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Gaza-Militäroperation: Israel plant Geiselbefreiung mit allen Mitteln

Israels Regierungschef Olmert hat versichert, dass die Militär-Offensive im Gaza-Streifen eine zeitlich begrenzte Aktion sein soll. Zur Befreiung ihres Kameraden würden die Soldaten aber "extreme Mittel" einsetzen. Palästinenser-Präsident Abbas wirft Israel Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor.

Jerusalem - "Wir haben nicht vor, Gaza wieder zu besetzen. Wir wollen nicht dort bleiben. Wir haben ein Ziel, und das ist, Gilat (Schalit) heimzubringen", erklärte Ehud Olmert heute in Jerusalem. Verhandlungen mit den palästinensischen Entführern des israelischen Soldaten lehnte Olmert abermals entschieden ab. Die in der Nacht begonnene Militäroffensive werde in den kommenden Tagen fortgesetzt, fügte der Ministerpräsident hinzu. Bislang drang die israelische Armee etwa zwei Kilometer tief in den südlichen Teil des Gebietes ein.

In der Nacht war ein Ultimatum der Regierung für die Freilassung des 19-Jährigen verstrichen. Ägyptische und französische Vermittlungsversuche waren zuvor nach Angaben einiger Beteiligter gescheitert. Justizminister Haim Ramon sagte im israelischen Armeerundfunk, der politische Führer der Hamas, Chaled Maschaal, werde nun ins Visier genommen. Der in Syrien lebende Maschaal sei ein Ziel für eine gezielte Tötung, weil er die Entführung angeordnet habe.

Bei ihrer Offensive griff die israelische Armee am Morgen den Flughafen Rafah an, der im Jahr 2001 bereits durch einen israelischen Angriff teilweise zerstört worden war und seither außer Betrieb ist. Panzer drangen auf das Gelände vor und feuerten auf das Flughafengebäude, teilte ein ranghoher Vertreter der palästinensischen Sicherheitskräfte mit. Im Rest des Gaza-Streifens sei die Lage ruhig.

"Wir wollen (den Palästinensern) zunächst Luft zum Atmen lassen", sagte ein Sprecher der israelischen Armee. "Wir wollen nicht in die Lage geraten, dass wir zu viel tun und damit die Sicherheit der Geisel untergraben." Im nördlichen und zentralen Grenzabschnitt zum Gazastreifen standen weitere Einheiten für einen Vormarsch bereit.

Die Hamas-Regierung verurteilte die Offensive als "ungerechtfertigt" und warnte vor "schweren Konsequenzen". Regierungsssprecher Ghasi Hamad sagte, Israel werde mit seinem "militärischen Wahnsinn" nicht seine Ziele erreichen. Ein Anführer der Hamas rief die Palästinenser zu den Waffen: "Kämpft gegen die Feinde, die gekommen sind, um zu sterben", sagte er in seinem im Rundfunk übertragenen Appell. Palästinenserpräsident Mahmud Abbas kritisierte die Offensive als "Kollektivstrafe" und bezichtigte Israel "Verbrechen gegen die Menschlichkeit".

Wegen der Gefahr von Entführungen will die Armee jüdischen Siedlern im Westjordanland jetzt Mitfahrmöglichkeiten anbieten. Der Einsatz solle in der kommenden Woche beginnen, berichtete der israelische Rundfunk. Die Behörden gehen inzwischen davon aus, dass auch ein seit Sonntag im Westjordanland vermisster Israeli entführt wurde.

"Iran hat Schuld an angespannter Lage"

Israels Botschafter in Deutschland, Schimon Stein, verteidigte die Militäroffensive. Israel sei verpflichtet, verschleppte Soldaten zu befreien, sagte Stein im Deutschlandfunk. Selbstverständlich werde sich die Armee nach einer Befreiung des Soldaten wieder aus dem Gaza-Streifen zurückziehen. Der Vorsitzende der Fatah im Gaza-Streifen, Abdallah Frangi, machte in einem Gespräch mit SPIEGEL ONLINE Israel für die Eskalation der Gewalt verantwortlich.

Der Zentralrat der Juden wies Iran für die angespannte Lage im Nahen Osten die Verantwortung zu. Ratspräsidentin Charlotte Knobloch sagte im Inforadio vom RBB, die Regierung in Teheran unterstütze seit Jahren die radikalislamische Hamas in ihrer Absicht, den Staat Israel auszulöschen. Momentan sei man "weiter entfernt denn je" von einem Dialog mit der islamischen Welt. Nach der Entführung drohe eine weitere Eskalation. Es habe sich in jüngster Zeit etwas bewegt. Es sei "schade, dass das momentan und ich glaube auch für längere Zeit total abgebrochen wurde".

Der Westen solle Iran "die rote Karte" zeigen, sagte Knobloch und plädierte für eine politische Isolierung Teherans als "Beginn eines richtigen Weges". Wegen wirtschaftlicher Interessen sei im Westen "natürlich eine Zurückhaltung vorhanden", aber das sollte überdacht werden, "da ja Iran auch uns, den Westen, sehr dringend benötigt, und ich glaube, da hat man auch Ansatzpunkte".

lan/dpa/AP/AFP

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Gaza-Streifen: Einmarsch der israelischen Armee

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