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Gaza-Streifen: Hamas jagt Raketen-Kommandos

Aus Gaza berichtet Ulrike Putz

Verhaftungen, Einschüchterung, Folter: Mit aller Gewalt versucht die Hamas, militante Splittergruppen im Gaza-Streifen zur Waffenruhe mit Israel zu zwingen. Denn solange Raketen fliegen, blockiert Jerusalem lebensnotwendige Lieferungen. Ohne die bröckelt die Machtbasis der Hamas.

Beirut - Der Kommandant der "Al-Aksa-Märtyrer-Brigaden" im Gaza-Streifen ist auf der Flucht. "Die Hamas hat mich auf ihre Liste gesetzt, ich werde gesucht", sagt Amir Aischarif am Telefon. Er bewege sich von Haus zu Haus, bleibe nirgends länger als ein paar Stunden, berichtet er gehetzt.

Vermummte Hamas-Mitglieder: Gesucht wird jeder, der gegen die Waffenruhe verstößt
AP

Vermummte Hamas-Mitglieder: Gesucht wird jeder, der gegen die Waffenruhe verstößt

Der Milizionär klingt nicht sehr zuversichtlich, seinen Häschern zu entkommen: Es ist keine 24 Stunden her, dass Sicherheitsleute der Hamas sieben seiner Untergebenen verhaftet haben. Drei hatten gerade eine Rakete auf Israel abgefeuert, vier bereiteten den nächsten Kassam-Abschuss vor. Dass die Hamas alles daran setzen wird, nun auch ihn zu schnappen, liegt auf der Hand: Aischarif war es, der den Befehl zum Raketenabschuss gab.

Ein Angriff auf Israel - darauf steht im von der Hamas kontrollierten Gaza-Streifen neuerdings Haft. Und wenn man Pech hat, auch Folter. Um abtrünnige Raketen-Kommandos zur Ruhe zu zwingen, ist der Hamas jedes Mittel recht. Die Alleinherrscherin über Gaza hat ihr Wort gegeben, dass in und um den Gaza-Streifen ein Waffenstillstand herrscht – nun muss sie vor Israel und der Welt dafür geradestehen.

Deshalb geht die Hamas gegen Männer vor, die Israel attackieren: Selten hat der Satz vom Bock, der zum Gärtner gemacht wurde, besser gepasst. Noch vor vier Wochen feierten die Radikal-Islamisten jede Rakete auf Israel als kleinen Sieg. Es waren vor allem Hamas-Milizen, die mit Kassams auf Israel schossen. Fast täglich landeten ihre Geschütze in Israels grenznahen Feldern, in Kibuzzen oder im Städtchen Sderot. Israel flog parallel dazu schwere Luftangriffe auf den Gaza-Streifen – ein Hauen und Stechen, bei dem es keinen Gewinner gab.

Die Waffenruhe wird immer wieder gebrochen

Am 19. Juni dann einigten sich Israel und die Hamas auf eine auf ein halbes Jahr begrenzte Waffenruhe. Beide Seiten haben sie dringend nötig. Jerusalem steht unter Druck, die Lebensbedingungen für seine Grenzanrainer zu verbessern. "Invasion oder Waffenstillstand?" lautete die Frage - die Regierung Ehud Olmerts entschied sich für die von einer Mehrheit der israelischen Bevölkerung unterstützten friedliche Variante.

Die Hamas ihrerseits muss es irgendwie schaffen, die Lebensbedingungen im Gaza-Streifen zu verbessern. Seit der Machtübernahme der Radikal-Islamisten im vergangenen Sommer hatte Israel das Küstengebiet mit einer Blockade belegt. Kaum mehr das nötigste an Lebensmitteln, Treibstoff und Medikamenten gelangte hinein in die abgeriegelte Zone. Die Lage wurde zusehends schlimmer, die Hamas musste Erleichterung schaffen, wollte sie den Rückhalt in der Bevölkerung nicht verlieren. Auch deshalb willigte sie in die Waffenruhe ein, die Israel zusätzlich zu militärischem Stillhalten verpflichtet, Waren in den Gaza-Streifen zu lassen.

Seit dem vor gut drei Wochen geschlossenen Stillhalteabkommen haben beide Seiten die Abmachungen wiederholt gebrochen. Israelische Soldaten feuern beinahe täglich mit Handfeuerwaffen über die Grenze. Am Donnerstagmorgen starb dabei ein unbewaffneter Palästinenser – der erste Tote seit Beginn der Waffenruhe. Von palästinensischer Seite flogen in den vergangenen drei Wochen etwa ein Dutzend Raketen gen Israel. Jerusalem antwortete mit einer erneuten Schließung der Grenze, was heißt, dass noch immer viel zu wenig der dringend benötigten Waren in das Küstengebiet gelangen. Benzin kostet in Gaza inzwischen sechs Euro pro Liter. Trinkwasser in Flaschen gibt es nicht mehr zu kaufen, seit der Abfüllstation das Plastik für die Flaschen ausgegangen ist.

Der Bruch der Waffenruhe von palästinensischer Seite geht auf das Konto des "Islamischen Dschihad" und der "Al-Aksa-Märtyrer-Brigaden" von Amir Aischarif – und hat bei der Hamas erst ohnmächtigen Zorn und jetzt Vergeltungsmaßnahmen gegen die Unruhestifter ausgelöst.

Die Hamas ist verletzbarer denn je

Die jüngsten Raketen auf Israel sind Teil eines innerpalästinensischen politischen Ränkespiels, bei dem die Querulanten auf das Wohl der Bevölkerung keine Rücksicht nehmen. Die Waffenruhe hat die Hamas angreifbar gemacht – von innen. Für militante Gruppen, die im Gaza-Streifen ihr eigenes Süppchen kochen wollen, ist jetzt der richtige Zeitpunkt, der Hamas zu schaden.

Der Bruch des Stillhalteabkommens, für den die Hamas geradestehen muss, ist der Versuch, "die Hamas politisch in Schwierigkeiten zu bringen" wie sich der Sprecher des Hamas-geführten Innenministeriums im Gaza-Streifen beschwert. "Die Al-Aksa-Brigaden sollen doch nichts vom Widerstand gegen Israel erzählen", schimpft Ihab Al-Ghusain. Über ein Jahr lang hätten die Brigaden keine einzige militärische Aktion gegen Israel unternommen, "und jetzt sollen sie plötzlich aufgewacht sein?", sagt Al-Ghusain.

Auch wenn Al-Ghusains Meinung stark von der Hamas-Ideologie geprägt sein dürfte: Beobachter auf palästinensischer und israelischer Seite teilen seine Meinung, dass hinter der Aktivität der Brigaden politisches Kalkül steckt. Schließlich handelt es sich bei den "Al-Aksa-Brigaden" um den militanten Flügel der Fatah von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas.

Im blutigen Showdown mit der Hamas im Gaza-Streifen zogen sie im Sommer vergangenen Jahres den Kürzeren. Der Machtkampf zwischen den beiden verfeindeten Lagern jedoch besteht weiter. Den Brigaden könnte es nicht Unrecht sein, sollten ihre Raketen auf Israel den von der Hamas als großen Erfolg verkauften Waffenstillstand zunichte machen.

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