Gaza-Offensive Israels Bodentruppen warten auf Einmarschbefehl

Trotz der internationalen Appelle für eine Feuerpause denken die Kriegsgegner im Gaza-Streifen nicht an ein Innehalten. Im Gegenteil: Einem Bericht der Tageszeitung "Haaretz" zufolge bereiten die israelischen Streitkräfte eine massiven Bodenoffensive vor.


Tel Aviv/Gaza - Noch ist es das Wetter, dass den Friedensvermittlern eine kurze zusätzliche Frist beschert. Regen und Sturm machen, nach Überzeugung von Beobachtern einen unmittelbaren Einmarsch in den Gaza-Streifen am Donnerstag unwahrscheinlich. Den Vorhersagen zufolge soll es aber in den kommenden Tagen aufklaren, womit bessere Bedingungen für einen militärischen Angriff gegeben wären.

Israelische Panzer an der Grenze zu Gaza: Warten auf den Marschbefehl
AP

Israelische Panzer an der Grenze zu Gaza: Warten auf den Marschbefehl

Der wird wohl kaum noch zu verhindern sein, wenn die islamistische Hamas nicht in letzter Minute noch einlenkt. Wie die Tageszeitung "Haaretz" in ihrer Neujahrsausgabe berichtet, sprach sich die israelische Armeeführung für einen großangelegten Einmarsch in das von der Hamas kontrollierte Küstengebiet aus. Israels Ministerpräsident Ehud Olmert soll den Vorschlag befürworten. Der Bodeneinsatz mit starken Verbänden solle nach Vorstellung der Armee heftig und kurz sein, hieß es.

Entlang der militärischen Sperrzone um den Gaza-Streifen rüsteten sich die israelischen Soldaten in Panzern für einen Angriff. Wenige hundert Meter entfernt warteten Kämpfer der Hamas in Schützengräben auf eine Offensive. Die palästinensischen Extremisten haben angekündigt, im Falle eines Einmarschs mit einem breit angelegten Netz aus Sprengfallen und Minen der israelischen Armee hohe Verluste zufügen zu wollen.

Die israelische Luftwaffe setzte derweil auch am sechsten Tag der Militäroffensive "Gegossenes Blei" ihre Angriffe im Gaza-Streifen fort. Dabei seien erneut Regierungsgebäude der Hamas-Organisation beschossen worden. In Dschebalia sei bei den Angriffen eine Frau getötet worden. Auch die Marine habe von der See aus erneut Ziele der Hamas bombardiert. Entlang der Grenze des Gaza-Streifens zu Ägypten seien Schmugglertunnel angegriffen worden.

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Der israelische Verteidigungsminister Ehud Barak hatte am Mittwoch gesagt, Israel sei entschlossen, die Ziele der Militäroperation zu erreichen. Es will damit den ständigen Raketenbeschuss militanter Palästinenser unterbinden. "Wir haben Hamas einen sehr schweren Schlag versetzt", sagte Barak bei einem Besuch in der israelischen Wüstenstadt Beerschewa, in der mehrere Grad-Raketen eingeschlagen waren. "Aber sie reagiert auch, wie wir sehen." Barak betonte, die Gaza-Offensive werde "nicht kurz und nicht einfach" sein.

Auch die Hamas scheint an einer Deeskalation nicht interessiert zu sein. Ihre Kämpfer dehnten die Angriffe auf israelische Städte im Süden weiter aus. Fünf Raketen schlugen in Beerschewa ein, eine davon in einem leeren Schulgebäude. Die rund 40 Kilometer vom Gaza-Streifen gelegene Stadt ist das am weitesten entfernte Ziel, das die Hamas bislang mit ihren Raketen angegriffen hat. Auch die Stadt Javne südlich von Tel Aviv wurde aus einer Entfernung von mehr als 30 Kilometern mehrmals getroffen. Hamas-Chef Hanija sagte am Mittwochabend in einer TV-Ausstrahlung an die Palästinenser gewandt: "Der Sieg ist nahe, so Gott will, und er ist näher als ihr denkt."

