Gaza-Streifen Hamas geht massiv gegen Fatah vor

Offensive gegen die Fatah: Die Hamas macht die Fatah-Bewegung von Palästinenser-Präsident Abbas für den Tod mehrerer ihrer Mitglieder verantwortlich - und ließ nun mehr als 160 Fatah-Leute festnehmen. Hamas-Aktivisten stürmten auch eine Nachrichtenagentur und nahmen einen ARD-Kameramann in Gewahrsam.


Hamburg/Gaza-Stadt - Nach einem Anschlag im Gazastreifen geht die radikal-islamische Hamas massiv gegen die rivalisierende Fatah-Bewegung von Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas vor. Am Samstag nahmen Hamas-Sicherheitskräfte laut Angaben des Palästinensischen Zentrums für Menschenrechte mehr als 160 Fatah-Anhänger fest - die Fatah selbst sprach von etwa 200 Festnahmen.

Am Abend stürmten die Hamas-Aktivisten in Gaza auch das Büro der Nachrichtenagentur Wafa, wie es in Fatah-Kreisen hieß. Bei der Aktion seien Computer und Akten beschlagnahmt worden. Wafa steht Abbas nahe. Rund 40 weitere Institutionen, die der Fatah nahe stehen, sollen ebenfalls durchsucht worden seien.

Hamas-Polizist vor Autowrack in Gaza-Stadt: Die Fatah weist jede Verantwortung zurück
REUTERS

Hamas-Polizist vor Autowrack in Gaza-Stadt: Die Fatah weist jede Verantwortung zurück

Unter den Festgenommenen sind auch der politische Führer der Fatah im Gazastreifen, Ahmed Naser, und ein ehemaliger hoher Offizier der palästinensischen Autonomiebehörde. Hamas-Anhänger feuerten außerdem Granaten auf das Haus eines Fatah-Führers. In ganz Gaza errichteten sie Kontrollposten.

Die Hamas wirft der Fatah vor, hinter dem Bombenanschlag auf ein geparktes Auto an einer Kreuzung außerhalb Gazas zu stehen. Dabei waren am Freitagabend sechs Menschen ums Leben gekommen, darunter ein Mädchen und drei Hamas-Kämpfer. Bei der Beerdigung der sechs Toten am Samstag riefen Mitglieder der Islamistengruppe zur Rache auf.

ARD-Kameramann in seiner Wohnung festgenommen

In Rahmen einer Großrazzia wurde auch ein palästinensischer Kameramann des ARD-Fernsehens festgenommen. Der 42-jährige Palästinenser Sawah Abu Saif soll dabei nicht als Journalist in Gewahrsam genommen worden sein, sondern weil er im Verdacht stehe, ein Fatah-Aktivist zu sein.

Wie Augenzeugen berichteten, drangen Mitglieder der Sicherheitskräfte der Hamas am frühen Samstagmorgen in die Wohnung von Sawah Abu Saif ein und führten ihn ab. Auch der Laptop und das Mobiltelefon des Kameramannes seien beschlagnahmt worden, sagten Familienangehörige.

Der Leiter des ARD-Büros in Tel Aviv, Richard C. Schneider, erklärte, seit der Festnahme sei jeder Kontaktversuch mit dem Kameramann fehlgeschlagen. Nach Angaben Schneiders ist der Festgenommene allerdings kein Mitglied der Palästinenserorganisation.

Unbekannte "Awda-Brigaden" bekennen sich zu Anschlag

Sollte sich der Anschlag auf den Pkw gezielt gegen Hamas-Aktivisten gerichtet haben, wäre es der tödlichste derartige Anschlag seit der Machtübernahme der Organisation im Gaza-Streifen vor mehr als einem Jahr. Das Büro des palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas im Westjordanland führte die Detonation auf Rivalitäten innerhalb der Hamas zurück. Abbas' Berater Ahmed Abdel Rahman verurteilte die Explosion. Das Vorgehen der Hamas gegen die Fatah bezeichnete er als unverantwortlich, es verringere die Aussichten auf eine Versöhnung.

Ein bislang unbekannter Ableger der Fatah namens "Awda-Brigaden" bekannte sich unterdessen in einer E-Mail an Journalisten zu dem Anschlag, nannte dazu aber entgegen den üblichen Gepflogenheiten keine Einzelheiten, die auf Täterwissen hindeuten würden. Unter den Toten waren ein ranghoher Feldkommandeur der Hamas und ein Neffe eines Hamas-Abgeordneten. Ein Sohn des Abgeordneten wurde verletzt.

Schon am Freitagmorgen war es zu zwei Anschlägen auf ein Café und das Haus eines Hamas-Abgeordneten in Gaza gekommen. Dabei kam nach Hamas-Angaben einer der Attentäter ums Leben, drei weitere Menschen wurden verletzt. Für keinen der Anschläge machten die Palästinenser Israel verantwortlich, das sich mit der Hamas auf eine Waffenruhe geeinigt hat.

flo/tno/AP/dpa/Reuters

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