformträger angegilbte A4-Bögen mit Durchhalteparolen. "Kein Friedensschluss mit den Mördern unserer Kinder" ist darauf zu lesen, oder "Bietet ihnen die Stirn bis zum Tod, Allah ist mit euch".

Aber nur wenige Passanten greifen nach den Zetteln. Die sich täglich verschlechternden Lebensbedingungen treiben allzu fanatischen Hamas-Propagandisten keine neuen Sympathisanten in die Arme. "Warum verteilt ihr Papier statt Brot?", ruft eine ältliche Mutter mit zwei verängstigten Töchtern und hetzt weiter.

Seit 14 Tagen fallen Bomben im Gaza-Streifen, über 700 Palästinenser sind schon ums Leben gekommen. Die Palästinenser haben den Krieg eben so satt wie die Israelis. Sollte die Hamas geglaubt haben, einen Volkssturm entfesseln zu können, hat sie sich offenbar geirrt.

Aber noch etwas anderes wird immer klarer. Etwas, das mit Blick auf die in Fahrt gekommenen internationalen Bemühungen um eine Waffenruhe und einen Friedensplan von Bedeutung ist: Die Hamas ist im Moment nicht in der Lage, mit einer Stimme zu sprechen.

Keine Geschlossenheit, widersprüchliche Signale

Wie wenig, zeigt sich zum Beispiel bei den Erörterungen über eine Waffenruhe, die derzeit in Kairo stattfinden. Kein anderer als Chalid Maschaal höchstpersönlich, im syrischen Damaskus residierender Chef des Politbüros der militanten Hamas, schickte am Dienstag mehrere prominente Parteifunktionäre nach Ägypten, um die Möglichkeiten einer ägyptischen Vermittlerrolle zu sondieren. Denn die sogenannte Kairo-Initiative, die dem Blutbad Einhalt gebieten und eine "Wurzelbehandlung des Problems" ("Radio Kairo") einleiten soll, gilt inzwischen als aussichtsreichster Versuch, die Krise in wenigen Tagen zu meistern.

Doch schon innerhalb der Hamas-Delegation herrschten unterschiedliche Vorstellungen über den Weg, den die Hamas beschreiten solle. Kein Wunder, dass die Hamas den gesamten Donnerstag über nur uneindeutige Signale sandte.

Muhammad Nasr, aus Hebron stammendes Mitglied des Politbüros und seit langem als einflussreichster politischer Berater Mischaals gehandelt, diskutierte in Kairo gleich mehrere Stunden mit Omar Suleiman, dem ägyptischen Geheimdienstchef und potentiellen Nachfolger des Präsidenten Husni Mubarak.

Die Konsultationen drehten sich um die Bedingungen, die der Hamas abverlangt werden müssen, um den ägyptischen Plan zum Erfolg zu führen.

Doch der als Hardliner bekannte Envoyé aus der syrischen Hamas-Zentrale blieb hart und bestand auf schwer vermittelbaren Forderungen: Hamas müsse auch künftig die palästinensisch-ägyptische Grenze kontrollieren und dürfe nicht gezwungen werden, den Staat Israel anzuerkennen, nicht einmal indirekt.

Genau das beinhaltet aber das ägyptische Konzept: Nach sofortiger Feuereinstellung und dem Rückzug der israelischen Armee müsse Hamas den Abschuss von Raketen auf israelisches Territorium ein für allemal unterlassen und der von den Mitgliedstaaten der Arabischen Liga und der Weltgemeinschaft anerkannten palästinensischen Autonomieregierung die Kontrolle der Grenzübergänge des Gaza-Streifens nach Ägypten und Israel wieder überantworten. Auch die bereits sehr detailliert angedachte arabische und europäische Beobachterpräsenz längs der Gaza-Grenze liegt vielen Hamas-Politikern schwer im Magen. Denn falls die neue Grenztruppe mit weitgehenden Vollmachten ausgestattet wird, bedeutet das automatisch die Schließung der Tunnel, durch die eben nicht nur Medikamente und Nahrungsmittel, sondern auch Waffen geschmuggelt wurden.

In der Hamas-Schaltstelle rumort es

Imad al-Alami hingegen, ein weiterer Hamas-Emissär, der den hartnäckigen Politbüro-Mann Nasr in die Nil-Metropole begleitet hatte, zeigte sich konzilianter. Der als "Philosoph" belächelte Widerstandspolitiker lehnte die ägyptischen Lösungsansätze nicht in Bausch und Bogen ab, sondern stellte vielmehr seine baldige Rückkehr mit neuen Gegenvorschlägen in Aussicht.

