Gaza-Streifen: Im Todesknast der Kollaborateure

Aus Gaza-Stadt berichtet Ulrike Putz

Nichts fürchtet die im Gaza-Streifen herrschende Hamas mehr als Kollaborateure, die Geheimnisse an Israel verraten. Verdächtige werden gefoltert und landen im neuen Hochsicherheitsgefängnis. Dort vegetieren sie dem Tag entgegen, an dem sie in den Keller geschickt werden - wo der Galgen steht.

Gaza: Das Gefängnis der offenen Türen Fotos
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Die himmelblau gestrichene Gittertür des Haupteingangs steht sperrangelweit offen. Auch sonst lässt das bunte Treiben in der Eingangshalle nicht unbedingt erkennen, dass es sich bei diesem Gebäude mitten im Stadtzentrum in Gaza-Stadt um das neue Hochsicherheitsgefängnis handelt. Verschleierte Ehefrauen eilen mit Essenspaketen beladen ungehindert in Richtung Zellenblock, Werkzeug schleppende Bauarbeiter kommen und gehen, auch Journalisten können einfach so hineinspazieren in den Hamas-Knast: Die Wärter sind mit Rauchen und Plauschen beschäftigt, statt Kontrolle gibt es ein herzliches "Willkommen!".

Es sind viele kleine Dinge, die das dritte und neueste Gefängnis im Gaza-Streifen zu einer Bühne für ein absurdes Theater machen, das geradezu komisch wäre, stünde nicht im Keller ein Galgen. Eine der Hauptfiguren ist Nasser Suleiman, der bestens gelaunte Gefängnisdirektor. "Das ist hier wie ein Fünf-Sterne-Hotel", freut er sich an dem Neubau. Die Insassen hätten ihr Gefängnis vom Fundament bis zum Dach selbst gebaut. Selbst die Stuckdecke in seinem Büro hätten sie angebracht. "Die kommen abends schon zurück", schmunzelt Suleiman über seine Handwerker. "Wo sollen sie auch hin. Der Gaza-Streifen ist doch selbst ein Gefängnis, aus dem es kein Entkommen gibt."

Auch im Zellentrakt geht es auf den ersten Blick locker zu: Gerade ist einer der Wärter von einem Einkaufstrip zum nächsten Kiosk zurückgekehrt. Er schüttet den Inhalt einer Plastiktüte vor einer der Zellentüren aus. Hinter dem - ebenfalls himmelblauen - Gitter drängen sich die Häftlinge und rufen ihm zu, was für sie bestimmt ist. Schokolade, Zigaretten, Limonade, Stifte: Es dauert zehn Minuten, dann hat jeder, was er bestellt hat - und der Wärter sein Geld zurück, das er für die Gefangenen ausgelegt hatte.

"Die Verhaftungswelle macht die Gegner der Hamas mundtot"

Doch der legere Umgang kann nur kurz darüber hinwegtäuschen, dass die Insassen hier ein hartes Schicksal erleiden. 150 Häftlinge drängen sich zu je 20 in 40-Quadratmeter-Zellen: Mörder und Vergewaltiger, Kidnapper und Kollaborateure mit Israel. Die Zahl derjenigen, die wegen Spionage gefangen gehalten werden, wächst stetig. "In den vergangenen vier Monaten hat sich unsere Quote an Kollaborateuren auf 40 verdoppelt", sagt Suleiman. Gegen 13 von ihnen sei die Todesstrafe verhängt worden, auf sie warte der Galgen im Keller. Obwohl erst seit zwei Monaten in dem neuen Gebäude, hat Suleiman ihn bereits getestet: "Vor zwei Wochen haben wir zwei Mörder gehenkt."

