Gaza-Streifen: Schluss mit lustig in Hamastan
Die Hamas regiert den Gaza-Streifen mit harter Hand - und verdirbt den Menschen noch das kleinste bisschen Freude. Weil Frauen und Männer sich dort zu nahe gekommen sein sollen, ließen die Islamisten ein Spaßbad abfackeln. Damit legen sie sich erstmals mit der palästinensischen High Society an.
Der "Crazy Water Park" ein paar Kilometer südlich von Gaza-Stadt ist an diesem Morgen ein stiller Ort: Keine Kinder, die in den flachen Baby-Becken plantschen, keine Männer, die jauchzend von den Rutschen in den tiefen Pool plumpsen. Auch die Ehefrauen und Mütter, die sonst plaudernd und vollständig bekleidet unter den Sonnenschirmen saßen und den Wasserspielen ihrer Kinder und Männer zusahen, fehlen.
Das einzige Spaßbad des Gaza-Streifens ist seit Ende September geschlossen. Dafür sind etwa 30 Hamas-Männer verantwortlich. Sie tauchten um drei Uhr morgens auf, fesselten die zehn Nachtwächter des erst im Frühjahr eröffneten Wasserparks und machten sich mit Bezinkanistern und Feuerzeugen ans Werk.
Das Café, das Gebäude für die Schwimmbadtechnik, vor allem aber der Kiosk, an dem die Wasserpfeifen für die Gäste präpariert wurden, gingen in Flammen auf: Schon zwei Mal war der "Crazy Water Park" verwarnt worden, weil auf seinem Gelände - Skandal! - einige modern gesinnte Frauen öffentlich Schischa rauchten. Als das zum dritten Mal das Missfallen der über den Gaza-Streifen herrschenden Hamas erregte, gab einer ihrer Funktionäre Anweisung, härter durchzugreifen. Die Flammen, die aus den Gebäuden schlugen, waren noch in Gaza-Stadt zu sehen.
Angebliche Anfass-Spielchen
"Eineinhalb Millionen Dollar in Rauch aufgegangen", sagt Alladin Mohammed al-Aradsch und lässt einen traurigen Blick über leere Pools, einen ausgebrannten Rasenmäher, verkohlte Stuhlgerippe wandern. Der Geschäftsmann hatte sie mit Freunden zusammen aufgebracht, um den Oberen Zehntausend im Gaza-Streifen das zu geben, wonach alle in dem Küstengebiet eingeschlossenen Palästinenser gieren: Ein bisschen Abwechslung, etwas Vergnügen.
Der Wasserpark etwa veranstaltete Partys, bei denen Ehepaare Quizfragen beantworten mussten. Hamas-Männer bekamen Wind davon und sponnen die Legende, bei den Gesellschaftsspielen hätten Frauen ihre Männer unter mehreren Kandidaten ertasten müssen - im prüden Gaza-Streifen unerhört. Zusammen mit den Wasserpfeifen für weibliche Kunden waren die angeblichen Anfass-Spielchen Grund genug, die Lokalität per Brandanschlag zu schließen.
Der "Crazy Water Park" war teuer, exklusiv und nur für die Elite bestimmt. Umso erstaunlicher, dass die Hamas ihn zu einem Ziel ihrer Sittsamkeitskampagne gemacht hat: Bislang hatten die Islamisten die harmlosen Eskapaden der Oberschicht stillschweigend geduldet. Die Schonzeit sei jetzt vorbei, sagt Aradsch. "Der Reitclub nebenan musste drei Tage schließen, weil dort Männer und Frauen zusammensaßen." Dem direkt am Strand gelegenen Fischrestaurant "Gaza Sky" sowie dem "Beach Hotel" seien drei Tage Zwangspause aufgebrummt worden: Auch dort hatten Frauen Wasserpfeife geraucht.
"Die Extremisten drängen in die Führungspositionen"
Aradsch ist verwundert, dass die Hamas ausgerechnet an seinem Freizeitclub ein Exempel ihrer neuen harten Linie statuierte. Immerhin diente er von 2006 bis 2007 selbst als Wirtschaftsminister in der Hamas-Regierung. Zwar ist er kein Parteimitglied, sondern war als Unabhängiger auf den Posten berufen worden, aber seine Verbindung zu den Herrschern über Gaza war immer eng. "Ich dachte, ich bin einer der wenigen Menschen in Gaza, mit dem alle gut können." Dass er oder zumindest sein Spaßbad nun in Ungnade gefallen ist, liege daran, dass die Hardliner sich innerhalb der Regierung zunehmend Macht verschafften, sagt er.
"Unglücklicherweise ist es wie bei jeder Revolution", sagt Aradsch. "Die Extremisten drängen in die Führungspositionen." Schon seit Monaten macht im Gaza-Streifen das Wort von den "Erdoganis" und den "Talibanis" die Runde: Die Hamas habe sich intern in zwei Lager aufgespalten, heißt es in den Wohnzimmern und Cafés, in denen sich politisch Interessierte austauschen. Die gemäßigte Fraktion folge den moderaten Ideen des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan, wolle ein demokratisches System mit nur leichten islamischen Anklägen. Die Hardliner hingegen nähmen sich die afghanischen Taliban zum Vorbild und träumten vom Gottesstaat. "Es gibt einen deutlichen Disput in den Reihen der Hamas", so Aradsch.
