Gaza-Streifen Die Braut, die aus dem Tunnel kam

Er lebt im Gaza-Streifen, sie im Westjordanland. Sie wollen heiraten - doch Israel blockiert die Grenze. Da beschließt May, sich unter Todesgefahr zu Mohammed schleusen zu lassen. Die Geschichte einer Liebe in Nahost.

Aus Nusairat berichtet Ulrike Putz

Eheleute May und Mohammed Warda: Absurde Reise vom Westjordanland nach Gaza
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Eheleute May und Mohammed Warda: Absurde Reise vom Westjordanland nach Gaza


Eine gute Stunde lang harrt Mohammed vor dem Tunnel aus. Nervös. Besorgt. Weil er nicht weiß, ob seine geliebte May das Wagnis überleben wird.

Einige Meter unter dem Boden, auf dem Mohammed steht, kämpft sich May durch einen Tunnel. Rückwärts. Mit geschlossenen Augen, denn ständig rieselt Sand von der Decke.

Als sie es endlich geschafft hat, als Mohammed May zum ersten Mal im Leben in seine Arme nimmt, da sieht sie aus, "als wäre sie aus einem Grab gestiegen", sagt er. "Über und über voller Erde."

Mohammed und May - das ist die Geschichte einer Liebe in Zeiten des Kriegs. 1500 Dollar hat Mohammed dafür gezahlt, dass Schmuggler seine Geliebte aus dem Westjordanland in den Gaza-Streifen schleusten - durch einen der lebensgefährlichen Tunnel, die aus Ägypten in das schmale Küstengebiet führen.

Ihren Anfang nimmt die Geschichte von May, 23, und Mohammed, 26, an einem Abend vor drei Monaten. In einer ärmlichen Wohnung im Flüchtlingslager Nusairat in der Mitte des Gaza-Streifens hat sich die gesamte Familie Warda eingefunden. Zehn Mann versammeln sich vor dem kostbarsten Besitz des Clans: dem Computer, mit dem sie per Webcam Kontakt zu Verwandten im Westjordanland halten. Mohammed Warda hat die Maus in der Hand und einen hochroten Kopf. Ein Klick, und seine Cousine May erscheint auf dem Bildschirm, ebenfalls umringt von Verwandten.

"Wieso bist du so rot?", fragt sie ihn.

Er stammelt. Die Frau auf dem Monitor soll seine Frau werden.

Der Warda-Clan hat May zu Mohammeds künftiger Ehefrau bestimmt. Die Väter der beiden Unverheirateten schalten sich ein. "Seid ihr einverstanden?", fragen sie. Mohammed und May lächeln sich per Webcam zu. Sie nicken. Die Familien jubeln.

Dass Väter Verlobungen einfädeln und Cousin und Cousine zweiten Grades verheiratet werden sollen, ist nicht ungewöhnlich in der arabischen Welt. Doch die Geschichte von Mohammed und May ist anders. Die beiden verlieben sich in den folgenden Wochen. Es wird eine virtuelle Romanze per Webcam, Mail und Telefon. Doch zwischen der Liebe und dem Eheglück der beiden Palästinenser steht die Politik.

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Gaza-Streifen: Schmuggel unter Lebensgefahr

Seit der gewaltsamen Machtergreifung der Hamas im Gaza-Streifen 2007 riegelt Israel den Landstrich ab. Anderthalb Millionen Menschen sind in einem der dichtestbesiedelten Gebiete der Erde "eingesperrt", kritisiert die Uno und nennt es eine "Kollektivstrafe", dass Palästinenser die Gegend weder verlassen noch ungehindert ins Westjordanland übersiedeln dürfen.

"Nach unserer Online-Verlobung habe ich fünf Anträge an die Israelis gestellt, mich zu May ins Westjordanland zu lassen - vergeblich", sagt Mohammed.

May und Mohammed sehen am Ende nur eine Lösung. Die Braut muss das Westjordanland verlassen und in den Gaza-Streifen kommen. Sie muss sich auf eine viertägige Reise mit gut tausend Kilometer Umweg machen, von Ramallah über Jordanien, Ägypten und einen der berüchtigten Schmugglertunnel - jene Adern des Grenzverkehrs, durch die alles mögliche in das abgeriegelte Palästinensergebiet geschleust wird. Waffen, Benzin, Reis, Glühbirnen, sogar Viagra.

Und nun May.

"Sie war sofort bereit, so sehr liebt sie mich", sagt Mohammed. Er ist ehrlich mit ihr. Er erzählt ihr am Telefon, welche Gefahren auf sie lauern. Die Ägypter werfen ab und an Gasgranaten in die Schächte, Dutzende Tunnelarbeiter sind so in den vergangenen Monaten erstickt. Israel bombardiert die Grenze zu Ägypten immer wieder, nachdem es den Schmuggel auch durch den Gaza-Krieg zum Jahreswechsel nicht eindämmen konnte. Dazu kommt die Einsturzgefahr in den oft notdürftig errichteten Stollen.

Mit ihrer Mutter reist sie trotzdem im Sammeltaxi über Jordanien nach Ägypten. Als die beiden an der Grenze zum Gaza-Streifen ankommen, sagen sie sich Lebewohl. May weiß nicht, ob sie ihre Familie je wiedersehen wird. "Ich wusste, dass ich jede Minute lebendig begraben werden kann", sagt sie.

Mohammed wartet auf der anderen Seite an dem Erdloch, in das der Tunnel mündet, und als seine Braut endlich aus dem staubigen Untergrund auftaucht, da ist er schockiert. Er fühlt sich schlecht, als er sie sieht. Weil "sie diese Strapazen für mich aufgenommen hat", sagt er.

