Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Gaza: Lasst die Siedler, wo sie sind!

Von Henryk M. Broder

Heute soll der Gaza-Streifen geräumt werden. So hat es die israelische Regierung beschlossen und das Parlament bestätigt. Aber viele Siedler wollen nicht gehen. Also muss ein Plan B her. Hier ist er.

Räumungsbefehl in Nisanit: 1000 Siedler im interviewfähigen Alter
DPA

Räumungsbefehl in Nisanit: 1000 Siedler im interviewfähigen Alter

Berlin - Israel räumt eine 360 Quadratkilometer große Parzelle an der Küste des Mittelmeers, und die Welt steht Kopf. Alle großen Networks haben ihre Korrespondenten an den Übergängen zum Gaza-Strip postiert, sie berichten live und ohne Unterlass über den Stand der Dinge.

Langsam werden die Siedler knapp, nicht weil sie schon gepackt haben und abgezogen sind, sondern weil so gut wie jeder bereits befragt wurde. Die Rede ist immer von rund 8000 Siedlern. Zieht man die Kinder und die Alten ab, bleiben etwa 1000 Erwachsene im interviewfähigen Alter, die Hälfte davon Frauen, die sich nur aus dem Haus trauen, wenn sie zum Einkaufen gehen oder ihre Kinder zur Schule bringen. Das ganze demographische Problem reduziert sich also auf rund 500 Männer; "gewaltbereite Extremisten", würde man in Deutschland sagen; und das sind die Irren von Gaza auch, obwohl - oder gerade weil - sie Gott zum Zeugen aufrufen, von dem sie den Auftrag bekommen haben, sich der Räumung zu widersetzen.

Grafik: Israels Bastionen
DER SPIEGEL

Grafik: Israels Bastionen

Ich war vor etwa fünf Jahren zum letzten Mal im Gaza-Streifen, und einige der Gesichter, die ich in den letzten Tagen im Fernsehen gesehen habe, kamen mir bekannt vor. Avi Farhan zum Beispiel, ein säkularer Siedler, der schon den Widerstand gegen den Rückzug aus dem Sinai vor 23 Jahren anführte und sich schließlich in Gaza niederließ. Überhaupt kommt mir die ganze Geschichte wie ein Alptraum vor, den ich schon mal geträumt habe, ein echtes Déjà vu.
Wie einst in Massada

Kurz vor der Rückgabe des Sinai an Ägypten gab es in Israel die gleichen Diskussionen, die gleichen Reaktionen, die gleichen Proteste. Und wie es der historische Zufall will, war es auch damals ein national-konservativer Ministerpräsident, Menachem Begin, der die Räumung des Sinai gegen den Widerstand derselben Gotteskrieger und Nationalisten durchsetzen musste, die heute die Räumung des Gaza-Strips im letzten Moment zu verhindern versuchen. Damals wie heute ging es nicht nur um "Land gegen Frieden" bzw. "Land gegen Sicherheit", es ging um die "Existenz des jüdischen Staates", die "Zukunft des jüdischen Volkes", sozusagen um das nackte Überleben. Vier Wochen nach dem Tag X war die Aufgabe des Sinai kein Thema mehr. Alles ging wie gewohnt weiter, das normale Leben und auch der normale Terror, der damals freilich weder die Intensität noch die Effektivität wie heute hatte. Ab und zu wurde eine verdächtige Aktentasche gesprengt, man sah sich das Spektakel aus sicherer Entfernung an und ging weiter. Es gab keine Selbstmordattentäter, nicht einmal den Begriff.

Kind vor Sicherheitskräften in Neve Dekalim: ... ums nackte Überleben
AP

Kind vor Sicherheitskräften in Neve Dekalim: ... ums nackte Überleben

Ich habe an die letzten Tage der israelischen Präsenz im Sinai eine angenehme Erinnerung. Obwohl das Gebiet von der israelischen Armee abgeriegelt wurde, war es nicht allzu schwer, auf Nebenwegen nach Yamit, die weiße Stadt am Meer, zu kommen. Wir quartierten uns in irgendeinem verlassenen Gebäude ein und schauten zu, was die Siedler so trieben. Die sangen patriotische Lieder, gaben fortwährend Interviews, gelobten fünfmal am Tag, den Sinai nie zu verlassen und riefen den anrückenden israelischen Soldaten "Nur über unsere Leichen!" zu.

Eine Gruppe besonders fanatischer Jugendlicher hatte sich in einem Bunker verbarrikadiert und drohte, kollektiv Selbstmord zu begehen. Wie einst auf der Festung Massada. Worauf sich ein paar Rabbiner auf den Weg machten, um die Jugendlichen von ihrem Vorhaben abzubringen und die Mütter der Bunker-Kids mit Essen anrückten, damit ihre tapferen Söhne nicht verhungerten.

