Gaza-Streifen: Blutiger Bruderkampf in der Hamas

Aus dem Gaza-Streifen berichtet

Die Hamas verliert ihre Basis. Drei Jahre nach dem Wahlsieg zweifeln selbst eingefleischte Anhänger an der Politik der Partei. Die Radikalislamisten antworten mit Gewalt, Dissidenten droht der Tod.

Gaza-Streifen: Der Hamas bricht  die Basis weg Fotos
SPIEGEL ONLINE

Es war zwei Uhr morgens am 16. Juli vergangenen Jahres, als das Telefon der Familie Warschara klingelte. Am anderen Ende der Leitung war ein Offizieller der radikalislamischen Hamas, die seit drei Jahren über den Gaza-Streifen herrscht. "Er teilte mir mit, dass sie die Leiche meines Sohnes in einem Tunnel an der Grenze zu Ägypten gefunden haben", berichtet Mohammed Warschara.

Sein Sohn Munir, ein Kommandant der militanten Kassam-Brigaden der Hamas, galt zu diesem Zeitpunkt seit einem Monat als vermisst. "Der Mann sagte mir, Munir sei von den Ägyptern erschossen worden, aber das kann nicht stimmen", erzählt sein Vater in seinem Wohnzimmer in Beit Lahia im Norden des Gaza-Streifens. "Munir wurde auf unserer Seite des Tunnels gefunden, da haben die Ägypter keinen Zutritt. Es muss die Hamas selbst gewesen sein, die ihn getötet hat."

Der Vater glaubt zu wissen, warum sein damals 36-jähriger Sohn verschleppt wurde, warum er sterben musste: "In den Wochen vor seinem Verschwinden hatte er sich mit den lokalen Größen der Bewegung angelegt. Er hat ihnen vorgeworfen, korrupt zu sein. Sie haben Hilfsgelder nur an ihre eigenen Leute, nicht an die wirklich Bedürftigen verteilt." Der 63-Jährige weint, als er eines der Trauerplakate für seinen Sohn vorzeigt: "Hamas-Männer haben ihn umgebracht. Und dann sind sie bei seinem Trauerzug mitgelaufen."

Ob Munir Warschara tatsächlich von Handlangern der Hamas getötet wurde, wird sich vermutlich nie klären lassen. Doch sein Tod ist nur einer von vielen ungeklärten Fällen, in denen die Hamas beschuldigt wird, Dissidenten aus den eigenen Reihen exekutiert zu haben. Menschenrechtler im Gaza-Streifen, die auf Grund der Brisanz des Themas anonym bleiben wollen, sprechen von Dutzenden Vorgängen, in denen solche Anschuldigungen erhoben werden: "Es ist aber fast unmöglich, das zu beweisen, weil die Hamas diese Fälle vertuscht."

Die Herrscher des Gaza-Streifens scheinen bei Säuberungsaktionen in eigenen Reihen auch prominente Mitglieder nicht zu verschonen. Munir Warschara beispielsweise war ein wichtiger Waffeneinkäufer der Organisation - eine Tatsache, die seinen Vater mit Stolz, aber auch mit zusätzlichem Zorn erfüllt. "Er ist für sie in der ganzen Welt herumgereist, war für sie in Iran, Syrien, Irland. Und weil er die reine Lehre der Hamas vor Verfälschungen schützen wollte, haben sie ihn getötet."

Die Anhänger wenden sich in Scharen ab

Zum Beweis des Engagements seines Sohnes legt Vater Mohammed Fotos vor. Auf ihnen posieren er und seine Frau in ihrem Wohnzimmer mit den Waffen, die ihr Sohn für die Hamas besorgt hat: Panzerfäuste, Sturmgewehre, Handgranaten. Der Vater redet, obwohl ihm die Hamas gedroht hat, wenn er mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit gehen sollte. "Ich will, dass die Welt weiß, was die Hamas den eigenen Leuten antut, die den Mund aufmachen."

Dass die Hamas anscheinend zu brutaler Gewalt greift, um Kritiker in den eigenen Reihen mundtot zu machen, hat einen Grund: Drei Jahre nach der Machtübernahme der Radikalislamisten im Gaza-Streifen wenden sich ihre Anhänger in Scharen ab. Enttäuscht sind sowohl die moderaten als auch die extremen Mitglieder der Organisation, am rechten wie am linken Rand macht sich Unmut breit.

Die derzeitige Hamas-Führung setzt sich aus alten Kämpen zusammen, die sich seit der Machtübernahme im Gaza-Streifen vor drei Jahren jedoch einer Art Realpolitik verschrieben haben. Der Chef der Hamas-Regierung Ismail Hanija, Außenminister Mahmud al-Sahar, der im syrischen Exil lebende Chalid Maschaal: Sie alle waren früher erklärte Hardliner, setzen nun jedoch auf einen Waffenstillstand mit Israel und auf Verhandlungen der mit ihnen verfeindeten Fatah-Partei. Einigen Hamas-Anhängern sind das zu viele Zugeständnisse, andere wieder würden sich noch mehr Offenheit wünschen. Dritten wie Munir Waschara ist die Bewegung schlicht zu korrupt geworden.

"Die Partei ist in Falken und Tauben gespalten", sagt Sajed Abu Musameh, einer der sieben Gründer der Hamas und moderater Kritiker der eigenen Bewegung. Viele Männer seiner Generation seien mit Juden aufgewachsen, sagt der 63-Jährige, der nach wie vor Mitglied der Parteiführung ist. Viele dieser Älteren glaubten an ein friedliches Zusammenleben, nicht an die Macht von Raketen und Selbstmordanschlägen. "Doch die Partei wird heute von den jungen Radikalen beeinflusst, sie stellen die Mehrheit der Mitglieder, ihnen reden unsere Führer nach dem Mund."

