Gaza-Streifen: Jugendliche sterben bei israelischen Angriffen

Im Grenzgebiet zwischen Israel und dem Gaza-Streifen eskaliert die Gewalt: Sieben Palästinenser kamen durch israelische Angriffe ums Leben - darunter offenbar drei Jugendliche. Die Regierung in Jerusalem bedauert den Vorfall, der militärische Flügel der Hamas kündigte Vergeltung an.

Trauer und Wut in den palästinensischen Gebieten: Sieben Menschen starben am Dienstag Zur Großansicht
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Trauer und Wut in den palästinensischen Gebieten: Sieben Menschen starben am Dienstag

Gaza - Bei mehreren Luft-, Panzer- und Artillerieangriffen der israelischen Armee im Gaza-Streifen sind am Dienstag nach Angaben von Augenzeugen und Rettungskräften mindestens sieben Palästinenser getötet und zahlreiche weitere zum Teil schwer verletzt worden.

Dabei wurden nach palästinensischen Angaben auch Kinder und Jugendliche getroffen. Drei Teenager starben, ein weiterer Jugendlicher schwebte in Lebensgefahr, sagte der Chef der Rettungsdienste in Gaza, Adham Abu Selmeya. Die Teenager hätten Fußball gespielt, als eine israelische Granate in einem nahe gelegenen Haus eingeschlagen sei, berichteten Anwohner. Auch ein 50-jähriger Mann sei unter den Toten. Am Abend seien drei weitere Palästinenser bei einem Luftschlag in Saitun südöstlich von Gaza getötet worden, teilte Selmeya weiter mit. Weitere 19 Menschen seien bei anderen Angriffen verletzt worden.

Der palästinensische Ministerpräsident Salam Fajad verurteilte die israelischen Angriffe scharf. Er verlangte eine "sofortige internationale Intervention, um Israel dazu zu zwingen, die Gewalt und die gefährliche Eskalation gegen unser Volk im Gaza-Streifen zu stoppen". Unbewaffnete Zivilisten müssten vor israelischen Angriffen geschützt werden.

In einer Spirale aus Gewalt und Gegengewalt feuerten militante Palästinenser eine selbst gebaute Kassam-Rakete sowie vier Mörsergranaten auf das israelische Grenzgebiet ab. Dort leben 10.000 Menschen. Bei den Angriffen wurde kein Israeli verletzt.

Israelische Armee begründet die Angriffe als Gegenwehr

Die israelische Armee bestätigte den Angriff, bei dem die Jugendlichen getötet wurden. Ein Armeesprecher begründete die Angriffe mit dem fortwährenden Granaten- und Raketenbeschuss aus dem Gaza-Streifen. Soldaten hätten in die Richtung geschossen, aus der unmittelbar zuvor militante Palästinenser vier Mörsergranaten auf das israelische Grenzgebiet abgefeuert hätten. Nach Angaben der israelischen Armee sind seit Jahresbeginn bereits mehr als 130 Granaten und Raketen aus dem Gaza-Streifen auf israelischem Gebiet eingeschlagen, allein über 60 in der zurückliegenden Woche.

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und sein Verteidigungsminister Ehud Barak haben den Tod der Zivilisten bedauert. In einer Erklärung von Netanjahus Büro hieß es, die "unschuldigen Zivilisten" seien "irrtümlich" getötet worden - "als Reaktion auf Schüsse der Hamas auf unschuldige israelische Bürger". Barak ergänzte im US-Fernsehsender MSBNC, die toten Palästinenser seien der "Preis", der für die täglichen "terroristischen" Angriffe auf Israel zu zahlen sei.

Die Armee warf der im Gaza-Streifen herrschenden radikal-islamische Hamas-Organisation vor, die Zivilbevölkerung als Schutzschild für Angriffe auf Israel auszunutzen. Ziel der Luftangriffe seien Tunnel, Werkstätten zur Waffenherstellung sowie mehrere Einrichtungen militanter Gruppen gewesen. Durch die Tunnel hätten Terroristen nach Israel geschleust werden sollen.

Militärische und politische Führung der Hamas im Gaza-Streifen reagierten unterschiedlich. Hamas-Sprecher Taher al-Nunu rief alle Gruppen auf, eine Waffenruhe einzuhalten. Der militärische Flügel kündigte hingegen an, auf jeden israelischen Angriff zu reagieren.

Bereits in der Nacht zum Dienstag hatte die israelische Luftwaffe Ziele in Gaza bombardiert. Darunter seien mehrere Schmugglertunnel sowie eine Polizeistation und Fabriken gewesen, sagte ein Armeesprecher. Nach palästinensischen Angaben gab es 17 Verletzte, unter ihnen zwei Frauen und sieben Kinder. Bewohner des Gaza-Streifens berichteten, sie hätten Anrufe des israelischen Militärs erhalten und seien aufgefordert worden, Einrichtungen der Hamas zu meiden. Kurz vor den Angriffen in der Nacht hatte sich die im Gaza-Streifen herrschende Hamas zu einer Waffenruhe bereiterklärt, sofern die israelische Armee ihre Angriffe beende.

