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Gaza: Ranghoher Hamas-Führer stirbt bei Luftangriff

Die Hamas schwört Rache: Bei einem Luftangriff starb ein Top-Mann der Radikalen, Nisar Rajan, samt mehrerer Familienmitglieder. Am Freitagvormittag will Israel Ausländer aus dem Gaza-Streifen ausreisen lassen - ein möglicher Hinweis auf den baldigen Beginn der Bodenoffensive.

Gaza/Tel Aviv - Er war eine Schlüsselfigur der islamistischen Hamas: Bei einem Luftangriff der israelischen Streitkräfte ist der ranghohe Hamas-Führer Nisar Rajan getötet worden. Das Krankenhaus in Dschabalija bestätigte am Donnerstag, Rajan und mehrere Familienangehörige seien ums Leben gekommen. Neuesten Angaben zufolge starben zwei seiner vier Frauen und vier seiner zwölf Kinder, als eine tonnenschwere Bombe in dem Gebäude einschlug.

Rajan gehörte zum inneren Führungskreis der Hamas - er wird zu den fünf wichtigsten Vertretern der Organisation gezählt - und war der Verbindungsmann zwischen dem militanten und dem politischen Flügel. Er hatte sich wiederholt für neue Selbstmordanschläge innerhalb Israels ausgesprochen.

Ein Hamas-Sprecher bestätigte den Tod Rajans. Die Hamas erklärte, Israel werde einen hohen Preis für Rajans Tod bezahlen.

Nach Angaben von Sanitätern wurden bei dem Angriff neben Rajan insgesamt elf weitere Menschen getötet und rund 30 weitere verletzt. Das Haus, in dem sich Rajan aufhielt, wurde bei dem Luftangriff schwer beschädigt. Sowohl das Dach als auch die Fassade wurden weggesprengt. Unbestätigten Angaben zufolge explodierten nach dem Einschlag der Bombe noch Waffen und Sprengstoffe, die in dem Haus untergebracht waren.

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Eine israelische Armeesprecherin sagte auf Anfrage, dass der Angriff Rajan gegolten habe. Dieser sei in eine Reihe von Anschlägen gegen israelische Zivilisten verwickelt gewesen und habe beispielsweise seinen eigenen Sohn im Jahr 2002 zu einem Selbstmordanschlag in die ehemalige Siedlung Elei Sinai im Gaza-Streifen abkommandiert. Bei einem zweifachen Selbstmordanschlag in der israelischen Hafenstadt waren am 14. März 2004 insgesamt elf Menschen getötet worden.

Israels Vize-Ministerpräsident Haim Ramon bestätigte den gezielten Schlag gegen Rajan. Israel wolle alle Hamas-Führer ausschalten, sagte er. "Und heute haben wir es geschafft, einen ihrer Anführer zu treffen."

Israelische Luftwaffe bombardiert Moschee

Am Donnerstag attackierten israelische Kampfflugzeuge und Kriegsschiffe nach Angaben des Militärs insgesamt rund 20 Ziele der Hamas. Der Luftschlag, bei dem Rajan starb, war der erste seit Beginn der israelischen Offensive am vergangenen Samstag, der sich erklärtermaßen direkt gegen ein politisches Führungsmitglied der Hamas richtete.

Am späten Donnerstagabend hat die israelische Luftwaffe offenbar auch eine Moschee im Gaza-Streifen bombardiert. Augenzeugen zufolge wurde die Moschee der Märtyrer in Dschabalija völlig zerstört. Aus israelischen Sicherheitskreisen verlautete, das Gotteshaus sei von den Islamisten der Hamas als Befehlsstand und Treffpunkt genutzt worden. Eine große Zahl von Folgeexplosionen deutete darauf hin, dass in dem Gebäude Raketen und andere Waffen gelagert gewesen seien. In der Moschee hatte unter anderem auch Nisar Rajan gepredigt.

Die Zahl der Todesopfer der schwersten israelischen Luftangriffe auf den Gaza-Streifen seit dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 stieg auf 407. Mindestens ein Viertel davon waren nach Uno-Angaben Zivilisten. Mehr als 1850 Menschen wurden verletzt. Vier Israelis kamen durch palästinensischen Raketenbeschuss seit Beginn der Luftoffensive am Samstag ums Leben.

Ausgangssperre im Westjordanland

Israel hat aus Sicherheitsgründen von Mitternacht an eine zweitägige Ausgangs- und Einreisesperre für das Westjordanland verhängt. Die von Verteidigungsminister Ehud Barak angeordnete Maßnahme solle bis Samstag um Mitternacht gelten, hieß es einer am Donnerstagabend herausgegebenen Erklärung des israelischen Militärs. In humanitären und medizinischen Notfällen würden Ausnahmen gemacht. Die Zeitung "Jerusalem Post" sagte, die Behörden hätte auf Warnungen vor möglichen Attentatsversuchen durch militante Palästinenser in Folge der israelischen Offensive im Gaza-Streifen reagiert.

Unterdessen mobilisiert die israelische Polizei Tausende Sicherheitskräfte, um Demonstrationen der Hamas am Freitag unter Kontrolle zu halten. Die Polizisten sollten vor allem in Ostjerusalem und in benachbarten Ortschaften eingesetzt werden, teilte die Polizei mit. Die Hamas hat den Freitag zum "Tag des Zorns" ausgerufen und fordert Palästinenser zu Protesten gegen die Offensive im Gaza-Streifen auf.

Nach dem Freitagsgebet sollen vom Tempelberg in Jerusalem und allen Moscheen des Westjordanlandes "Massenmärsche" losgehen, hieß es in einer im Internet veröffentlichten Mitteilung. Laut israelischer Polizei dürfen nur arabische Israelis, die älter als 50 sind, zum Tempelberg. Für Frauen ist der Zugang frei.

Israel will Ausländer aus Gaza ausreisen lassen

Israel hat am Donnerstag erneut einen unerbittlichen Kampf gegen die Hamas angekündigt und steht offenbar vor einer großangelegten Bodenoffensive im Gaza-Streifen. "Wir werden gegen die Hamas mit eiserner Hand vorgehen", sagte Ministerpräsident Ehud Olmert am Donnerstag. "Ich hoffe sehr, dass wir unsere Ziele schnell erreichen", sagte Olmert in Beerscheba, wo am Mittwoch eine Rakete in einer zuvor geräumten Schule eingeschlagen war. Er bekräftigte die Absicht Israels, mit den Luftangriffen den Raketenbeschuss auf Israel zu stoppen. "Wir haben den Bewohnern des Gaza-Streifens nicht den Krieg erklärt", fügte er hinzu und betonte zugleich die Entschlossenheit Israels im Kampf gegen die Hamas.

Am Freitag will Israel die Ausreise von 443 Ausländern aus dem Gaza-Streifen genehmigen - ein möglicher Hinweis für eine Eskalation der Kämpfe bis hin zur Bodenoffensive. Der Grenzübergang Erez stehe für die Ausländer am Freitagvormittag offen, teilte ein Militärsprecher mit. Viele der im Gaza-Streifen lebenden Ausländer seien demnach Ehepartner von Palästinensern, darunter Amerikaner, Russen, Moldawier, Ukrainer, Türken und Norweger. Erfahrungsgemäß würden nicht alle Ausländer in einer solchen Situation ausreisen.

Die Zeitung "Haaretz" berichtete, das israelische Militär habe eine kurze, aber harte Bodenoffensive in dem dicht besiedelten Küstenstreifen empfohlen. Seit Tagen fahren israelische Panzer an der Grenze auf, während nur wenige hundert Meter dahinter islamistische Kämpfer die Region mit Landminen und Sprengfallen vorbereiten.

Vergebliche Bemühungen um Waffenruhe

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier hat sich in einem Telefonat mit seiner israelischen Kollegin Zipi Livni für eine Waffenruhe im Gaza-Streifen eingesetzt. Die andauernden Kämpfe gefährdeten nicht nur die bisherigen Fortschritte im Friedensprozess, warnte Steinmeier. Sie würden auch die Position gesprächsbereiter Kräfte auf arabischer Seite untergraben.

Bereits zuvor hatte das Nahost-Quartett aus USA, Uno, EU und Russland eine Waffenruhe gefordert. Frankreich schlug vor, Israel solle seine Luftangriffe für 48 Stunden stoppen. Israel wies diesen Vorschlag jedoch als "unrealistisch" zurück.

Die neue tschechische EU-Ratspräsidentschaft kündigte an, eine Delegation in den Nahen Osten zu schicken. Eine Dringlichkeitssitzung des Uno-Sicherheitsrats zu den Kämpfen ging in der Neujahrsnacht allerdings ohne eine Einigung auf eine Resolution zu Ende.

Nahost-Konflikt
Die Gebiete
Im Grunde dreht sich der Konflikt um das Existenzrecht Israels und die Forderung nach einem eigenen Palästinenserstaat . Es gibt inzwischen palästinensische Autonomiegebiete - den Gaza-Streifen und das Westjordanland . Die Grüne Linie trennt die Gebiete von Israel. Um die israelischen Siedlungen in den umstrittenen Gebieten gibt es immer wieder Streit.
Die Gegner
Dem Staat Israel stehen einzelne Gruppierungen und Institutionen gegenüber: im Gaza-Streifen und Westjordanland die Palästinensische Autonomiebehörde | Hamas | Kassam-Brigaden | Volkswiderstandskomitee (PRC) | PLO | Fatah | Al-Aksa-Brigaden | Islamischer Dschihad | im Libanon die Hisbollah
Geschichte

ffr/ore/dpa/Reuters/AP/AFP

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