- 1. Teil: Schluss mit lustig in Hamastan
- 2. Teil: Todesdrohungen gegen Wachmänner
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- Montag, 08.11.2010 – 08:40 Uhr
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1948 Gründung des Staates Israel
1947-49 Palästina-Krieg/Israelischer Unabhängigkeitskrieg
1956 Suezkrise/Sinai-Feldzug
1967 Sechs-Tage-Krieg
1973 Jom-Kippur-Krieg
1978 Camp-David-Friedensabkommen
1982 Erster Libanon-Krieg
1987-1993 Erste Intifada
1993-1995 Oslo-Friedensprozess
2000-2005 Zweite Intifada
2005 Scharon-Plan
2006 Libanon-Feldzug
2008/09 Gaza-Krieg
Im Bild oben: Israelische Soldaten rücken am 5. Juni 1967 nach Rafah im Gaza-Streifen vor.
Dezember 1987: Zusammenstöße im Flüchtlingslager Dschabalija lösen einen palästinensischen Aufstand aus, der bis 1993 andauert. Mehr als 2000 Palästinenser und 192 Israelis kommen ums Leben. Zu Beginn des Aufstands gründet sich die Hamas.
September 2005: Israel zieht seine Truppen ab, und auch 8500 jüdische Siedler müssen den Gaza-Streifen verlassen. Israel behält jedoch die Kontrolle über den Luftraum, die Küstengewässer und die Grenzübergänge. Die Palästinenser und einige israelische Juristen erklären daher, dass Israel noch immer Besetzer des Gaza-Streifens ist.
Juni 2007: Im Juni übernimmt die Hamas gewaltsam von der Fatah die Kontrolle über den Gaza-Streifen.
Juni 2008: Israel und die Hamas vereinbaren eine Waffenruhe. Danach sollen die Raketenangriffe auf Südisrael eingestellt werden, während Israel seine Offensiven gegen die Hamas und ihre Führungsmitglieder stoppt.
November 2008: Nach einem israelischen Eindringen in den Gaza-Streifen feuern die Palästinenser wieder Raketen auf Israel ab.
19. Dezember 2008: Die Hamas erklärt die Waffenruhe offiziell für beendet.
Im Bild unten: Löscharbeiten in Gaza-Stadt am 28. Dezember 2008
Die Organisation fordert die Vernichtung Israels und die gewaltsame Errichtung eines Staates Palästina vom Jordan bis zum Mittelmeer. In ihrer Charta von 1988 bezeichnet die Hamas den Heiligen Krieg als einzigen Weg zur Schaffung dieses Staates.
Gespräche mit Israel und internationale Konferenzen werden dort abgelehnt. Ausdrücklich wird in der Charta dazu aufgerufen, Juden zu bekämpfen und zu töten.
Wo herrscht die Hamas?
Im Januar 2006 gewann die Bewegung mit ihrem Führer Ismail Hanija die Wahlen in den palästinensischen Autonomiegebieten. In einem blutigen Machtkampf vertrieb die Hamas Mitte 2007 die Fatah von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas aus dem Gaza-Streifen. Israel erklärte Gaza daraufhin zum "feindlichen Gebiet".
Wann ist die Hamas entstanden?
Der Ableger der ägyptischen Muslimbruderschaft entstand unter Führung von Scheich Ahmed Jassin kurz nach Beginn der ersten Intifada 1987. Die islamistische Palästinenserorganisation "Bewegung des islamischen Widerstandes" (Hamas) trat zunächst vor allem als Wohlfahrtsorganisation auf. Ihr soziales Netz mit Schulen, Suppenküchen und Arbeitsvermittlungen sorgte für hohes Ansehen in der verarmten palästinensischen Bevölkerung.
Wer kämpft für die Hamas?
Für den Kampf gegen Israel hat die Hamas mit den "Issedin al-Kassam-Brigaden" einen bewaffneten Arm, dem nach palästinensischen Schätzungen bis zu 30.000 Mann angehören. Der deutsche Verfassungsschutz und die Vereinten Nationen stufen diese Miliz (Bild) als terroristische Vereinigung ein. Von der Hamas in Gaza mit Geld und Waffen unterstützt werden die Volkswiderstandskomitees (PRC) mit deren militärischem Arm "Saladin-Brigaden". Den Komitees werden viele Bombenanschläge angelastet.
Das Raketenwerfersystem "BM-21 Grad" wurde in den sechziger Jahren in der Sowjetunion entwickelt. Die Abkürzung "BM" steht für "Kampffahrzeug", "Grad" ist das russische Wort für Hagel. Bei der Grundversion werden bis zu 40 gebündelte Rohre auf einem Lastwagen montiert. Das System kann alle Raketen innerhalb von 20 Sekunden verschießen. "BM 21" mit einem Kaliber von 100 bis 152 Millimetern ist der weltweit meistverbreitete Raketenwerfer. Die Armeen von mehr als 50 Staaten haben das Artillerie-System mit Grad-Raketen in ihren Arsenalen.
Ägypten, China, Irak, Iran und weitere Länder bauen Werfer und Raketen des sowjetischen Typs in Lizenz. "BM-21" wurde zur Grundlage für andere Raketenwerfer. Für Guerilla-Einheiten ist die mobile Version "Grad-P" bestimmt, bei der ein einzelnes Raketenrohr auf einem Dreibein steht. Die in Ägypten hergestellten Versionen von "BM- 21"-Raketen werden "Sakr-18" und "Sakr-36" genannt. Sie haben eine Reichweite von 18 beziehungsweise etwa 36 Kilometern.
- Fotostrecke: Mit Flammen gegen das Vergnügen
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