Gaza-Streifen Panzergranaten wie Regentropfen

Als Vergeltung für palästinensische Qassam-Raketen wird der Gaza-Streifen seit Wochen mit Artillerie beschossen. Seit Mitte März erhalten die Angestellten der Autonomiebehörde zudem keinen Lohn mehr. Die humanitäre Lage spitzt sich dramatisch zu.

Von Karin Wenger, Gaza


Gaza - In Salah Salims Wohnung stinkt es nach Urin. Gestank der Angst. Wieder ein Raketenabschuss, wie entferntes Donnergrollen. Man sieht die Panzer von Salims Wohnung an der Peripherie von Beit Hanun im Norden des Gazastreifens nicht. Aber kein Zweifel, sie sind dort, schießen Rakete um Rakete, manchmal im Minutentakt, kaum genug Zeit, um sich auf den nächsten Einschlag vorzubereiten.

Salims drei kleine Kinder klammern sich mit einer Hand an den Rollstuhl ihres Vaters, die andere Hand auf das Ohr gepresst, dann der Einschlag, gewaltig, so dass das Haus zittert. Salah fährt seinen Rollstuhl an die Wohnungstür, öffnet sie einen Spalt und zeigt auf die Staubwolke, die über dem Einschlagskrater, fünfzig Meter entfernt, in den Himmel stiebt. Schnell schließt er die Tür wieder. Gefährlich wird’s erst jetzt, Sekunden nach dem Einschlag, wenn Tausende von messerscharfen Metallteilchen wie Regentropfen auf die Dächer der Häuser, gegen die Wände, auf die Strassen, auf die Menschen prasseln. Salah sagt: "Tag und Nacht die Raketen. Wie sollen wir so noch schlafen?" Die Mädchen bleiben stumm, die Augen leer. Eines zupft an seinem Hosenbein, das sich dunkel verfärbt. Es hat sich in die Hose gepinkelt.

Der Raketenhagel ist Teil der israelischen Reaktion auf den Beschuss Israels mit palästinensischen Qassam-Raketen. Zwischen dem 28. März und dem 22. April wurden 126 dieser selbstgemachten Raketen von palästinensischen Milizen abgefeuert. Die israelische Armee reagierte mit 4150 Panzergeschossen und 36 Luftangriffen. In dieser Zeit wurden im Gaza-Streifen laut dem Office for Coordination of Humanitarian Affairs (OCHA) 21 Palästinenser, unter ihnen auch drei Kinder, von den israelischen Geschossen getötet und 54 Palästinenser und 14 Kinder verletzt. Nach israelischen Militärangaben wurden seit Anfang des Jahres drei Israeli von palästinensischen Raketen leicht verletzt. Eine Armeesprecherin sagt: "Es ist mir nicht bekannt, dass jemand von unseren Panzergeschossen verletzt wurde. Wir zielen auf nicht bewohntes Gebiet und dorthin, von wo die palästinensischen Raketen abgefeuert werden. Wir haben die Leute gewarnt, dass sie das Gebiet verlassen sollen."

Salah sagt, ja, die Israelis hätten die Bewohner gewarnt. Aus Flugzeugen haben sie Tausende von rosaroten und weißen Zetteln abgeworfen, auf denen stand, dass sich die Bewohner dieses Gebiets in Gefahr befänden. Doch Salah weiß nicht wo er hin gehen sollte. In der ersten Intifada wurde er von israelischen Soldaten angeschossen und ist seither querschnittgelähmt. Man kann nie schnell genug in Sicherheit sein. Aber auch wenn er noch gehen könnte, wo sollte er hin? "Die glauben wohl, wir hätten soviel Geld, dass wir Zweit- und Drittwohnungen haben", schnaubt Salah grimmig.

Es sind kriegsähnliche Zustände, die im Gaza-Streifen herrschen. Und sie verstärken die ohnehin schon dramatische Lage. Denn in den Palästinensischen Gebieten sind die Islamisten von der Hamas an der Macht, die von der Vernichtung Israels träumen. Westliche Geldgeber haben die Zahlungen an die Palästinenser deshalb eingeschränkt oder eingestellt. Jetzt droht in den Palästinensischen Gebieten eine humanitäre Katastrophe. Ihre Vorboten sind in Gaza zu beobachten.Und Salah ist doppelt betroffen.

165.000 Menschen ohne Lohn

Denn seit seinem Unfall arbeitet Salah nicht mehr. Er erhielt eine kleine Rente von der Autonomiebehörde von 300 Schekel im Monat, zirka 80 Euro. Damit ernährte er seine vier Kinder, seine Frau und sich selbst. Doch das ist jetzt schweieriger geworden. Denn seit dem Antritt der Hamas-Regierung haben die Europäische Union, die USA und andere Spender ihre Gelder für die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) gestoppt. Seit März sind die 165.000 Angestellten der PA im Westjordanland und Gaza-Streifen ohne Lohn. Betroffen sind nicht nur die Angestellten, sondern auch ihre Familien, ihre Verwandten. Insgesamt ist ein Viertel der Palästinenser von PA-Gehältern abhängig.

