Zerstörung im Gaza-Streifen Leben in Ruinen

Solche Zerstörungen hat der Gaza-Streifen noch nicht gesehen: Die Ortschaften direkt hinter der Grenze zu Israel liegen in Trümmern, die Menschen dort leben ohne Wasser und Strom in den Ruinen ihrer Häuser.

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Aus dem Gaza-Streifen berichtet


Auch wenn keine tonnenschweren Bomben mehr herabfallen, ist ein Leben in der Grenzregion des Gaza-Streifens schwer erträglich geworden. Sobald man in eine Ortschaft kommt, die bis auf 700 Meter Entfernung an Israel heranreicht, verschwinden die Straßenzüge.

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Heft 34/2014
Wie die IS-Terroristen ihr Kalifat errichten

Wo Häuser waren, türmen sich nun Betonbrocken. Straßen haben sich in staubige Trampelpfade verwandelt. Von Wasserleitungen und dem Abwassersystem ist nicht mehr viel geblieben, einige Strommasten sind umgerissen. Dazwischen muss man jederzeit mit Blindgängern rechnen.

"Es ist alles futsch", sagt der 23-jährige Sami Hamed. Von seinem vierstöckigen Elternhaus in Beit Hanun im Norden Gazas sind noch ein paar Betonpfosten übrig. Auf einem hat sich ein kindsgroßer rosafarbener Teddybär aufgespießt.

Mit seinem Vater und seinen Onkeln lebt Sami Hamed nun draußen vor den Trümmern ihres Hauses. Es sind 35 Grad. Wasser kaufen sie in Plastikflaschen und füllen es in einen großen Kanister, den sie von der Uno bekommen haben.

Ihre Frauen und Kinder sind gegen eine kleine Miete vorerst bei einem Verwandten untergekommen, fünf Personen pro Zimmer. Lieber das, als in den überfüllten Uno-Schulen, in denen sich vierzig Menschen ein Klassenzimmer teilen müssen. "Da hat man kein bisschen Menschenwürde mehr", sagt Sami Hamed.

In dem zerstörten Haus hatten mehrere Generationen der Familie Hamed gelebt, 42 Menschen. Alle haben überlebt. Israels Militär hatte die Hameds mit einer kleinen Rakete vor der Zerstörung ihres Hauses gewarnt, die Hameds stürmten sofort nach draußen. Eine Warnrakete kennt keine Zeit zum Packen und auch keine Tipps, wie man nach der Zerstörung des Hauses weitermachen soll.

Kaum jemand traut sich in die Nähe der Grenze

Solche Zerstörungen wie im jüngsten Krieg hat der Gaza-Streifen noch nicht gesehen. In der Grenzregion mit Israel hat er ein gigantisches Trümmerfeld hinterlassen - in Beit Hanun im Norden des Gaza-Streifens, in Schedschaija im Zentrum und in Chusa im Süden. Israels Militär hat in diesem Grenzgebiet gewütet - mit Bomben, Artilleriefeuer, gezielten Sprengungen.

Israel sagt, es habe dort die Angriffstunnel der Hamas vernichten wollen. Mehrmals ist es den Hamas-Kämpfern während der vergangenen Wochen gelungen, durch Tunnel nach Israel vorzudringen. Die Sorge der Israelis ist groß, dass es der Hamas gelingen könnte, einen grausamen Anschlag in einem der Kibbuze direkt am Gaza-Streifen durchzuführen.

Viele Palästinenser dagegen glauben, Israel wolle sie mit dem Krieg aus der Grenzregion vertreiben und die Pufferzone wieder vergrößern. Nach dem Gaza-Krieg 2012 durften Palästinenser sich theoretisch zu Fuß bis auf 100 Meter Abstand der Grenze mit Israel nähern statt wie vorher nur auf 300 Meter. Da jedoch israelische Soldaten hin und wieder Bauern in Gaza erschossen, die eigentlich noch weit genug weg waren, hielten es viele Palästinenser mit dem Abstand lieber großzügig.

Am Sonntag schießen trotz der seit acht Tagen andauernden Waffenruhe israelische Panzer über die Grenze hinweg nach Schedschaija. Die Geschosse schlagen mehrere hundert Meter weit im Gaza-Streifen ein. Die Botschaft ist unmissverständlich. Keiner wagt sich auf Sichtweite an die Grenze mit Israel heran.

Jeder Zwanzigste hat sein Haus verloren

"Wir wollen in Beit Hanun bleiben, das ist unsere Heimat", sagt Sami Hamed. Ein paar Trümmerberge weiter hat ein Nachbar trotzig die palästinensische Flagge auf den Resten seines Hauses gehisst.

