Gaza-Offensive: Israel droht mit Ausweitung der Angriffe

Trotz heftiger Gegenwehr läuft der Vormarsch der israelischen Armee nach eigenen Angaben nach Plan. Doch in den Stäben will man sich von den Anfangserfolgen nicht blenden lassen, falls nötig werde Israel die Offensive intensivieren, erklärte Verteidigungsminister Barak.

Gaza/Tel Aviv - Die Bodentruppen der israelischen Armee sind am Sonntag bis kurz vor die Stadt Gaza vorgerückt. Rund 50 Panzer und Infanterie-Einheiten stünden in der früheren jüdischen Siedlung Nezarim, drei Kilometer südlich von Gaza, berichteten Augenzeugen. Infanterie-Einheiten kontrollierten den Berichten zufolge zudem die wichtigste Verkehrsstraße im Gaza-Streifen, die Salaheddin Road, nördlich und südlich von Gaza.

Die Augenzeugen sprachen auch von Feuergefechten zwischen Soldaten und Hamas-Anhängern sowie Explosionen entlang der Straße. Zudem habe die israelische Armee Menschen festgenommen. Die heftigsten Kämpfe gab es den Angaben zufolge in Dschabalija und Beit Lahia nördlich von Gaza. Dutzende Familien flohen vor den israelischen Soldaten, berichten Augenzeugen. In vollbeladenen Kleinbussen steuerten die Menschen demnach in Richtung Süden.

Die israelische Armee gab an, schneller vorangekommen zu sein als geplant. Die Truppen hätten die ausgemachten Ziele erreicht, um Raketenabschüsse aus dem Gaza-Streifen nach Israel zu verhindern, sagte General Avi Benjahu.

Gleichwohl gibt sich die israelische Regierung keinen Illusionen hin: Der Einsatz werde nicht leicht sein, erklärte Israels Verteidigungsminister Ehud Barak in einer Pressekonferenz. Und er wäre auch nicht bald beendet. Barak ließ aber keinen Zweifel daran aufkommen, dass Israel seinen Einsatz notfalls auch noch einmal verstärken würde, um einen Sieg herbeizuführen. Eine Wiedereroberung des Gaza-Streifens sei jedoch nicht geplant.

Erhöhte Alarmbereitschaft im Norden

Auch Regierungschef Ehud Olmert ließ am Sonntag vor Beginn einer Kabinettssitzung im Verteidigungsministerium in Tel Aviv keinen Zweifel an seiner Entschlossenheit. Zwar habe Israel "kein Interesse an der Eröffnung neuer Fronten" neben der im Gaza-Streifen. Er habe dem Militär aber befohlen, sich bereit zu halten, falls "jemand" einen Vorteil aus dem israelischen Militäreinsatz im Süden des Landes ziehen wolle.

Inzwischen haben die israelischen Bodentruppen den Gaza-Streifen nach Medienberichten in drei Teile getrennt. Die Truppen hielten sich unter anderem im Bereich der ehemaligen jüdischen Siedlung Nezarim auf, berichteten israelische Radio- und Fernsehsender am Sonntag. In dem Bereich, etwa drei Kilometer von der Stadt Gaza entfernt, liegt eine Hauptverkehrsader im Gaza-Streifen. Auf diese Weise solle die Bewegungsfreiheit militanter Palästinenser eingeschränkt werden, die Raketen auf Israel abfeuern.

Die Hamas habe sich während der sechsmonatigen Waffenruhe mit Israel sehr gut auf einen Angriff am Boden vorbereitet, erklärte ein ranghoher Militär die Herausforderung vor Ort. Es gebe für die Truppen "viele Hindernisse auf dem Boden und im Untergrund". Hamas verwende dabei Guerilla-Methoden, die aus Iran und von der libanesischen Hisbollah-Miliz stammten. Dennoch sei die Organisation bei der vor einer Woche begonnenen Militäroffensive "Gegossenes Blei" bereits schwerwiegend getroffen worden.

