Gaza-Streifen Fatah-Wendehälse entdecken den Chic der Hamas

Die Machtübernahme der Hamas ändert alles im Gaza-Streifen. Junge Männer lassen lieber ihre Bärte wachsen und tragen den Look der Islamisten. Auch Teile der Fatah gehen auf Schmusekurs: Sie wollen eine Splitter-Fatah gründen, die von den neuen Herrschern kaum zu unterscheiden sein wird.

Aus Gaza-Stadt berichtet Ulrike Putz


Schedi Saher hat das Licht gesehen. "Ich bin jetzt auf dem gerechten Pfad. Ich folge der Wahrheit", sagt der 26-Jährige.

Die Wahrheit ist, dass Schedi Saher eigentlich tot sein müsste.

Der Vater einer Zweijährigen war bis vor einer Woche Anführer einer Einheit von Fatah-Kämpfern. "Ich war nur für die Selbstverteidigung unseres Kiezes zuständig" - sagt er. In seiner Wohnung im zehnten Stock eines Apartmentblocks hatte er ein enormes Waffenarsenal, Maschinengewehre, Panzerfäuste, kistenweise Munition - sagen Menschen, die Schedi seit Jahren kennen und das Waffenlager mit eigenen Augen gesehen haben.

Protestierende Fatah-Anhänger (im Westjordanland): Abspaltung in Gaza
AP

Protestierende Fatah-Anhänger (im Westjordanland): Abspaltung in Gaza

Fest steht, dass Schedi, als die Hamas in der vergangenen Woche peu à peu die Oberhand über Gaza gewann, ganz oben stand auf der Todesliste der Islamisten. Wäre Mohammed Alul nicht gewesen, trüge Schedis Frau Leila heute das Schwarz der Witwen, nicht das apricotfarbene Kleid, in dem sie im Wohnzimmer ihrer Schwiegereltern dem Bericht ihres Mannes und seines Schutzengels lauscht.

Mohammed Alul, ein stattlicher Mann in seinen Fünzigern, hat Schedi das Leben gerettet. Noch heute, eine Woche später, kommen ihm die Tränen, wenn er über das Geschehene spricht. "Wir danken Gott, dass ein Leben verschont wurde", sagt er immer wieder.

Böser Bulle, guter Bulle auf Arabisch

Alul ist ein Hamas-Anhänger und in der Nachbarschaft hoch geachteter frommer Lehrer. Er versteckte Schedi nicht nur unter großem eigenen Risiko in seinem Apartment fünf Stockwerke tiefer. Als die Hamas-Milizionäre den Fatah-Anhänger dort schließlich doch noch aufstöberten, legte Alul sein ganzes Gewicht in die Waagschale - damit die Kämpfer nicht wahr machten, was sie angekündigt hatten: Schedi zu köpfen und seinen Kopf auf der Kühlerhaube eines Jeeps durch die Nachbarschaft zu paradieren.

Retter und Geretteter: Links Mohammad Alul, rechts der frisch bekehrte Schedi Saher
Ulrike Putz

Retter und Geretteter: Links Mohammad Alul, rechts der frisch bekehrte Schedi Saher

Die Vermummten nahmen den Entdeckten zwar mit. Sie schworen aber, ihn nicht zu töten.

Tiefe Handschellen-Wunden an beiden Handgelenken, der Abdruck eines Stricks um den Hals, Schedi kann sich kaum aufrecht auf den Beinen halten - die Spuren der Folter sind auch fünf Tage nach der Freilassung noch deutlich zu sehen. "Ich wurde gut behandelt", sagt er.

Ein Hamas-Kämpfer habe ihn sogar mit einem Löffel gefüttert, als er nach den Misshandlungen durch dessen Kameraden nicht mehr essen konnte. Böser Bulle, guter Bulle auf Arabisch.

Vollbart - der Look der neuen Macht

Ob es Kalkül war oder Zufall: Dass die Hamas Schedi eine Todesangst eingejagt hat, ihn aber im Namen des Islam am Leben ließ, hat seine Wirkung nicht verfehlt. Schedi lässt sich jetzt einen Bart wachsen. Der Pfad der Gerechtigkeit, auf den er sich begeben hat, führt direkt zum strengen Islam und zur Hamas.

Schedi mag ein Extremfall sein. Gazas Barbiere jedoch klagen allgemein über das Wegbleiben von Kunden, die sonst alle paar Tage zum Rasieren kamen. Wie viele der Männer angesichts der unsicheren Aussichten bloß Geld sparen wollen und wie viele seiner Ex-Kunden sich tatsächlich den Look der neuen Macht zulegen wollen, das kann der Inhaber des "Al Baroon"-Salons zwar auch nicht sagen. "Aber es sind einige, die jetzt plötzlich zeigen wollen, dass sie zur Hamas halten."

Und während sich Gazas Mannsvolk noch mit der Frage nach der korrekten Haartracht für den Wendehals beschäftigt, spielt auf der politischen Bühne des Gaza-Streifens schon eine Verwechslungskomödie. Eine Vorstellung im Kulturzentrum von Gaza-Stadt am Mittwochabend begann mit dem Verlesen von Koran-Suren. Auf der Bühne: ein Rednerpult, Chaled Abu Hilal und sieben schwarz gekleidete Kämpfer mit Kalaschnikows.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.