Gaza-Streifen Warten auf den großen Sturm

Der einzige Grenzübergang zwischen Israel und dem Gaza-Streifen ist dicht. Journalisten können nicht hinein, Flüchtende nicht hinaus. In Gaza sind die Kämpfe inzwischen abgeflaut - doch viele Bewohner fürchten, dass die Ruhe nur von kurzer Dauer sein wird.

Vom Erez-Checkpoint berichtet Ulrike Putz


Erez-Checkpoint/Israel - Es ist ein Terminal, der einem internationalen Großflughafen gut zu Gesicht stehen würde. Abfertigungshallen, die Tausende fassen, ergänzt durch Sicherheitsvorkehrungen aus einem Science-Fiction-Film.

Israelischer Panzer vor dem Gaza-Streifen: "Die Leute hoffen, dass das nun aufhören wird"
DPA

Israelischer Panzer vor dem Gaza-Streifen: "Die Leute hoffen, dass das nun aufhören wird"

Doch der Grenzübergang Erez zwischen Israel und dem Gaza-Streifen ist seit Beginn der Kämpfe zwischen den militärischen Flügeln der verfeindeten Palästinenserparteien verwaist. Ab und an dreht eine israelische Militärpatrouille im Panzerwagen ihre Runde über den Parkplatz, über den Wachtürmen schwebt der weiße Minizeppelin, mit dem Israel schaut und horcht, was sich auf der anderen Seite tut. Einige hierher bestellte Taxifahrer sitzen im Schatten und warten, dass ihre palästinensischen Kunden irgendwann, vielleicht sogar heute noch, über die Grenze dürfen.

Eine unwirkliche, fast schon friedliche Szene, wäre da nicht der Botschafter Mexikos in Israel. Der Diplomat ist vorgefahren, um eine palästinensische Familie mit mexikanischem Pass aus dem Gaza-Streifen zu evakuieren. Seit einer Stunde spricht er immer lauter werdend in sein Handy, und was er zwischendurch berichtet, lässt nichts Gutes ahnen: "Unsere Familie ist immerhin schon im Terminal-Gebäude, aber draußen sollen noch Hunderte verzweifelt darauf warten, aus Gaza herauszukommen", berichtet er.

Die etwa tausend Wartenden seien fast auschließlich Männer, Fatah-Anhänger, die am Erez-Checkpoint darauf warteten, aus dem von der islamistischen Hamas kontrollierten Gaza-Streifen fliehen zu können, sagt Safuat al-Khalut. Es seien Militante, die in die Kämpfe verwickelt gewesen seien und der von der Hamas ausgesprochenen Amnestie nicht trauten, erzählt der palästinensische Journalist am Telefon. Bislang habe die Hamas die Wartenden in Ruhe gelassen. Berichte, wonach es am Samstag Schießereien auf palästinensischer Seite des Checkpoints gegeben habe, seien falsch.

Lage hat sich entschärft

Es ist in diesem Tagen schwierig, eine akkurate Einschätzungen der Lage in Gaza zu bekommen: Israel lässt keine ausländischen Medienvertreter in den abgeschotteten Landstrich hinein. Und so bleiben nur das Telefon und die Augenzeugenberichte der Kollegen, mit denen man schon früher zusammengearbeitet hat und denen man vertraut.

In einem sind sich alle einig, die nach mühsamem Herumtelefonieren zu erreichen sind: Die Situation im Gaza-Streifen hat sich nach den heftigen Kämpfen dieser Woche entschärft, die Bevölkerung kann aufatmen. "Zum ersten mal seit Tagen können wir wieder auf die Straße gehen", sagt Khalut. Die Erleichterung werde auch von denen geteilt, die keine glühenden Hamas-Anhänger seien. "Wenn die Hamas eins kann, dann Disziplin und Ordnung durchsetzen", sagt der Journalist. Die letzten Wochen in Gaza seien unerträglich gewesen, Gewaltverbrechen seien an der Tagesordnung gewesen. "Die Leute hoffen, dass das nun aufhören wird."