Ginge es nach Abu Musameh würde die Hamas versuchen, ihre Ziele ausschließlich politisch zu erreichen. "Ich bin gegen Gewalt", sagt er in seinem von Granatapfel- und Pfirsichbäumen verschatteten Garten. Sich von der von ihm gegründeten Organisation lossagen will der Lehrer jedoch nicht. "Ich will die Bewegung von innen ändern. Wir können den Extremisten nicht das Feld überlassen." Ein paar seiner Gesinnungsgenossen jedoch wollten austreten oder seien bereits in die innere Emigration gegangen.

Einer der Extremisten, die der Hamas-Gründervater als Gefahr für seine Bewegung ansieht, stellt sich nur mit seinem Kampfnamen vor: Abu Musab. Um den 25-Jährigen in einem von mehreren Männern bewachten Innenhof zu treffen, müssen weibliche Besucher ein Kopftuch anlegen. Im übrigem Gaza-Strafen wird für Besucherinnen aus dem Westen meist eine Ausnahme gemacht.

Abu Musab ist seit fünf Jahren bei den Kassam-Brigaden: Tagsüber studiert er Mathematik, abends kämpft er mit der Hamas-Miliz gegen Israel. "Oder besser: Habe ich gekämpft", sagt der junge Mann bitter. Abu Musab, der es in den Brigaden zum Offizier gebracht hat, hält es für Verrat, dass die Herrscher von Gaza den Raketenbeschuss von israelischen Zielen verboten hat. "Die Führung versucht sich beim Westen einzuschmeicheln, deshalb beginnen die Menschen, sie zu hassen." Die Hamas, so das Jungmitglied, sei bei weitem nicht radikal genug. "Die müssten die Scharia einführen, stattdessen schmusen sie mit den USA und Europa."

In seiner Stadt Dschabalia im Norden des Gaza-Streifens sind nach Angaben von Abu Musab inzwischen etwa 15 Prozent der jungen Mitglieder "wegen der Verweichlichung der Hamas" zu extremistischen Salafisten-Gruppen abgewandert. Auch er würde gern gehen, ist aber immer noch - bezahltes - Parteimitglied. "Ich bekomme ein Gehalt von der Hamas. Sonst wäre ich längst weg."

Auch Angst mag bei seinem Zögern, sich politisch umzuorientieren, eine Rolle spielen. Einmal schon haben Hamas-Männer Abu Musab abgeholt. Sie hatten von seinen extremistischen Ansichten Wind bekommen und verwarnten den jungen Mann. "Sie haben uns ein paar Tage eingesperrt. Andere wurden gefoltert, ich wurde nur von einem Scheich belehrt, dass die Hamas den wahren Islam vertritt." Ihm und anderen Abtrünnigen sei gedroht worden: Entweder sie hörten auf, die Hamas zu kritisieren, oder die Bewegung brächte in Umlauf, sie seien israelische Kollaborateure - im Gaza-Streifen ein sicheres Todesurteil.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 21 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Diskriminierung
Rubeanus 09.08.2010
Es ist auch darauf hinzuweisen, dass die Hamas immer noch kein umfassendes Frauenförderungskonzept vorgelegt hat. Gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften werden in Gaza nach wie vor Steine in den Weg gelegt. Zwar nicht ganz so schlimm wie in Baden-Württemberg ( http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,710085,00.html ), es besteht aber Handlungsbedarf.
2. keine
Fabian G 09.08.2010
Zitat von RubeanusEs ist auch darauf hinzuweisen, dass die Hamas immer noch kein umfassendes Frauenförderungskonzept vorgelegt hat. Gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften werden in Gaza nach wie vor Steine in den Weg gelegt. Zwar nicht ganz so schlimm wie in Baden-Württemberg ( http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,710085,00.html ), es besteht aber Handlungsbedarf.
bei dem "steine in den weg gelegt" musste ich schmunzeln. auch wenn es eher traurig ist.
3. xx
shopgirl1 09.08.2010
Zitat von RubeanusGleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften werden in Gaza nach wie vor Steine in den Weg gelegt. Zwar nicht ganz so schlimm wie in Baden-Württemberg ( http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,710085,00.html ), es besteht aber Handlungsbedarf.
Die gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften in Gaza - sofern es sie gibt - haben den Hetero-Lebensgemeinschaften was voraus. Die Partner sind gleichberechtigt;-)
4. Ist das jetzt ein...
muwe6161 09.08.2010
... von Donaldisten gekaperter Thread oder sehe ich die Ironie nicht? Es geht um Mord und Totschlag, um eine Organisation welche an den Rändern in eine noch extremistischere Organisation mutiert.
5. Nein,
Marlin 09.08.2010
es geht um die Unfähigkeit islamischer Radikaler, den Menschen Alternativen zur Gewalt im Leben zu geben. Und um den Mythos, die Hamas wäre nicht korrupt, wie die Fatah. Es ist eben nur ein Märchen. Dem Islam fehlt eine Reformation, damit Selbstkritik angenommen werden kann, und das ist der Grund, warum Islamisch beherrschte Länder (reine Lehre) kein Land sehen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Nahost-Konflikt
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 21 Kommentare
Geschichte Israels