Grund für den Zuwachs an Häftlingen, die für Geld oder Gefallen Informationen an Israel weitergeben, ist eine Anti-Spionage-Kampagne der Hamas. Sie begann im April mit zwei gefesselten Männern und einem Erschießungskommando. Die Exekution der beiden Sicherheitsleute, die nach einem Express-Prozess wegen Spionage hingerichtet wurden, wurde von einem Aufruf der Hamas begleitet: Deren Ermittler seien Israels Handlangern im Gaza-Streifen dicht auf den Fersen. Retten könne sich nur, wer sich stelle und an einem Amnestie-Programm teilnehme.

Dass die Hamas mit neuem Elan Jagd auf Verräter macht, liegt daran, dass sich der israelische Erfolg bei der Anwerbung von Spionen Woche für Woche manifestiert. Alle paar Tage kommen im Gaza-Streifen Hamas-Kämpfer und -Funktionäre durch israelische Luftangriffe ums Leben. Beobachter gehen davon aus, dass die für solche Angriffe nötigen Informationen nicht nur von elektronischer Überwachung geliefert werden, sondern auch von Zulieferern des israelischen Geheimdiensts im Gaza-Streifen stammen.

"Die Angst geht um"

Erwünschter Nebeneffekt ist die tiefe Verunsicherung, die seit Beginn der Kampagne im Gaza-Streifen um sich gegriffen hat. Die Verhaftungswelle mache die Gegner der Hamas mundtot, weil sie fürchten müssten, unter dem Vorwand der Spionage abgeholt zu werden, sagt ein Beobachter. "Die Angst geht um", bestätigt Hamdi Schakura vom Palästinensischen Zentrum für Menschenrechte. "Dass es keine Informationen über die Aktionen gibt, führt zu wilden Spekulationen."

Wie viele Kollaborateure seit Frühjahr von dem Amnestieangebot Gebrauch machten, ist unklar. Gefängnisdirektor Nasser Suleiman schätzt die Zahl auf mehrere Dutzend. Um sich vom sicheren Tod freizukaufen, hätten diese Männer Hunderte andere verpfiffen, so Suleiman. Dass die meisten noch nicht in seinem Gefängnis gelandet sind, liege daran, dass die wochenlangen Verhöre im Untersuchungsgefängnis des Gaza-Streifens geführt würden. "Bei uns wird nicht gefoltert, das erledigen die Ermittler drüben. Erst dann kommen die Männer zu uns", sagt Suleiman ganz offen.

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Geschichte Israels

Knackpunkte der Nahost-Gespräche
Sicherheit
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Israel betont, es werde keinen Palästinenserstaat geben, solange die Sicherheit des jüdischen Staates nicht garantiert sei. Obwohl es in den vergangenen Jahren kaum noch Selbstmordanschläge palästinensischer Terroristen gibt, fühlen sich die Israelis bedroht.

Die israelischen Grenzstädte werden immer wieder von Raketen der radikalislamischen Hamas beschossen. Schlagen diese Geschosse auf israelischer Seite ein, kommt es regelmäßig zu Vergeltungsschlägen auf palästinensischem Gebiet. Die Palästinenser machen ihrerseits Angriffe durch das israelische Militär geltend.

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Das 30 Quadratkilometer kleine Gebiet an der Grenze von Syrien, Libanon und Israel ist seit langem umstritten. Die Vereinten Nationen und die USA sind der Ansicht, dass das Territorium als Teil der Golanhöhen zu Syrien gehört. Der Libanon und Syrien haben ihre Ansprüche bislang nicht eindeutig formuliert und wollen den Grenzdisput nach einem israelischen Rückzug klären.
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Schon vor 20 Jahren wurde vor einem drohenden Nahost-Krieg um Wasserquellen gewarnt. Wegen des Bevölkerungswachstums und der oft rücksichtslosen Ausbeutung der Ressourcen werden die Süßwasservorräte immer knapper. Amnesty International wirft Israel vor, Palästinenser bei der Nutzung der gemeinsamen Ressourcen zu benachteiligen, was die Regierung zurückweist. Die Kontrolle des von Israel genutzten Wassers ist auch ein Streitpunkt im Ringen um die künftige israelisch-syrische Grenze auf den Golanhöhen.
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