"Ein überwältigendes Gefühl der Erleichterung herrscht vor", sagt auch John Ging, der Direktor der UNRWA, des Hilfswerks der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge, die den Löwenanteil der humanitären Hilfe im Gaza-Streifen leistet. Die Menschen seien zurück auf den Straßen, auf den Märkten. "Sie versuchen, ihr Leben dort wieder aufzunehmen, wo es Mitte der Woche gestoppt wurde", sagt Ging per Telefon aus seinem Büro in Gaza-Stadt. Berichte, wonach sich Frauen seit der Machtübernahme der Islamisten nur noch verschleiert aus dem Haus trauten, hält er für übertrieben. "Weder ich noch meine Mitarbeiter wissen davon."

Während der Kämpfe hatte die UNRWA ihre Hilfsarbeit einstellen müssen. Zwei Mitarbeiter der Organisation wurden in einem Feuergefecht getötet. Mit dem Ende der Kämpfe hat die UNRWA die Arbeit wieder aufgenommen, unter Hochdruck: "Jedermann ist besorgt darüber, was die Zukunft bringen wird", so Ging. Die Preise für Mehl und andere Grundnahrungsmittel seien in den vergangenen Tagen stark gestiegen. "Die Leute bereiten sich auf das Schlimmste vor."

Sorge vor verschärften Sanktionen

Was die Palästinenser im Gaza-Streifen umtreibt, ist die Reaktion, die die Machtübernahme des militärischen Flügels der Hamas am Mittelmeer nach sich ziehen wird. Auf den erdrutschartigen Wahlsieg der Partei im Januar 2006 reagierte die internationale Staatengemeinschaft mit der Einfrierung der Hilfszahlungen, von denen Gazas 1,4 Millionen Einwohner fast vollständig abhängig sind. "Wenn jetzt über noch einmal schärfere Sanktionen und über eine endgültige Schließung der Grenzen geredet wird, macht das anständigen Menschen hier große Angst", sagt Ging. Was der Gaza-Streifen gerade erlebt habe, sei ja gerade kein Bürgerkrieg gewesen, sondern Kämpfe zwischen den radikalen Gruppen zweier verfeindeter Parteien, betont er. "Die meisten Menschen hier wollen in Frieden leben, egal unter wem", sagt der Uno-Experte. Wenn die Staatengemeinschaft wegen der Machtübernahme der Hamas nun noch einmal die Schraube anziehe, sei das "eine Kollektivstrafe".

Für den Chef des Uno-Hilfswerks in Gaza ist klar, dass sich die politische Dynamik im Umgang mit den Bewohnern und Herrschern des Gaza-Streifens ändern muss. Die jüngsten Kämpfe sind für ihn das direkte Ergebnis eines generellen "politischen Versagens" . "Wir haben schon vor Monaten davor gewarnt, dass Gaza eine tickende Zeitbombe ist." Die fast andauernde Schließung der Grenzübergänge seit dem Abzug der Israelis habe die Bevölkerung jeder Freiheit beraubt, die Einstellung der Hilfszahlungen öffentliche Institutionen handlungsunfähig gemacht. "Das hat dazu geführt, dass zivilisierte Menschen aufeinander losgehen." Dieser Teufelskreis müsse gebrochen, nicht durch erneute Sanktionen zementiert werden.

Die Frage, was die Zukunft bringen wird, hat sich der Journalist Safuat al-Khalut noch gar nicht stellen können. "Ich bin in den vergangenen Tagen zweimal fast erschossen worden", sagt er am Telefon, im Hintergrund kichern seine Töchter, denen man in besseren Zeiten Bonbons mitgebracht hat. Auf mögliche Sanktionen der internationalen Gemeinschaft oder auch Israels angesprochen, sagt er:"Ich hab’s gehört, sie wollen uns belagern, uns endgültig isolieren." Und nach einer Pause fügt er hinzu: "Und weißt du was: Ich habe einfach keine Antwort mehr darauf."



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