Das Ganze war eher komisch als tragisch. Und als die israelische Armee schließlich ab- und die ägyptische nachrückte, liefen die letzten Siedler den vollbeladenen Lastwagen zu Fuß hinterher. Und nun sieht es aus, als würde sich die Geschichte wiederholen. Wieder drohen die Siedler mit bewaffnetem Widerstand, einige wollen lieber sterben als weichen, andere unter allen Umständen bleiben.

Im Irrenhaus ist die Hölle los

Weinende Siedler und Soldaten nach der Aufgabe einer Synagoge in Nissanit: So viele Durchgeknallte auf so knappem Raum
REUTERS

Weinende Siedler und Soldaten nach der Aufgabe einer Synagoge in Nissanit: So viele Durchgeknallte auf so knappem Raum

Im Irrenhaus ist die Hölle los. Ich habe noch nie und nirgendwo so viele Durchgeknallte auf so knappem Raum erlebt wie im Gaza-Streifen. An einige kann ich mich noch besonders gut erinnern. In Netzarim, einer vollkommen isolierten Siedlung inmitten des Gaza-Streifens, traf ich eine junge Frau und Mutter, die mir allen Ernstes klar zu machen versuchte, es gäbe auf der ganzen Welt keinen besseren Ort zum Leben als Netzarim - obwohl sie zu Fuß gerade zum Sicherheitszaun gehen konnte und einen gepanzerten Bus nehmen musste, wenn sie mal "nach Israel" wollte.

In Kfar Darom, einer fußballfeldgroßen Siedlung, traf ich einen jungen Mann, der einem ausgefallenen Hobby nachging. Immer, wenn die arabischen Nachbarn nach Kfar Darom feuerten, was öfter vorkam, stieg er mit einer Kamera auf das Dach seines Hauses und "schoss zurück". So kamen im Laufe der Jahre mehrere dicke Foto-Alben zusammen.

Es war sehr einfach, mit den Siedlern zu reden. Ich musste mich nicht auf Hebräisch anstrengen. Die meisten kamen aus den USA und aus Frankreich, und es waren erstaunlich viele Konvertiten darunter, die vor kurzem zum Judentum übergetreten waren. "Echte" Israelis waren in der Minderheit. Die saßen lieber im Café "Atara" in Jerusalem oder gingen an der Strandpromenade in Tel Aviv spazieren. "Das ist doch kein Leben", sagten mir die Gaza-Siedler auf die Frage, ob sie nicht auch mal normal leben möchten, ohne Zaun, ohne gepanzerte Autos, ohne Dauerstress, "hier hat unser Leben einen Sinn, hier schreiben wir Geschichte."

Sie hatten es sich in Gaza nicht nur gemütlich und preiswert eingerichtet - alles wurde von der Regierung gefördert, die Mieten, die Jobs, die Einahmen und die Ausgaben - sie hatten ihre subventionierten Abenteuerspielplätze auch ideologisch überbaut. "Wir verteidigen mit unserer Präsenz den Staat Israel", "wer Gaza aufgibt, hat auch keinen Anspruch auf Tel Aviv", "für die Palästinenser macht es keinen Unterschied, ob wir in Haifa oder in Gaza leben - für uns auch nicht".

"Gott wird uns helfen"

Nationalreligöse Siedler vor israelischen Polizisten: Wie einst auf der Festung Massada
AFP

Nationalreligöse Siedler vor israelischen Polizisten: Wie einst auf der Festung Massada

Sie konnten sich alles vorstellen - nur nicht, dass die Regierung sie eines Tages aus ihrem kleinen Paradies am Strand vertreiben würde.

Nun ist es so weit. Scharon macht ernst, Gaza wird geräumt. Tausende israelischer Soldaten wurden nach Gaza abkommandiert, um den Siedlern beim Packen zu helfen. Aber sie wollen sich nicht helfen lassen.

Sie wollen bleiben. Die Regierung hat ihnen eine Frist gesetzt, dann noch eine, sie aber nehmen nur Befehle von Gott entgegen. "Er wird uns helfen", sagen sie, "denn wir handeln nach Seinen Geboten".

Da wäre ein kleiner praktischer Versuch von großem aufklärerischem Wert. Die Regierung sollte den Siedlern eine definitiv letzte Frist setzen und erklären: "Wer danach in Gaza bleibt, tut es auf eigene Gefahr." In der Tat: Wenn eine Million Palästinenser als israelische Bürger in Israel leben können, könnten ein paar Hundert oder Tausend Juden in Palästina leben, vorausgesetzt sie geben die israelische Staatsbürgerschaft ab, nehmen die palästinensische an und akzeptieren die Autorität der palästinensischen Behörden. Dann könnte es nur passieren, dass sie ihre Häuser und Siedlungen mit Palästinensern teilen müssen, die bislang in Flüchtlingslagern gelebt haben oder auch umgekehrt: dass sie ein Obdach in einem der Flüchtlingslager zugewiesen bekommen, in denen bis jetzt nur Palästinenser gelebt haben. Wenn alles gut geht.

Sie wollen bleiben, unter allen Umständen. Also sollten sie bleiben, um jeden Preis.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: