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26. Juni 2006, 08:03 Uhr

Gaza-Streifen

Israel droht Palästinensern nach Soldaten-Entführung

Nach der Entführung eines israelischen Grenzsoldaten hat Ministerpräsident Ehud Olmert den Palästinensern mit schwerwiegenden Konsequenzen gedroht. Eine ägyptische Delegation versucht zu vermitteln.

Tel Aviv - Verteidigungsminister Amir Perez kündigte an, die Verantwortlichen würden einen "hohen Preis" bezahlen. Das israelische Sicherheitskabinett beschloss jedoch gestern Abend auf einer Dringlichkeitssitzung, von einer militärischen Antwort vorläufig Abstand zu nehmen, wie die Online-Ausgabe der Zeitung "Haaretz" berichtete. Zunächst solle der Armee Zeit gegeben werden, herauszufinden, wo sich der entführte Soldat befinde, der gestern bei einem Überraschungsangriff militanter Palästinenser im Grenzgebiet zum Gaza-Streifen verschleppt worden war.

Entführt: Soldat Gilad Schalit
REUTERS

Entführt: Soldat Gilad Schalit

Zwei andere Soldaten wurden bei dem heftigen Feuergefecht getötet, vier israelische Soldaten verletzt, wie der israelische Generalstabschef Dan Haluz bestätigte.  In drei Gruppen hatten die Palästinenser zwei Panzerfahrzeuge und einen israelischen Militärposten mit Panzerfäusten und Handgranaten attackiert. Die Angreifer waren durch einen mehrere hundert Meter langen Tunnel auf israelisches Gebiet gelangt. Es war der erste tödliche Angriff dieser Art seit dem israelischen Abzug aus dem Gaza-Streifen vor neun Monaten - und das erste Mal seit fast zwölf Jahren, dass militanten Palästinenser die Entführung eines israelischen Soldaten gelungen ist.

Der israelische Rundfunk meldete, eine ägyptische Delegation vermittle und habe den Entführten gesehen. Die Geisel, der 19-jährige Gilad Schalit, sei verletzt.

Nach dem Angriff am frühen Morgen waren israelische Truppen mit Panzern auf der Suche nach dem Verschleppten in den Gaza-Streifen vorgedrungen. Alle Übergänge wurden abgeriegelt. Zwei der acht palästinensischen Angreifer wurden bei dem blutigen Vorfall im Bereich des Grenzübergangs Kerem Schalom getötet. Zu der Tat bekannten sich drei militante Palästinensergruppen, darunter der militärische Arm der in den Palästinensergebieten regierenden radikal-islamischen Hamas-Organisation.

Olmert sprach von einem "schwerwiegenden Vorfall", für den man die palästinensische Autonomiebehörde verantwortlich mache. Palästinenserpräsident Mahmud Abbas verurteilte den Angriff und forderte von der regierenden Hamas die Freilassung des Soldaten. Abbas warnte, Israel werde sonst mit sehr harten Schlägen gegen die Palästinenser reagieren. Er appellierte gleichzeitig an die internationale Gemeinschaft, Israel von einer möglichen Großoffensive abzuhalten.

Ein Sprecher der Hamas-Bewegung sprach von einem "zu erwartenden Angriff angesichts der israelischen Besatzungsverbrechen". Die Hamas- Regierung rief die Entführer auf, den entführten Soldaten "am Leben zu lassen und gut zu behandeln". Kabinettssprecher Ghasi Hama sagte, seine Regierung habe keine Informationen über den Zustand des Entführten, bemühe sich aber "über zahlreiche Seiten um eine Lösung".

Die israelische Außenministerin Zipi Liwni telefonierte mit einer Reihe von hochrangigen ausländischen Politikern und bat sie darum, auf Abbas einzuwirken, damit er sich für die Freilassung des verschleppten Soldaten einsetze.

als/dpa

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