Gaza-Offensive Israel lehnt Waffenruhe ab

Israels Offensive im Gaza-Streifen ist in vollem Gang - jetzt will die EU das Leiden der palästinensischen Bevölkerung mit einem Notprogramm lindern und verlangt einen Korridor für Hilfstransporte. Doch auf eine baldige Waffenruhe ist nicht zu hoffen - das machte Präsident Peres klar.


Brüssel/New York/Tel Aviv - Die Europäische Kommission stellt für den Gaza-Streifen drei Millionen Euro Nothilfe zur Verfügung. "Eineinhalb Millionen Menschen sind in dieses Gebiet eingepfercht, das nur etwa einem Prozent der Größe Belgiens entspricht", sagte Entwicklungskommissar Louis Michel am Sonntag. Er rief Israel auf, einen "humanitären Korridor" zu schaffen. "Den Zugang zu Menschen zu blockieren, die leiden und sterben, ist ein Bruch von Menschenrecht", sagte Michel.

Eine baldige Waffenruhe schloss Israels Präsident Schimon Peres am Sonntag in einem TV-Interview mit dem US-Sender ABC jedoch aus. Diese mache derzeit keinen Sinn. "Wir wollen weder Gaza besetzen, noch die Hamas zermalmen - sondern den Terror. Hamas muss eine echte und ernste Lektion erteilt werden. Das geschieht zurzeit."

Unterdessen wurde im Gaza-Streifen weiter heftig gekämpft. Israelische Soldaten waren unterstützt von Panzern und Kampfhubschraubern am Samstagabend in den Norden und Osten des Palästinensergebiets vorgerückt. Gaza wurde auch von See her beschossen. In Fernsehberichten waren lodernde Brände und Rauchwolken zu sehen.

Inzwischen haben die israelischen Bodentruppen den Gaza-Streifen offenbar in drei Teile getrennt: Die Truppen hielten sich unter anderem im Bereich der ehemaligen jüdischen Siedlung Nezarim auf, berichteten israelische Radio- und Fernsehsender am Sonntag. In dem Bereich, etwa drei Kilometer von der Stadt Gaza entfernt, liegt eine Hauptverkehrsader des Gaza-Streifens.

Auf diese Weise soll die Bewegungsfreiheit militanter Palästinenser eingeschränkt werden, die Raketen auf Israel abfeuern. Trotz der Bodenoffensive ging der Beschuss Südisraels durch die Hamas jedoch weiter. Der israelische Onlinedienst "ynet" sprach von sechs Raketen, die eingeschlagen seien, ohne Schaden anzurichten.

Zahl der zivilen Opfer steigt weiter

In den ersten Stunden der Bodenoffensive wurden nach Armeeangaben mindestens 30 Hamas-Kämpfer getötet. Bislang starben nach Angaben von Rettungskräften mindestens 485 Palästinenser, darunter mehr als 80 Kinder. 2500 Menschen wurden verletzt. Nach israelischen Medienangaben wurden 28 Soldaten verletzt und einer getötet. Die Hamas sprach am Sonntagmorgen dagegen von neun getöteten israelischen Soldaten.

Eine Helferin beschrieb die Lage in den palästinensischen Krankenhäusern im Gaza-Streifen als dramatisch. Sie habe so etwas noch nie erlebt, erklärte die Gaza-Koordinatorin der Hilfsorganisation Medical Aid for Palestinians (MAP), Fikr Shalltoot, am Sonntag im Fernsehsender CNN. "Es ist Wahnsinn."

In ganz Gaza gebe es in den Krankenhäusern nur 2500 Betten. Wegen des Stromausfalls in der Stadt Gaza müsse das größte Krankenhaus mit Generatoren arbeiten. Es sei kaum vorstellbar, was mit den Patienten geschehe, wenn auch diese ausfielen. Shalltoot warf Israel vor, keine Unterschiede zwischen Zivilisten und der Hamas zu machen.

In einer Erklärung der Hilfsorganisation Oxfam heißt es, die Krankenhäuser im Gazastreifen würden mit Toten und Verletzten überflutet. Zugleich gebe es einen ernsthaften Mangel an wichtigen Medikamenten und Ersatzteilen. Mitarbeiter würden zu Hause bleiben, weil sie um ihr Leben fürchteten.

Patt im Uno-Sicherheitsrat

Trotz der Eskalation der Gewalt hat sich der Uno-Weltsicherheitsrat nicht auf eine gemeinsame Linie einigen können. Nach fast vierstündigen Beratungen sagte der amtierende Vorsitzende Jean-Maurice Ripert am Samstagabend (Ortszeit) in New York lediglich, es gebe eine "starke Übereinstimmung" bei den Mitgliedern, ihre ernsthafte Sorge über die Lage zu äußern. Die große Mehrheit verlange eine sofortige Waffenruhe, die von allen Seiten voll respektiert werden müsse, sagte der französische Diplomat.

Nahost-Konflikt
Die Gebiete
Im Grunde dreht sich der Konflikt um das Existenzrecht Israels und die Forderung nach einem eigenen Palästinenserstaat . Es gibt inzwischen palästinensische Autonomiegebiete - den Gaza-Streifen und das Westjordanland . Die Grüne Linie trennt die Gebiete von Israel. Um die israelischen Siedlungen in den umstrittenen Gebieten gibt es immer wieder Streit.
Die Gegner
Dem Staat Israel stehen einzelne Gruppierungen und Institutionen gegenüber: im Gaza-Streifen und Westjordanland die Palästinensische Autonomiebehörde | Hamas | Kassam-Brigaden | Volkswiderstandskomitee (PRC) | PLO | Fatah | Al-Aksa-Brigaden | Islamischer Dschihad | im Libanon die Hisbollah
Geschichte

Der amerikanische Uno-Vertreter Alejandro Wolff betonte dagegen, es schade dem Ansehen der Sicherheitsrats, Forderungen zu stellen, die nachher nicht befolgt würden. Israel sei ein Mitglied der Weltgemeinschaft. Sein Vorgehen dürfe nicht mit Aktionen einer Terrorgruppe wie der Hamas verglichen werden.

Israel erteilt baldiger Waffenruhe eine Absage

Der amtierende israelische Ministerpräsident Ehud Olmert nannte die Bodenoffensive am Sonntag unvermeidbar. Ziel der Armee sei es, jene Gebiete zu kontrollieren, aus denen die meisten Raketen auf Israel abgefeuert worden seien, sagte er vor der wöchentlichen Kabinettssitzung.

Ungeachtet einer Entscheidung seines Obersten Gerichtshofes hat Israel seit Beginn der Militäroffensive keine ausländischen Journalisten zur Berichterstattung in den Gazastreifen reisen lassen. Die Auslandspressevereinigung forderte die israelische Regierung auf, in Zeiten der Krise internationalen Medien einen ungehinderten Zugang zu gewähren.

hil/dpa/dpa-AFX/AP/Reuters



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