Uno-Sicherheitsrat einigt sich nicht auf Resolution

Die Uno steht der drohenden Eskalation der Gewalt hilflos gegenüber. Eine Dringlichkeitssitzung des Sicherheitsrats ging in der vergangenen Nacht ohne eine Einigung auf eine Resolution zu Ende. Diplomaten sagten, in den kommenden Tagen werde über einen von Libyen vorgelegten Entwurf verhandelt. Westliche Vertreter kritisierten jedoch, dass dieser sich fast ausschließlich auf Israel konzentriere und die Rolle der Hamas in dem Konflikt kaum berühre. Die Sitzung war von den arabischen Staaten beantragt worden.

Seit Beginn der Kämpfe am vergangenen Samstag sind nach palästinensischen Angaben 396 Menschen im Gaza-Streifen getötet und mehr als 1700 verletzt worden. Auf israelischer Seite kamen vier Menschen ums Leben. Israel begründet seine Luftangriffe auf den Gaza-Streifen mit anhaltendem Raketenbeschuss der Hamas aus dem Küstengebiet. Auch in der Nacht auf Donnerstag griff die Luftwaffe Regierungsgebäude der Hamas an.

Ein Waffenstillstand scheint weiter entfernt denn je. Die Bedingungen für eine Waffenruhe seien derzeit nicht gegeben, sagte Olmert am Mittwoch: "Wir haben die Gaza-Offensive nicht begonnen, um sie mit der gleichen Anzahl von Raketenangriffen zu beenden." Man wolle "den Druck auf die Hamas-Militärmaschinerie fortsetzen". Israel strebe eine dauerhafte Lösung an und kein "Erste-Hilfe-Pflaster, das in einem Monat wieder abfällt".

Auch Vermittlungsbemühungen von US-Präsident George W. Bush liefen offensichtlich ins Leere. Olmert habe zugesichert, dass Israel "angemessene" Schritte zur Vermeidung ziviler Opfer unternehme, sagte ein Sprecher des Weißen Hauses nach einen Telefonat der beiden Regierungschefs am Mittwoch. Über einen Zeitplan für ein Ende des israelischen Angriffs sei jedoch nicht diskutiert worden.

Währenddessen setzte die internationale Gemeinschaft ihre Appelle für eine sofortige Waffenruhe fort, insbesondere das sogenannte Nahost-Quartett aus Vereinten Nationen, USA, EU und Russland. Der russische Außenminister Sergej Lawrow hat sich in einem Telefonat mit der Hamas beunruhigt über die Lage im Gaza-Streifen geäußert. Spitzenvertreter der EU wollen in der kommenden Woche nach Israel reisen.

Die Arabische Liga schlägt die Entsendung einer internationalen Schutztruppe in den Gaza-Streifen vor. Ein Diplomat sagte, einzig die syrische Delegation sei bei dem Treffen ausgeschert. Die Syrer hätten Ägypten vorgeworfen, mitschuldig an der Eskalation der Gewalt zu sein, weil es zu viel Druck auf die radikal-islamische Hamas ausgeübt habe.

Der Generalsekretär der Arabischen Liga, Amre Mussa, sagte in seiner Rede vor den Ministern, er verstehe nicht, weshalb Palästinenserpräsident Mahmud Abbas den brutalen Angriffen der israelischen Armee untätig zusehe. "Du bist doch der Präsident aller Palästinenser, tu endlich etwas!", forderte er ihn auf, "wir werden dann hinter dir stehen". Einige arabische Kommentatoren werfen Abbas vor, er setze sich nicht aktiv für ein Ende der Angriffe ein, weil er hoffe, dass Israels Militär die Hamas so weit schwächen wird, dass seine Fatah-Bewegung anschließend wieder die Kontrolle im Gaza-Streifen übernehmen kann.

Nahost-Konflikt
Die Gebiete
Im Grunde dreht sich der Konflikt um das Existenzrecht Israels und die Forderung nach einem eigenen Palästinenserstaat . Es gibt inzwischen palästinensische Autonomiegebiete - den Gaza-Streifen und das Westjordanland . Die Grüne Linie trennt die Gebiete von Israel. Um die israelischen Siedlungen in den umstrittenen Gebieten gibt es immer wieder Streit.
Die Gegner
Dem Staat Israel stehen einzelne Gruppierungen und Institutionen gegenüber: im Gaza-Streifen und Westjordanland die Palästinensische Autonomiebehörde | Hamas | Kassam-Brigaden | Volkswiderstandskomitee (PRC) | PLO | Fatah | Al-Aksa-Brigaden | Islamischer Dschihad | im Libanon die Hisbollah
Geschichte

mik/dpa/Reuters/AFP

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