Widersprüchliche Angaben über Geiselnahmen

"Wir rücken weiter vor, um die Hamas-Infrastruktur so hart wie möglich zu treffen und die Anzahl der Raketenangriffe zu verringern", sagte er. "Wir erwarten nicht, dass die Zahl der Raketenangriffe während der Operation auf null sinkt." Man wolle die Kontrolle über Regionen gewinnen, aus denen die meisten Raketen abgefeuert werden. Die stärkste Herausforderung für die vorrückenden Truppen seien bisher Mörsergranaten-Angriffe durch militante Palästinenser gewesen, weniger direkte Gefechte mit Kämpfern, sagte er.

Radio- und Fernsehberichte aus Gaza, nachdem die Hamas bei dem Kämpfen in der Nacht zwei israelische Soldaten gefangen haben soll, wies der Militärvertreter ausdrücklich als "unwahr" zurück.

Auch über die Zahl der Opfer gibt es widersprüchliche Meldungen. Nach Angaben der israelischen Armee sind seit Beginn des Einmarschs 30 Soldaten verletzt worden, zwei davon schwer. Die Hamas spricht dagegen von neun getöteten israelischen Soldaten und beruft sich dabei auf eigene Quellen und den von ihr abgehörten israelischen Militärfunk.

Medizinische Versorgung vor dem Zusammenbruch

Ähnlich schwierig ist die Frage nach Opfern auf palästinensischer Seite. Nach Angaben palästinensischer Ärzte sind mindestens 23 Menschen ums Leben gekommen. Dabei handle es sich um drei Kämpfer der Hamas und 20 Zivilpersonen, teilten ein Klinikarzt und das Gesundheitsministerium in Gaza mit. Allein in Beit Lahia wurden demnach acht Bewohner bei einem Artillerieangriff getötet, als sie ihre Häuser verließen, um Zuflucht in einer Schule zu suchen.

Nach anderen Meldungen sind bei einem Granatenbeschuss des Zentrums von Gaza-Stadt durch israelische Truppen sind nach Angaben von Ärzten und Augenzeugen am Sonntag mindestens fünf Palästinenser getötet worden, 40 Menschen wurden verletzt.

Nahost-Konflikt
Die Gebiete
Im Grunde dreht sich der Konflikt um das Existenzrecht Israels und die Forderung nach einem eigenen Palästinenserstaat . Es gibt inzwischen palästinensische Autonomiegebiete - den Gaza-Streifen und das Westjordanland . Die Grüne Linie trennt die Gebiete von Israel. Um die israelischen Siedlungen in den umstrittenen Gebieten gibt es immer wieder Streit.
Die Gegner
Dem Staat Israel stehen einzelne Gruppierungen und Institutionen gegenüber: im Gaza-Streifen und Westjordanland die Palästinensische Autonomiebehörde | Hamas | Kassam-Brigaden | Volkswiderstandskomitee (PRC) | PLO | Fatah | Al-Aksa-Brigaden | Islamischer Dschihad | im Libanon die Hisbollah
Geschichte

Die lange Blockade und der anschließende Raketenbeschuss haben in den palästinensischen Krankenhäusern im Gaza-Streifen ohnehin schon in Ausnahmezustand versetzt. Inzwischen jedoch ist die Lage nach Angaben einer palästinensischen Helferin katastrophal. Sie habe so etwas noch nie erlebt, erklärte die Gaza-Koordinatorin der Hilfsorganisation Medical Aid for Palestinians (MAP), Fikr Shalltoot, am Sonntag im Fernsehsender CNN. "Es ist Wahnsinn."

In ganz Gaza gebe es in den Krankenhäusern nur 2500 Betten. Wegen des Stromausfalls in der Stadt Gaza müsse das größte Krankenhaus mit Generatoren arbeiten. Es sei kaum vorstellbar, was mit den Patienten geschehe, wenn auch diese ausfallen würden. Sie warf Israel vor, keine Unterschiede zwischen Zivilisten und Hamas-Kämpfern zu machen. Jeder habe das Gefühl, er könne ein Ziel sein.

mik/AFP/dpa/ddp/Reuters

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