Kein Zweifel: In der Hamas-Schaltstelle in Damaskus rumort es. Zugleich sind etliche Hamas-Aktivisten, die von Gaza aus nach Ägypten gekommen sind, längst von der Notwendigkeit der ägyptischen Vermittlungsdienste überzeugt. Von einer einheitlichen Linie der Hamas kann also keine Rede sein.

Angesichts solcher Uneinigkeit wird die am Donnerstag bekannt gegebene Absage der in Damaskus ansässigen Koalition radikaler Palästinensergruppen an den ägyptischen Befriedungsplan in Kairo nicht als das letzte Wort angesehen. Die harsche Ablehnung der ägyptischen Vermittlungsangebote durch die Damaszener Allianz, zu der auch die Hamas gehört, gehe eher auf den Druck der syrischen Gastgeber zurück, die mit dem nicht abgesprochenen Kairo-Besuch der Hamas-Politiker nicht einverstanden waren, heißt es in der ägyptischen Hauptstadt übereinstimmend.

Welches Lager sich schließlich durchsetzen wird, wovon ja auch die Frage einer Waffenruhe abhängt, war zumindest am Donnerstag nicht absehbar. Aber die Zeit dürfte eher den Moderaten in die Hände spielen. Denn die Hardliner haben sich - so sieht es derzeit aus - verkalkuliert. Allmählich dürfte ihnen etwa klar geworden sein, dass kein einziger Araberstaat für Gaza in den Krieg ziehen oder auch nur den arabischen Friedensplan zurückziehen wird, der die Anerkennung Israels vorsieht.

Das Verkalkulieren schließt die Hisbollah ein. Denn auch die Appelle des Beiruter Fernsehkanals "al-Manar", bekannter Satellitensender der schiitischen Organisation, finden nicht den von ihr erwünschten Widerhall in der breiten Öffentlichkeit. Zwar fordert "al-Manar" unermüdlich von den zermürbten Zivilisten des Gaza-Streifens, sich "bis zum Ende" zur Wehr zu setzen und ja nicht aufzugeben. Und lässt zusätzlich geschickt ausgewählte Interviewpartner vor "Verrätern in den eigenen Reihen" warnen und gegen "arabische Parteigänger der Israelis" drohen.

Der herbeigewünschte Abschuss von Katjuscha-Raketen aus schiitischen Stellungen im Südlibanon auf Nordisrael soll nach Ansicht der Scharfmacher möglichst schnell das Fanal für eine neue Kampfallianz palästinensischer Sunniten und libanesischer Schiiten abgeben. Aber das sind vor allem Trugbilder und Wunschvorstellungen, jedenfalls bislang.

An Kairo führt kein Weg vorbei

Im Hintergrund ist einiges in Bewegung gekommen. So sind palästinensische Altkader längst an einer breitgefächerten Kampagne zugunsten der ägyptischen Initiative engagiert, die sich im Kern nicht von den Vorschlägen des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy unterscheidet.

Said Kamal zum Beispiel, langjähriger Kairo-Repräsentant des legendären Palästinenserführers Jassir Arafat und ehemaliger stellvertretender Generalsekretär der Arabischen Liga, wurde am Dienstag vom libanesischen Fernsehsender "al-Quds" zu einer Talkshow eingeladen, in der er ungehindert die Palästinenser ermuntern durfte, sich der ägyptischen Initiative zu bedienen. "Es gibt weit und breit nichts Besseres für uns, und im Übrigen kann über alles verhandelt werden. Und verhandeln müssen wir sowieso." Das Besondere an dieser Begebenheit: "al-Quds" ist im Libanon auch als Hamas-TV bekannt.

Der Hamas-Führung dürfte angesichts dieser Entwicklungen am Ende nur wenig Spielraum bleiben. Einziger arabischer Anrainerstaat an den Gaza-Streifen ist nun mal Ägypten. Auch die Hardliner und eingefleischten Ägypten-Gegner dürften begreifen, dass letztlich kein Weg an Kairo vorbeiführt.

Nahost-Konflikt
Die Gebiete
Im Grunde dreht sich der Konflikt um das Existenzrecht Israels und die Forderung nach einem eigenen Palästinenserstaat . Es gibt inzwischen palästinensische Autonomiegebiete - den Gaza-Streifen und das Westjordanland . Die Grüne Linie trennt die Gebiete von Israel. Um die israelischen Siedlungen in den umstrittenen Gebieten gibt es immer wieder Streit.
Die Gegner
Dem Staat Israel stehen einzelne Gruppierungen und Institutionen gegenüber: im Gaza-Streifen und Westjordanland die Palästinensische Autonomiebehörde | Hamas | Kassam-Brigaden | Volkswiderstandskomitee (PRC) | PLO | Fatah | Al-Aksa-Brigaden | Islamischer Dschihad | im Libanon die Hisbollah
Geschichte



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