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Gaza-Streifen: Im Folterkeller der Fatah

Aus Gaza berichtet Ulrike Putz

2. Teil: Die Hamas hält sich für den Hüter des Rechts

Vor Abu Mohammed liegen auf dem Schreibtisch ein Bündel Duschka-Munition und ein Buch "Erfahrungen aus dem Vietnam-Krieg". Beides sei gerade eben erst abgegeben worden. Die Hamas habe dazu aufgerufen, gestohlenes Eigentum der palästinensischen Autonomiebehörde zurückzubringen. Genau das täten die Leute aus der Nachbarschaft nun.

Abu Mohammed verliest eine lange Liste: Waffen und nochmals Waffen, CDs, Munition, Landminen, Computer, Walkie-Talkies. All das sei schon zurückgebracht worden. Immer mehr Reumütige meldeten sich, um abzugeben, was sie sich unrechtmäßig genommen hätten.

Was zunächst unglaublich klingt, bestätigt sich wenige Minuten später am Tor. Abu Ahmed trägt Strickkäppi und ein langes Gewand - den Look des frommen Muslims. Kleinlaut liest er mit Blick auf einen Spickzettel vor, was er beim Ausräumen des Gebäudes des Sicherheitsdienstes an Beute gemacht hat und die Hamas bitte bei ihm zu Hause abholen möchte. "Papier für einen Drucker, einen Stuhl, eine Wanduhr, einen Ventilator, einen Videorekorder mit Fernbedienung und ein Radio."

Er entschuldigt seine Raffgier: Die Fatah habe während der Kämpfe auch seinen Bruder getötet. Während er noch redet, trottet ein Esel durchs Tor. Auf seinem Karren stapeln sich Türen, Bretter, zerlegte Aktenschränke, Abwasserrohre - zurückgeschickt vom zwischenzeitlichen Besitzer.

Abu Mohammed im blauen Hamas-Camouflage strahlt: "Sehen Sie, wenn die Hamas dazu aufruft, Diebesgut zurückzubringen, dann folgen die Leute, und zwar freiwillig."

Imad al-Akad war schon einmal in dem Sicherheitsdienst-Gebäude - vor vier Jahren. Mit verbundenen Augen wurde er damals durch lange Flure geführt. Erst in einer überfüllten Gemeinschaftszelle sei ihm die Binde abgenommen worden. Akad war verhaftet worden, weil er Steine auf einen Major der Armee geworfen hatte, der angeblich ein Kind vergewaltigt hatte. Der damals 18-Jährige kam mit dem Schrecken davon. Nach elf Tagen wurde er freigelassen. Die berüchtigten Einzelzellen im Keller hat er nie gesehen.

Heute ist er mit Freunden gekommen, um den Ort zu besuchen, an dem er die schlimmsten Tage seines Lebens verbrachte. "Einmal die komplette Führung, bitte", scherzt er mit den Hamas-Männern am Eingang.

Andere ehemalige Insassen seien nicht zu Späßen aufgelegt gewesen, als sie in den vergangenen Tagen vorbeischauten, erzählen die Wachen. Gestandene Männer hätten geweint, als sie ihre Zellen wieder gesehen hätten. Andere hätten Witwen begleitet, die sehen wollten, wo ihre Ehemänner ermordet wurden.

Die Hamas hat die Macht im Gaza-Streifen übernommen. Was will sie nun damit anfangen? Soll ein islamischer Staat nach Irans Vorbild errichtet werden? "Das kann man nicht verordnen. Dorthin kann nur Gott uns führen", sagt Abu Mohammed an seinem Pförtnerschreibtisch.

Und was ist besser in Gaza, nun, da die Hamas am Ruder ist? "Dass Sie als ausländische Journalisten hier sitzen können, ohne gekidnappt zu werden", sagt der Milizionär und lächelt fein. "Es gibt jetzt Sicherheit in Gaza, sogar für die Fatah-Leute." Die Hamas habe alle gefangenen Feinde freigelassen, "bis auf ein paar Dutzend mit Blut an den Händen", und garantiere für ihre Sicherheit. "Hier herrscht jetzt Recht und Ordnung."

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