Sami Hamed hofft, dass Hilfsorganisationen Zelte oder Wohncontainer verteilen, damit die Familie zumindest wieder ein Dach über dem Kopf hat. "Vielleicht kommt auch wieder Baumaterial ins Land?" Für einen Moment hofft er, dass sie das Haus wieder aufbauen könnten. Die Hamas fordert in ihren Waffenstillstandsverhandlungen mit Israel, dass die langjährige Blockade des Gaza-Streifens aufgehoben wird, die Zement zur Mangelware macht.

Plötzlich muss der 23-Jährige lachen. Es ist Galgenhumor: Ihm fällt auf, dass sich die Familie Zement vorerst kaum leisten könnte. "Wir hatten drei Läden - einen Friseursalon, ein Bekleidungsgeschäft und einen kleinen Supermarkt. Die wurden auch alle zerstört."

Jeder zwanzigste Bewohner des Gaza-Streifens ist in einer ähnlichen Situation wie Sami Hamed: Mehr als hunderttausend Menschen haben nach Uno-Schätzungen ihr komplettes Haus verloren. Nichts blieb stehen. In den Uno-Schulen leben derzeit rund 220.000 Menschen, fast alle aus der Grenzregion. Im September sind die Sommerferien vorbei und in den Schulen soll wieder der Unterricht beginnen.

Wohin sie dann ziehen sollen, ist offen.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
tolate 18.08.2014
1.
Ein ganz wertvoller Beitrag zum Frieden im Nahen Osten, den die Welt der israelischen Regierung zu verdanken hat. Er wird gerechtfertigt mit der Entführung und Ermordung dreier israelischer Jugendlicher. Allerdings ist diese brutale Tat nicht von der Hamas und Al Fatah Regierung direkt zu verantworten, die nun aber mit der ausgedehnten Zerstörung im Gazastreifen bestraft worden ist. Dabei wird wie immer vergessen, dass es weitgehend Menschen trifft, mit denen man zusammenleben sollte, und auch könnte, wäre die Politik kontinuierlich eine andere.
hjcatlaw 18.08.2014
2. Die Frage der Kausalität
scheint auf der Hand zu liegen: Für die Zerstörungen ist Israel verantwortlich, insbesondere für das Ausmass der Zerstörungen. Aber die betroffenen Palästinenser sollten sich auch die Frage stellen, ob die Hamas nicht durch den unablässigen Beschuss Israels mit Raketen die Reaktion Israels bewusst provoziert hat. Die Hamas wusste und weiß sehr wohl um die militärische Überlegenheit Israels, und gleichwohl haben sie provoziert, eiskalt und ohne Rücksicht auf die eigene Bevölkerung, deren menschliches Leid ihnen offensichtlich vollkommen egal ist. Es scheint, dass die Hamas politische Interessen über das Wohl ihrer Landsleute stellt, und das ist genauso verachtungswürdig wie die blinde Wut, mit der Israel auf den Raketenbeschuss reagiert hat. Dem palästinensischen Volk muss geholfen werden. Die Hamas und Israel sind an den Pranger zu stellen, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.
brehn 18.08.2014
3. Erklärung bitte
Nun soll mir mal jemand erklären, welchen Sinn es macht, Warnraketen abzuschiessen, wenn die Bombardiererei doch dazu dienen soll, Hamas-Kämpfer zu töten? Ist ja löblich, dass man die Zivilisten "schonen" will und vorher warnt, doch denken die denn die Hamas-Kämpfer kriegen von der Warnrakete nichts mit? Dann können sie das Haus auch gleich stehen lassen anstatt armen leuten auch noch ihre letzte Habe wegzubomben.....
Ostwestfale 18.08.2014
4. Ein Satz der verdammt viel aussagt
"Da jedoch israelische Soldaten hin und wieder Bauern in Gaza erschossen, die eigentlich noch weit genug weg waren, hielten es viele Palästinenser mit dem Abstand lieber großzügig" Der Terror in diesem Konflikt geht von beiden Seiten aus. Aber so lange die Welt das nicht einsieht und keinen Druck auf Israel ausübt wird es keinen Frieden geben.
laxness 18.08.2014
5.
wo die Kazam gesatrtet wurden, das weiss Israel. Anhand der Rauchspur zeichnen das die Aufklärungs-Satelliten. Den Ursprung jeder Rauchspur im Umkreis von 100m platt zu bomben, dazu hat Israel als Selbstverteidigung jedes Recht. Over and out.
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