Gaza-Streifen Israel löscht Großfamilie aus - Hamas erklärt Waffenruhe für beendet

Bilder des Schreckens im Gaza-Streifen: Bei einem israelischen Angriff wurden 18 Familienmitglieder getötet. Premier Olmert hat das "tragische Ende" der Attacke bedauert. Die radikal-islamische Hamas ruft zu Attentaten in Israel auf und auch zu Angriffen auf US-Ziele.


Jerusalem/Gaza/Damaskus – Chaled Maschaal, politischer Führer der Hamas-Bewegung, erklärte in Damaskus die Waffenruhe mit Israel wegen des Angriffs der israelischen Armee auf ein Haus in Bet Hanun im Norden des Gaza-Streifens für beendet. Die radikal-islamische Bewegung forderte eine Wiederaufnahme von Selbstmordanschlägen in Israel. Der militärische Arm der Palästinenserorganisation rief gar zu Anschlägen auf US-Ziele im Nahen Osten auf.

Verzweiflung und Trauer in Gaza: 18 Mitglieder einer Familie wurden getötet
AP

Verzweiflung und Trauer in Gaza: 18 Mitglieder einer Familie wurden getötet

In einer in Gaza verbreiteten Erklärung wurden die USA beschuldigt, "politischen und logistischen Schutz für Verbrechen der zionistischen Besatzung" zu geben. "Erteilt dem amerikanischen Feind eine gnadenlose Lektion, die er nicht vergisst", hieß es in dem Aufruf.

Da half es auch nichts, dass Israels Regierungschef Ehud Olmert und Verteidigungsminister Amir Perez nach dem Tod von 18 Mitgliedern der Großfamilie al-Athamna – zehn Kinder, sieben Frauen und ein Mann – ihr Bedauern über den Militäreinsatz ausdrückten. Sie boten der Palästinenserführung "sofortige humanitäre und medizinische Unterstützung für die Verletzten" an. Bei dem Angriff wurden rund 60 Menschen verletzt. Der Verteidigungsminister hat Ermittlungen eingeleitet und angeordnet, dass die Armee ihren Beschuss im Gaza-Streifen solange einstelle, bis vollends aufgeklärt sei, wie der Einsatz zu diesem "tragischen Ende" kommen konnte.

Palästinenserpräsident Mahmud Abbas warf Israel vor, die Möglichkeiten für einen Frieden zu zerstören. "Ihr wollt überhaupt keinen Frieden", warf er den Israelis vor. "Ihr zerstört die Chancen für einen Frieden, und ihr müsst die Verantwortung dafür übernehmen." Die Palästinenser seien mit ihrer Geduld am Ende. "Wir müssen unsere Stimme erheben und der ganzen Welt sagen, den Vereinten Nationen und Europa, dass sie diese grausamen Taten untersuchen, die Israel begeht", sagte Abbas vor Journalisten in Gaza.

Höchste Alarmbereitschaft in Israel

Aus Furcht vor palästinensischen Anschlägen nach dem blutigen Angriff rief die Polizei in Israel die höchste Alarmbereitschaft im ganzen Land aus. Der israelische Online-Dienst "ynet" meldete, Polizeichef Mosche Karadi habe angeordnet, die Sicherheitsmaßnahmen an den Einfahrten großer Städte, an belebten Orten sowie in den Stadtzentren zu verschärfen. Auch an den Grenzübergängen und Ost-Jerusalem sei höchste Wachsamkeit der Sicherheitskräfte gefordert.

Am Ort des Angriffs bot sich ein Bild des Schreckens. Verkohlte Fragmente von Kleidern, eine Mädchenunterhose und abgerissene Körperteile lagen in einer Blutlache auf der Straße. Die Häuser dahinter weisen klaffende Löcher auf.

Akram al-Athamna, ein Verwandter der Toten, der im palästinensischen Polizeidienst steht, sagte, er sei im Morgengrauen von dem Knall einer explodierenden Granate geweckt worden. "Ich schaute hinaus und sah, wie aus dem 50 Meter entfernten Haus meines Onkels Saad Rauch herauskam." Offenbar sei das Obergeschoss getroffen worden. "Mein Bruder und ich liefen auf die Straße." Dort habe er etwa 15 Einschläge von Granaten gezählt. Viele Opfer seien Hausbewohner gewesen, die nach den ersten Explosionen ins Freie gelaufen seien.

"Alles war voller Blut"

"Die Granatsplitter trafen direkt die Menschen, die aus dem Haus eilten", sagt al-Athamna. "Alles war voller Blut. Ich sah, wie mein Nachbar Sacher Adwan zu seiner Schwester wollte und dabei getötet wurde."

Auf der anderen Seite der Straße lebt der 35-jährige Rahwi Hamad. Auch er wurde von der Explosion und dem Schreien der Anwohner geweckt. "Ich öffnete das Fenster und sah, wie eine Granate im Nachbarhaus einschlug. Als ich herauskam, hatte eine weitere Granate das Haus getroffen. Wir bargen verstümmelte Körper aus den Häusern. Wir sahen Beine, Hände, an die Wand geschleuderte Kopfteile, es war abscheulich. In der Luft hing der Geruch von Blut und verbranntem Fleisch." Vor den zerstörten Häusern sitzen am Vormittag überlebende Mitglieder der Familie und schluchzen still vor sich hin. Ein Mann taucht seinen Finger in eine Pfütze Blut ein und wischt sich damit über das Gesicht. "Gott möge uns rächen, Gott möge uns rächen", ruft er aus. Feuerwehrleute spritzen das Blut mit Wasser von der Straße, während Sanitäter Körperteile aus Gärten und Seitenstraßen bergen.

Das israelische Heer erklärt, Ziel des Artillerieangriffs sei nach einer ersten Untersuchung ein offenes Gelände gewesen, das von militanten Palästinensern zum Abschuss von Raketen genutzt worden sei.

Die EU-Kommission zeigte sich schockiert angesichts des Todes der Palästinenser. EU-Außenkommissarin Benita Ferrero-Waldner sagte in Brüssel: "Israel hat das Recht auf Selbstverteidigung, aber nicht um den Preis des Lebens Unschuldiger." Sie rief Israel und die Palästinenser auf, den Konflikt nicht weiter eskalieren zu lassen.

asc/AP/dpa/Reuters/AFP

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