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Gaza-Solidaritätsflottille: Wirbel um angeblich gefälschtes Aktivisten-Video

Von Yassin Musharbash

Ein sonderbares Video sorgt im Internet für Aufregung. Ein Aktivist berichtet über die Gaza-Solidaritätsflottille. Er wollte auf einem der Schiffe mitfahren, wurde aber ausgeladen - weil er schwul sei. Nun kommt heraus: Israelische Regierungsstellen haben das Band verbreitet.

Flottillenschiff "Dignité - al-Karama": Fest unter Kontrolle der Hamas? Zur Großansicht
AFP

Flottillenschiff "Dignité - al-Karama": Fest unter Kontrolle der Hamas?

Berlin - Echt oder nicht echt? Ein zwei Minuten und 29 Sekunden langes Video, das am vergangenen Donnerstag von User "Marc3Pax" bei YouTube eingestellt worden ist, sorgt für Aufregung. Verrät es den wahren Charakter der Aktivisten, die sich gegen die israelische Seeblockade vor dem Gaza-Streifen einsetzen? Oder ist es eine Fälschung, um diese Gruppen in Misskredit zu bringen?

Auf dem Band zu sehen ist ein junger Mann in fliederfarbenem Hemd und schwarzer Hipster-Brille. Er spricht sanft und eindringlich - und schildert, wie er, ein langjähriger Aktivist für die Rechte von Schwulen und Lesben, an der Flottille habe teilnehmen wollen, die dieser Tage erneut versuchen möchte, die israelische Seeblockade zu durchbrechen. Nur dass man ihn nicht mitfahren ließ: Er sei wohl zu schwul für die Hamas-freundlichen Aktivisten auf ihren Booten und die dahinterstehenden Organisationen gewesen.

"Es war schmerzhaft", sagt der junge Mann über seine Erfahrung. Er habe ja nur vorgehabt, als Aktivist seinen "Horizont zu erweitern". In den Organisatoren des Boot-Trips nach Gaza habe er so etwas wie "Che Guevara und Mutter Theresa mit Kufiya" (dem "Palästinensertuch") gesehen. Doch nach der Absage habe er angefangen, über die hinter der Flottille stehenden Organisatoren zu recherchieren: "Wer sind diese Leute?", habe er sich gefragt.

Sein Ergebnis: Mit nur wenigen Klicks habe er herausgefunden, dass es im Netz Bilder gebe, die die Hintermänner einer der beteiligten Organisationen aus Großbritannien dabei zeigten, wie sie Hamas-Führungskader umarmten. Deshalb, folgert der Aktivist in dem Video weiter, sei er wohl auch nicht willkommen gewesen: Denn die Hamas, das sei ebenso leicht herauszubekommen, halte Schwule für pervers.

Das Video hat alles, was man für eine virale Kampagne braucht: Einen sympathischen Hauptdarsteller, eine persönliche Geschichte von enttäuschtem Enthusiasmus, einen unerwarteten Dreh (es wäre ja viel einfacher, die Hamas wegen Terrorismus zu attackieren - aber Schwulenfeindlichkeit ist originell) und eine pointierte Botschaft ("Pass auf, mit wem du ins Bett gehst - du könntest neben der Hamas aufwachen.") Außerdem ist es professionell gedreht. Der Ton ist bestens, es gibt sogar wechselnde Kameraeinstellungen.

Bleibt die Frage: Ist die Aufnahme echt - oder ist das ganze eine Fälschung?

Indizien aus der Blogosphäre

Die israelische Tageszeitung "Haaretz" berichtete am Dienstag über das Video. Dem Artikel zufolge meldete der US-Blogger Max Blumenthal Zweifel an der Authentizität an. Tatsächlich gibt es einen entsprechenden Eintrag auf Blumenthals Webseite vom vergangenen Freitag.

In diesem Eintrag rekonstruiert Blumenthal, dass das Video sehr früh und vielleicht sogar als erstes von Neil Lazarus per Facebook verbreitet wurde - einem Mann, von dem Blumenthal sagt, dass er ihn 2001 einmal persönlich in Israel getroffen habe, als dieser im Auftrag der israelischen Regierung die palästinensische Autonomiebehörde "dämonisiert" habe. Später habe Lazarus unter anderem für das Büro des israelischen Premierministers gearbeitet. Blumenthal präsentiert als Beleg einen Link zu einer Web-Seite mit biografischen Angaben zu einem "Neil Lazarus". Ob es sich um dieselbe Person handelt, kann nicht ohne weiteres geprüft werden.

Desweiteren, so Blumenthal, habe das israelische Presseamt einen Twitter-Eintrag von einem Guy Seemann weiterverbreitet, in dem dieser das Video seinerseits verlinkt hatte. Guy Seemann wiederum, so Blumenthal, habe in einem Lebenslauf geschrieben, dass er ebenfalls für das Büro des israelischen Premiers arbeiten werde. Auch diese Angaben sind nicht ohne weiteres zu überprüfen. Der Twitter-Account Seemanns, auf den Blumenthal zusätzlich verlinkt, existiert jedenfalls nicht - oder nicht mehr. Blumenthal präsentiert immerhin einen Screenshot mit dem angeblichen Eintrag.

Keine Dementi vom Amt des Premierministers

Die nicht unumstrittene pro-palästinensische Aktivisten-Organisation "electronic intifada" behauptete unterdessen, dass nunmehr auch der vermeintliche Schwulen-Aktivist in dem YouTube-Video identifiziert worden sei - und zwar als der israelische Schauspieler Omer Gershon.

Die Indizien, die Blumenthal und andere ausgegraben hatten, waren der "Haaretz" eine Anfrage beim Büro des israelischen Premiers wert. Ergebnis: "Das Büro des Premiers dementierte in der Antwort nicht ("did not deny"), dass es an der Produktion des Videos beteiligt war, und gab zu, dass Regierungsstellen an der Verbreitung des Links mitgewirkt hätten." Zitat laut "Haaretz": "Verschiedene Einrichtungen, die mit internationalen Medienkampagnen befasst sind, beobachten kontinuierlich das Internet und verbreiten solche Inhalte, von denen sie annehmen, dass sie Israels Kampagnen dienlich sind."

Omer Gershon, der angebliche Darsteller, sei nicht zu erreichen gewesen, berichtet "Haaretz" weiter. Guy Seemann gab dem Blatt zufolge hingegen zu, das Video weiterverbreitet zu haben - allerdings als Privatperson und nicht im Auftrag der Regierung. Er habe zudem nicht gewusst, dass es sich um einen Hoax handelte. Das Büro des Premiers wiederum wollte sich laut "Haaretz" nicht zu Seemann und einer etwaigen Anstellung bei der Regierung äußern.

Die ganze Angelegenheit bleibt also undurchsichtig. Sicher ist, dass israelische Behörden den Link weiterverbreitet haben. Unklar bleibt, ob das Video im Auftrag, auf Anregung oder mit Wissen der israelischen Regierung produziert wurde - und ob der Inhalt eine wahre Geschichte erzählt oder eine erfundene.

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1. ...und ob
Makronaut 28.06.2011
die hamas tatsächlich was gegen schwule hat. wäre peinlich für die angeblich "linken", wenns so wäre, oder? uuuups...
2. eine Fälschung ?
Foul Breitner 28.06.2011
Was wäre denn dann das Original ?
3. und wie sieht es bei den "Rechten" aus?
MonacoMartino 28.06.2011
Zitat von Makronautdie hamas tatsächlich was gegen schwule hat. wäre peinlich für die angeblich "linken", wenns so wäre, oder? uuuups...
Diesbezüglich stimmt das Weltbild von Hamas und den ultraorthodoxen Juden überein.
4. !
Wer ich wirklich bin, 28.06.2011
Zitat von Makronautdie hamas tatsächlich was gegen schwule hat. wäre peinlich für die angeblich "linken", wenns so wäre, oder? uuuups...
Das haben viele andere Regierungen/Regierungsvertreter auch. Siehe Polen oder Russland. Darum gehts in dem Artikel aber gar nicht.
5. Israel ist in Gefahr und
Gandhi, 28.06.2011
Zitat von sysopEin sonderbares Video sorgt im Internet für Aufregung. Ein Aktivist berichtet über die Gaza-Solidaritätsflotille. Er wollte auf einem der Schiffe mitfahren, wurde aber ausgeladen - weil er schwul sei. Nun kommt heraus: Israelische Regierungsstellen haben*das Band*verbreitet. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,771043,00.html
muss sich verteidigen, mit allen Mitteln, also auch mit solchen. Es guegt nicht, Journalisten mit einer 10_Jahre Einreisespeere zu drohen, sollten sie ueber die Flotille berichten. Denn auch diese Berichterstattung koennte Israel gefaehrden, schliesslich koennten die Journalisten ja darueber berichten, wie die Flotille von der IDF behandelt wird.
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Sicherheit
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Israel betont, es werde keinen Palästinenserstaat geben, solange die Sicherheit des jüdischen Staates nicht garantiert sei. Obwohl es in den vergangenen Jahren kaum noch Selbstmordanschläge palästinensischer Terroristen gibt, fühlen sich die Israelis bedroht.