Uno-Bericht: Lage im Gaza-Streifen hat sich kaum verbessert

In einem Uno-Bericht zur Lage im Gaza-Streifen heißt es: Angesichts der prekären Lage hätten Tausende von Palästinensern keine andere Wahl, als ihr Leben in Schmugglertunneln an der Grenze zu Ägypten zu riskieren. Die Ausreise aus dem Gazastreifen sei weiterhin nur in Ausnahmefällen möglich. Neun Monate nach der Lockerung der israelischen Blockade des Gaza-Streifens habe sich die humanitäre Lage im Gaza-Streifen nur unwesentlich verbessert.

Konsumgüter und einige Rohmaterialien seien zwar inzwischen leichter zu erwerben, hieß es in dem am Dienstag veröffentlichten Bericht des Uno-Amts für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA). Dies habe den privaten Sektor in begrenztem Maße wieder angekurbelt. Weiterhin bestehende Beschränkungen hätten jedoch eine echte Verbesserung der Lebenssituation der Bevölkerung von gut 1,5 Millionen Menschen in dem Küstenstreifen verhindert.

In der zweiten Jahreshälfte 2010 sei die Arbeitslosenquote um weniger als zwei Prozentpunkte von 39,3 auf 37,4 Prozent gesunken. Damit bleibe sie weiter eine der höchsten der Welt. Angesichts der andauernden Beschränkungen für die Einfuhr von Baumaterialien habe nur ein kleiner Teil von insgesamt 40.000 nötigen Wohneinheiten in dem Palästinensergebiet gebaut werden können, hieß es in dem OCHA-Bericht. Die Lockerung der Blockade sei zwar ein Schritt in die richtige Richtung. "Um eine echte Verbesserung der humanitären Lage zu erzielen, muss Israel die Blockade vollständig aufheben", forderte die Organisation jedoch.

Israel hatte erste Sanktionen 2006 verhängt, nachdem ein palästinensisches Kommando unter Führung der radikalislamischen Hamas den israelischen Soldaten Gilad Schalit in den Gaza-Streifen entführt hatte. Die Blockade wurde ein Jahr später verschärft, nachdem die Hamas dort gewaltsam die Kontrolle übernommen hatte. Ende Mai vergangenen Jahres hatte die israelische Marine bei der Stürmung des türkischen Hilfsschiffs "Mavi Marmara" neun Aktivisten getötet. Israel lockerte danach Mitte Juni 2010 die Blockade auf internationalen Druck. Warenlieferungen an den Grenzübergängen werden jedoch nach wie vor streng überwacht.

lgr/dpa/AFP

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 60 Beiträge
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1. Jugendliche sterben auch bei Luftangriffen in Libyen
firem 22.03.2011
Nur darüber berichtet hier im Westen keine Zeitung und kein Sender. Weil es ja die Guten sind, die killen. Also W I R.
2. Alles nur Meinungsmache?
sturz_der_wirklichkeit 22.03.2011
Vorgeschichte (der Vollständigkeit halber)hier: http://www.foxnews.com/world/2011/03/20/israeli-military-rocket-gaza-hits-israel/ http://www.jpost.com/Defense/Article.aspx?id=213071
3. Unterschied
Dutzi 22.03.2011
Wenn die Hamas Raketen auf Isrtael abfeuert, keine Kommentare. Wenn Israel antwortet, Riesengeschrei aller Friedliebenden.
4. Muss das sein?
oeco 23.03.2011
Der Titel suggeriert einen grundlosen Angriff durch Israelis. Warum muss SPON das so darstellen? Erst in der Mitte des Artikel wird auch der Grund des Angriffs beschrieben: Raketenbeschuss durch die Hamas. Wahrscheinlich hat auch das wieder einen Auslöser gehabt, die Gewaltspirale im Nahen Osten ist ja nichts Neues. Aber es ist einem Medium wie diesem doch unwürdig, die Israelis als die Aggressoren, die Bösen und die Palästinenser als die Guten darzustellen.
5. Die Angriffe kamen nicht aus heiterem Himmel!
atherom 23.03.2011
Zitat von sysopIm Grenzgebiet zwischen Israel und dem Gaza-Streifen eskaliert die Gewalt: Sieben Palästinenser kamen durch israelische Angriffe ums Leben - darunter offenbar drei Jugendliche. Die Regierung in Jerusalem bedauert den Vorfall, der militärische Flügel der Hamas kündigte Vergeltung an. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,752609,00.html
Vor 2 Tagen sind innerhalb kurzer Zeit 50 Granaten aus Gaza nach Israel abgeschossen worden. Die israelische Familie, die in Westbank geschlachtet wurde (bekannterweise war ein 3 monatiger Säugling dabei) musste im Jahre 2007 Gaza verlassen, weil Israel dachte, durch einseitigen Rückzug aus Gaza, einen Schritt Richtung Frieden zu tun. Ich bitte dies, bei den zu erwarteten Verurteilungen Israels durch die Leser, zu bedenken
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AFP
Nahost-Konflikt: Das Ringen um Frieden

Fläche: 22.072 km²

Bevölkerung: 7,837 Mio.

