Gaza-Streifen Hamas verkündet Amnestie für Fatah-Gefangene

Gnade für den Feind: Nach der Machtübernahme im Gaza-Streifen hat die islamistische Hamas eine Amnestie für Fatah-Führer angekündigt, die heute festgenommen wurden. Plünderer durchkämmen jetzt die verlassenen Fatah-Stützpunkte - auch den Präsidentenpalast.


Gaza - Von den Raubzügen besonders stark betroffen sei das Haus des ehemaligen Fatah-Anführers im Gaza-Streifen, Mohammed Dahlane, berichtete ein Korrespondent der Nachrichtenagentur AFP. Die Plünderer hätten Möbel, Waschbecken, Armaturen und Blumentöpfe weggeschleppt. Dahlane ist ein Erzfeind der Hamas. Dutzende Palästinenser sollen die verlassenen Häuser der Hamas-Funktionäre und die Stützpunkte der ihnen nahe stehenden Sicherheitskräfte geplündert haben.

Hamas-Kämpfer im Büro von Abbas in Gaza: Dienstwagen abgeschleppt
REUTERS

Hamas-Kämpfer im Büro von Abbas in Gaza: Dienstwagen abgeschleppt

Die Hamas kündigte an, der Wohnsitz von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas werde geschützt. Sie hinderten Plünderer dort am Eindringen. Hamas-Kämpfer bemächtigten sich unterdessen zurückgelassener Dienstwagen. Autos, die nicht gestartet werden konnten, wurden abgeschleppt.

Iran hat Hamas und Fatah unterdessen zu einem Ende des Bruderkrieges und zur Konzentration auf den Kampf gegen Israel aufgerufen. "Es ist bedauerlich, dass die palästinensischen Gruppen gegeneinander kämpfen anstatt gegen den Hauptfeind", sagte der frühere iranische Präsident Ali Akbar Haschemi Rafsandschani in Teheran. Die Differenzen zwischen Hamas und Fatah seien nicht so schwerwiegend, dass sie das Blutvergießen rechtfertigten. Iran unterstützt die Hamas, bestreitet aber direkte finanzielle und militärische Hilfe.

Die Hamas hatte in der vergangenen Nacht erklärt, sie habe die Fatah-treuen Kräfte in die Flucht geschlagen und den gesamten Gaza-Streifen unter ihre Kontrolle gebracht. Abbas hatte die Auflösung der palästinensischen Einheitsregierung verkündet.

Heute wurden im Gaza-Streifen mehrere ranghohe Führer der Fatah festgesetzt. Über ihr Schicksal werde binnen Stunden entschieden, teilte die Hamas mit. Unter den Fatah-Führern waren Fatah-Sprecher Taufik Abu Hussa, Polizeichef Dschamal Kajed und der Fatah-Generalsekretär von Gaza, Madschad Abu Schamala. Später erklärte Abu Ubeida, der Sprecher der Miliz: "Die Kassam-Brigaden haben entschieden, den Sicherheitschefs und Anführern des Putsches eine Amnestie zu gewähren." Die Begnadigung gelte für alle zehn Chefs der verschiedenen Einheiten, die unter der Kontrolle Abbas' stehen.

Hoher Kommandeur der Fatah hingerichtet

Gestern Abend hatten Kämpfer der Hamas nach eigenen Angaben einen ranghohen Kommandeur der Fatah in Gaza hingerichtet. Aus Hamas-Kreisen verlautete, Samih al-Madhun sei gefasst worden, als er versuchte, durch eine von der Hamas kontrollierte Straßensperre im zentralen Gaza-Streifen zu passieren. Madhun habe versucht, die Sperre zu durchbrechen und das Feuer auf Hamas-Männer eröffnet. Einer von ihnen sei dabei getötet worden. Die Hamas-Kämpfer hätten daraufhin zurückgeschossen und Madhuns Fahrer erschossen. Der Fatah-Kommandeur sei dann zu dem Haus des getöteten Hamas-Mitglieds gebracht und dort öffentlich hingerichtet worden. Madhun sei für den Tod zahlreicher Hamas-Mitglieder verantwortlich.

Nach der vollständigen Machtübernahme der Radikal-Islamisten ist die Lage in Gaza zurzeit ruhig. Nur vereinzelt wurden Schüsse in die Luft abgegeben. Die Bewohner wagten sich demnach wieder vorsichtig aus ihren Häusern, wo sie sich während der schweren Kämpfe zwischen den rivalisierenden Palästinensergruppen tagelang versteckt gehalten hatten. Auch die Straßensperren in Gaza wurden weitgehend aufgehoben, der Verkehr konnte wieder frei fließen. Dem blutigen Machtkampf zwischen Hamas und Fatah sind in den vergangenen Tagen mindestens 90 Menschen zum Opfer gefallen.

Die palästinensische Nachrichtenagentur Maan berichtete unterdessen, die Hamas habe sich mit ägyptischen Vermittlern darauf geeinigt, am Grenzübergang Rafah vom Gaza-Streifen nach Ägypten weitere 150 Mitglieder der Garde von Präsident Abbas einzusetzen. Die Präsidialgarde ist für den Betrieb des Übergangs zuständig. Beobachter der Europäischen Union überwachen dort die Arbeit.

als/flo/dpa/AP/AFP

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