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Gaza-Streifen: Massenflucht aus dem Flüchtlingslager

Panzer haben die Zugänge abgesperrt. Dutzende Häuser wurden abgerissen. Viele Bewohner des palästinensischen Flüchtlingslagers Rafah verlassen die Stadt aus Furcht vor einer Großoffensive. In Berlin verhandelt derweil US-Sicherheitsberaterin Rice mit dem palästinensischen Ministerpräsidenten Kurei über den festgefahrenen Nahost-Friedensprozess.



Hunderte Bewohner von Rafah begeben sich auf die Flucht vor der israelischen Armee
AP

Hunderte Bewohner von Rafah begeben sich auf die Flucht vor der israelischen Armee

Rafah - Sie laden ihre Habseligkeiten auf Lastwagen und Eselskarren und suchen das Weite. Hunderte Bewohner von Rafah fliehen vor der israelischen Armee, nachdem Panzer die einzigen Zufahrtsstraße in die Stadt abgesperrt haben. Die Furcht ist groß, hatte die israelische Armee bereits Ende vergangener Woche drei Dutzend Gebäude in der Gegend niedergerissen. Der Oberste Gerichtshof Israels hatte am Sonntag den Abriss von palästinensischen Häusern für rechtmäßig erklärt, wenn damit das Leben israelischer Soldaten geschützt werden könne. Seit dem Bekanntwerden des Urteils sind nach Angaben palästinensischer Kommunalbeamter bereits 2000 Einwohner des 90.000-Menschen-Flüchtlingslagers geflohen.

Der israelische Ministerpräsident Ariel Scharon hat der Offensive zugestimmt. Zugleich bekräftigte er jedoch, dass er weiter einen vollständigen Abzug aus dem Gaza-Streifen anstrebe. Das Heer will eine neun Kilometer lange Militärstraße an der ägyptischen Grenze auf bis zu 250 Meter verbreitern, um Waffenschmuggel zu verhindern. Zurzeit ist die Patrouillenstraße stellenweise nur bis zu 200 Meter breit.

Für den Erweiterungsplan müssten Hunderte weitere palästinensische Häuser abgerissen werden. Seit Beginn des gewaltsamen Konflikts vor vier Jahren wurden in Rafah fast 2000 Häuser abgerissen und mehr als 11.000 Einwohner obdachlos gemacht.

Israelische Panzer haben Rafah vom übrigen Gaza-Streifen abgeschnitten
AP

Israelische Panzer haben Rafah vom übrigen Gaza-Streifen abgeschnitten

Der Sprecher der Uno-Hilfsorganisation UNRWA, Paul McCann, sagte, dass Notaufnahmelager in Zelten und Schulen für rund 2000 Menschen vorbereitet würden. Am Wochenende füllten sich 400 Zelte mit den durch die bisherigen Abrissaktionen obdachlos gewordenen Menschen.

Am Sonntagabend waren im Gaza-Streifen drei Palästinenser erschossen worden, die nach Militärangaben bei einem Kibbuz Bomben legen wollten. Einem Militärsprecher zufolge stießen die Soldaten in der Nähe von Nahal Os auf mehrere Verdächtige und eröffneten das Feuer. Daraufhin sei es zu einer riesigen Explosion gekommen. Diese sei offensichtlich von Sprengstoff ausgelöst worden, den die Palästinenser mit sich geführt hätten. Palästinensische Sicherheitsbeamte erklärten, sie hätten in der Gegend die Detonation von Panzergranaten gehört.

Auch südlich von Hebron im Westjordanland stießen israelische Soldaten am Sonntagabend mit bewaffneten Palästinensern zusammen. Nach Militärangaben wurde dabei ein Palästinenser getötet.

Rice trifft Kurei

In Berlin ist die amerikanische Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice mit dem palästinensischen Ministerpräsidenten Ahmed Kurei zusammengetroffen. Das Treffen sollte dazu dienen, den festgefahrenen Nahost-Friedensprozess wieder in Gang zu bringen. Auch müht sich Washington dem Eindruck entgegenzutreten, die USA nähmen einseitig Partei für Israel.

Rice hatte am Sonntagabend in der ARD bereits die Haltung ihrer Regierung zu Gunsten einer Zweistaatenlösung in Nahost bekräftigt. Die USA seien zur Hilfe beim Aufbau eines Palästinenserstaates bereit, wenn jetzt mit dem Aufbau von arbeitsfähigen Staatsinstitutionen begonnen werde. Der palästinensische Ministerpräsident müsse mit ausreichenden Machtbefugnissen ausgestattet werden, um die Sicherheitsdienste im Kampf gegen den Terrorismus einsetzen zu können.

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