Regierungssitz: Jerusalem

Staatsoberhaupt:
Reuven Rivlin

Regierungschef: Benjamin Netanjahu

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Knackpunkte der Nahost-Gespräche
Sicherheit
Israel betont, es werde keinen Palästinenserstaat geben, solange die Sicherheit des jüdischen Staates nicht garantiert sei. Obwohl es in den vergangenen Jahren kaum noch Selbstmordanschläge palästinensischer Terroristen gibt, fühlen sich die Israelis bedroht.

Die israelischen Grenzstädte werden immer wieder von Raketen der radikalislamischen Hamas beschossen. Schlagen diese Geschosse auf israelischer Seite ein, kommt es regelmäßig zu Vergeltungsschlägen auf palästinensischem Gebiet. Die Palästinenser machen ihrerseits Angriffe durch das israelische Militär geltend.

Flüchtlinge
Als Folge der Kriege 1948/49 und 1967 gibt es in den palästinensischen Gebieten und Israels Nachbarländern 4,8 Millionen registrierte palästinensische Flüchtlinge und ihre Nachkommen.

Die Flüchtlinge beharren auf das Recht, in ihre Heimat im heutigen Israel zurückkehren zu dürfen, Israel verneint dieses Recht und will den Verzicht auf eine Rückkehr in einem Friedensvertrag festschreiben.

Grenzen
Nach dem Willen der Palästinenser soll ihr Staat die 1967 von Israel besetzten Gebiete Westjordanland, Gaza und Ost-Jerusalem umfassen. Israel beansprucht jedoch Teile dieses Territoriums – entgegen internationalem Recht – für sich. Israel hatte den Gaza-Streifen 2005 zwar geräumt, sein Embargo seit der Machtübernahme der Hamas 2007 aber verschärft.

Israel will zudem an Teilen des Westjordanlands festhalten. Dort gibt es rund 120 jüdische Siedlungen mit etwa 300.000 Israelis. In Ost-Jerusalem leben nach Angaben israelischer Menschenrechtler weitere 200.000. Nach internationalem Recht sind diese Siedlungen auf besetztem palästinensischen Gebiet illegal und müssen geräumt werden.

Jerusalem
Der künftige Status der Stadt mit heiligen Stätten von Juden, Muslimen und Christen ist besonders umstritten. Israel beharrt auf dem ungeteilten Jerusalem als Hauptstadt. Die Palästinenser beanspruchen den Ostteil als Hauptstadt ihres künftigen Staates. Im Jahr 2000 scheiterte der Nahost-Gipfel an der Jerusalemfrage.
Golan
Syrien dringt darauf, dass die 1967 besetzten Golanhöhen im Rahmen einer Friedenslösung zurückgegeben werden. Von der 1150 Quadratkilometer großen Hochebene hat Israels Armee einen guten Blick nach Syrien und in den Libanon. Umgekehrt könnten die Syrer vom Golan aus große Teile Israels überwachen. Heute leben in dem Gebiet neben rund 20.000 Syrern auch etwa 20.000 jüdische Einwohner.
Scheba-Farmen
Das 30 Quadratkilometer kleine Gebiet an der Grenze von Syrien, Libanon und Israel ist seit langem umstritten. Die Vereinten Nationen und die USA sind der Ansicht, dass das Territorium als Teil der Golanhöhen zu Syrien gehört. Der Libanon und Syrien haben ihre Ansprüche bislang nicht eindeutig formuliert und wollen den Grenzdisput nach einem israelischen Rückzug klären.
Wasser
Schon vor 20 Jahren wurde vor einem drohenden Nahost-Krieg um Wasserquellen gewarnt. Wegen des Bevölkerungswachstums und der oft rücksichtslosen Ausbeutung der Ressourcen werden die Süßwasservorräte immer knapper. Amnesty International wirft Israel vor, Palästinenser bei der Nutzung der gemeinsamen Ressourcen zu benachteiligen, was die Regierung zurückweist. Die Kontrolle des von Israel genutzten Wassers ist auch ein Streitpunkt im Ringen um die künftige israelisch-syrische Grenze auf den Golanhöhen.