Kein Dollar für die Fahrt zum Mittelmeer

Man könnte Mohammeds und Mays Geschichte als romantisches Märchen missverstehen, in dem zwei Liebende alle Hindernisse überwinden, um zueinander zu kommen. In Wirklichkeit ist es die triste Geschichte eines jungen Paares, das unter Umständen leidet, die es wohl niemals ändern kann. Und es ist eine Geschichte von Existenzängsten.

Die Eheleute wohnen nun in einem Zimmer in Mohammeds Elternhaus. Es gibt keine Möbel, bis auf den Tisch mit dem Computer. Entlang der Wände liegen Schaumstoffmatratzen. Tagsüber dienen sie als Sofas, nachts schläft man darauf.

Mohammed sitzt auf einer der Matten, May dicht neben ihm. Die beiden haben Geldsorgen. Der Tunnelschmuggel, die Hochzeit und das bisschen Einrichtung haben mehr gekostet, als die beiden aufbringen können. "Ich habe 4000 Dollar Schulden", sagt Mohammed. "Ich weiß nicht, wie ich die jemals zurückzahlen soll."

Gut 250 Dollar erhält er monatlich von der Fatah-geführten Palästinensischen Autonomiebehörde - nicht mehr für seine Arbeitskraft, sondern für seine Loyalität. Vor der Machtübernahme der Hamas im Gaza-Streifen war er Sicherheitsmann der Fatah, doch seit die Rivalen am Ruder sind, ist er zur Untätigkeit verdammt. Einen anderen Job zu finden ist kaum möglich. Die Uno kritisierte kürzlich, wie enorm die Blockade des Gaza-Streifens die Wirtschaft belastet: Mehr als 40 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung seien ohne Job.

Noch überstrahlt der Goldstaub des Liebesglücks Mohammeds und Mays Probleme. Doch allmählich sickert den beiden ins Bewusstsein, dass die erste Zeit des großen Glücks bald vorbei sein wird. May vermisst ihre Mutter. "Mein Vater ist vier Wochen vor meiner Abreise gestorben", sagt sie. "Jetzt hat meine Mutter auch noch ihre einzige Tochter verloren. Liebe ist grausam." Sie habe sich keine Illusionen über ein süßes Leben im Gaza-Streifen gemacht. "Aber dass es so schlimm ist, hatte ich nicht erwartet."

Das Mittelmeer ist im Auto keine 20 Minuten vom Haus ihrer Schwiegereltern entfernt. May hat es seit ihrer Ankunft noch nicht gesehen.

Die Fahrt dorthin würde einen Dollar kosten.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
Sadiq Khan 07.10.2009
1. .
Das ist nur ein Besiepiel dafuer, wie die einzige Demokratie im Nahen Osten das Leben einer Millionen-Bevoelkerung unmoeglch macht.
lis, 07.10.2009
2. .......................
Zitat von sysopEr lebt im Gaza-Streifen, sie im Westjordanland. Sie wollen heiraten - doch Israel blockiert die Grenze. Da beschließt May, sich unter Todesgefahr zu Mohammed schleusen zu lassen. Die Geschichte einer Liebe in Nahost. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,653614,00.html
Wenn der junge Mann doch solche Angst um seine Braut hatte: Warum konnte dann er nicht den Tunnel in umgekehrter Richtung nutzen - vom Gazastreifen nach Ägypten und von dort ins Westjordanland? Da er auch in Gaza arbeitslos ist, hätte er ja keine Existenz nicht aufs Spiel gesetzt. Das ändert natürlich nichts daran, dass die vollständige Abriegelung des Gazastreifens eine absolute Zumutung ist.
novaso 07.10.2009
3. Israel
Zitat von Sadiq KhanDas ist nur ein Besiepiel dafuer, wie die einzige Demokratie im Nahen Osten das Leben einer Millionen-Bevoelkerung unmoeglch macht.
Solange die arabischen Staaten und mit ihnen die Araber selbst Israel das Existenzrecht aberkennen, ist mir die Lage der Araber schnuppe. Sie sind zu einem Großteil Mitschuld an der desolaten Lage der "Palästinenser". Man muss Israel nicht mit Raketen beschießen und auch keine Selbstmordattentäter dorthin schicken. Den Krieg gegen Israel haben die Araber begonnen. 4 x sind sie gescheitert und sie sollten es kein 5. Mal versuchen.
Julkorn 07.10.2009
4. Nein, so etwas!
Intifada schön und gut, Attentate auf Israelis schön und gut, Massaker in israelischen Städten schön und gut, Raketen auf Israel schön und gut, Vernichtung Israels schön und gut......aber was muss man hier hören? Die Israelis haben die Grenzen geschlossen? Diese Verbrecher! Empörung!
benno18 07.10.2009
5. Brautschau
Zitat von sysopEr lebt im Gaza-Streifen, sie im Westjordanland. Sie wollen heiraten - doch Israel blockiert die Grenze. Da beschließt May, sich unter Todesgefahr zu Mohammed schleusen zu lassen. Die Geschichte einer Liebe in Nahost. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,653614,00.html
Ich kenne in der Geschichte kein Beispiel dafür, dass bei zwei Staaten, die miteinander im Krieg liegen, der eine Staat Wasser liefert, Elektrizität, Lebensmittel etc. humantäre Hilfe leistet etc und dafür mit Raketenbeschuss entlohnt wird. Dass er als Staat auch nicht von der anderen Regierung anerkannt wird zeigt doch nur wie hier die Standards gesetzt werden. Dass die beiden jungen Menschen dieses Problem haben tut mir leid, aber warum wendet man sich nicht an die Hamas? Vor 3 Jahren wurde Gilad Schalit von isrealischem Gebiet verschleppt. Bis heute gab es keinen direkten Kontakt zu ihm. Wo bleibt das Mitleid mit diesem jungen Menschen ?
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