Die israelischen Grenzstädte werden immer wieder von Raketen der radikalislamischen Hamas beschossen. Schlagen diese Geschosse auf israelischer Seite ein, kommt es regelmäßig zu Vergeltungsschlägen auf palästinensischem Gebiet. Die Palästinenser machen ihrerseits Angriffe durch das israelische Militär geltend.

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Als Folge der Kriege 1948/49 und 1967 gibt es in den palästinensischen Gebieten und Israels Nachbarländern 4,8 Millionen registrierte palästinensische Flüchtlinge und ihre Nachkommen.

Die Flüchtlinge beharren auf das Recht, in ihre Heimat im heutigen Israel zurückkehren zu dürfen, Israel verneint dieses Recht und will den Verzicht auf eine Rückkehr in einem Friedensvertrag festschreiben.

Grenzen
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Nach dem Willen der Palästinenser soll ihr Staat die 1967 von Israel besetzten Gebiete Westjordanland, Gaza und Ost-Jerusalem umfassen. Israel beansprucht jedoch Teile dieses Territoriums – entgegen internationalem Recht – für sich. Israel hatte den Gaza-Streifen 2005 zwar geräumt, sein Embargo seit der Machtübernahme der Hamas 2007 aber verschärft.

Israel will zudem an Teilen des Westjordanlands festhalten. Dort gibt es rund 120 jüdische Siedlungen mit etwa 300.000 Israelis. In Ost-Jerusalem leben nach Angaben israelischer Menschenrechtler weitere 200.000. Nach internationalem Recht sind diese Siedlungen auf besetztem palästinensischen Gebiet illegal und müssen geräumt werden.

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Der künftige Status der Stadt mit heiligen Stätten von Juden, Muslimen und Christen ist besonders umstritten. Israel beharrt auf dem ungeteilten Jerusalem als Hauptstadt. Die Palästinenser beanspruchen den Ostteil als Hauptstadt ihres künftigen Staates. Im Jahr 2000 scheiterte der Nahost-Gipfel an der Jerusalemfrage.
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Syrien dringt darauf, dass die 1967 besetzten Golanhöhen im Rahmen einer Friedenslösung zurückgegeben werden. Von der 1150 Quadratkilometer großen Hochebene hat Israels Armee einen guten Blick nach Syrien und in den Libanon. Umgekehrt könnten die Syrer vom Golan aus große Teile Israels überwachen. Heute leben in dem Gebiet neben rund 20.000 Syrern auch etwa 20.000 jüdische Einwohner.
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Das 30 Quadratkilometer kleine Gebiet an der Grenze von Syrien, Libanon und Israel ist seit langem umstritten. Die Vereinten Nationen und die USA sind der Ansicht, dass das Territorium als Teil der Golanhöhen zu Syrien gehört. Der Libanon und Syrien haben ihre Ansprüche bislang nicht eindeutig formuliert und wollen den Grenzdisput nach einem israelischen Rückzug klären.
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Schon vor 20 Jahren wurde vor einem drohenden Nahost-Krieg um Wasserquellen gewarnt. Wegen des Bevölkerungswachstums und der oft rücksichtslosen Ausbeutung der Ressourcen werden die Süßwasservorräte immer knapper. Amnesty International wirft Israel vor, Palästinenser bei der Nutzung der gemeinsamen Ressourcen zu benachteiligen, was die Regierung zurückweist. Die Kontrolle des von Israel genutzten Wassers ist auch ein Streitpunkt im Ringen um die künftige israelisch-syrische Grenze auf den Golanhöhen.


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