Wer arm war, wird mit dem Ausbleiben der Gehälter noch ärmer. Die Menschen verkaufen, was sie verkaufen können. Zum Beispiel die Splitter der Panzergeschosse: Für eine 47 Kilogramm schwere, nicht explodierte Panzerrakete, zahlen die Altmetallhändler 15 Schekel, drei Euro. Auch Salahs Ersparnisse sind aufgebraucht, das Brautgold seiner Frau verkauft. Milch, Brot, Reis, Zucker kauft er auf Kredit im. Dass das nicht mehr lange so gehen kann, weiß er selbst.

Keine Krebsmedikamente mehr

In unmittelbarer Nachbarschaft zu Salahs schäbiger Wohnsiedlung liegt das Balsam-Krankenhaus. Fares Chahine, in einen Arztkittel gekleidet, hält den Finger seines Patienten demonstrativ hoch. Asis al-Nadi, ein 16-jähriger Junge aus dem Jabalia-Flüchtlingslager, stöhnt leise auf dem alten Bett im notdürftig eingerichteten Operationssaal. Asis hatte vor wenigen Minuten, kurz nachdem ein Panzergeschoss im Feld nebenan einschlug, die Schule verlassen. Jetzt hängt sein kleiner Finger als loses Fleischstück herunter, der Knochen weiß und glänzend. "Wahrscheinlich wird er den Finger verlieren ", attestiert der Arzt und greift zu Nadel und Faden, um anzunähen, was noch möglich ist. Jeden Tag nähen die Ärzte des Balsam-Spitals Wunden, die von Panzergranaten gerissen werden, zusammen. "Es ist immer dasselbe: Der Einschlag tötet meist niemanden, aber die Splitter, die werden überall hin geschleudert."

Jeden Tag die Verletzten - er wisse bald nicht mehr, wie sie zu versorgen seien, klagt der Arzt. Das Balsam Spital ist nicht das einzige, in dem es an Medikamenten mangelt. Im ganzen Gaza-Streifen fehlen Medikamente; Anästhesie-, Krebsmittel, Diabetesmedikamente, Verbandsmaterial. Zum Teil stecken die Mittel am Karni-Checkpoint fest und werden nicht eingelassen. Die Organisation "Physicians for Human Rights" spricht vom Kollaps des palästinensischen Gesundheitssystems aufgrund der ausbleibenden Hilfsgelder. Eine humanitäre Krise stehe bevor. Im Gaza-Streifen haben die Krebspatienten seit einem Monat keine Chemotherapie mehr erhalten. Mindestens vier Personen seien aufgrund des Medikamentenmangels gestorben.

Prügeleien um Mehl

"Vor einem Monat gingen die Leute noch in die staatlichen Krankenhäuser, heute kommen sie zu uns, weil sie bei uns nicht bezahlen müssen. Aber auch wir haben keine Krebsmittel ", sagt Christer Nurdahl, stellvertretender Direktor der United Nations Relief and Works Agency (UNWRA) in Gaza. Die UNWRA verteilt an 135.000 Flüchtlinge im Gaza-Streifen Nahrungsmittel, führt Kliniken und Schulen. Mehr als ein Drittel der Bevölkerung Gazas, über eine halbe Million Personen, wird von der UNWRA und dem "World Food Programm" mit Nahrungsmittel unterstützt.

An der Strasse Richtung Jabalia-Flüchtlingslager, steht ein weißes Gebäude, auf dem in blauen Lettern steht: UNWRA und "World Food Program". Eselkarren, Fahrräder und Männer, mit mehlweißen Gesichtern und Hemden drängeln sich gierig vor dem Gitter, das die Lagerhalle, in der sich stapelweise Mehlsäcke türmen, vor dem Ansturm der Menge schützt. Vor dem Eingangstor bricht eine Schlägerei um die Nahrungsmittel aus. Ein alter Mann aus dem Jabalia-Flüchtlingslager hat seinen Schein am Eingang abgegeben, sich einen 50-Kilo-Sack Mehl auf die Schulter gestemmt, einen Plastiksack mit fünf Kilo Zucker und einen mit fünf Kilo Reis unter den Arm geklemmt und dann die ganze Last auf seinen Eselkarren geladen. Wenn er spricht dann schreit er, seine Worte, sie klingen wie Hilferufe: "Ich habe dreizehn Kinder. Das Mehl, der Zucker, der Reis, das reicht für zwei Wochen. Nahrungsmittel erhalten wir jedoch nur alle drei Monate. " Dann verstummt er im Lärm der Männer, die sich um den Eselkarren scharen, die Anzahl ihrer Kinder brüllen und die Frage: "Wie sollen wir sie ernähren?"

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