Gaza-Streifen Wie Hamas und Israel den Waffenstillstand gefährden

Die Feuerpause haben beide Seiten verletzt - Hamas und Israel. Eine Chance hat der Frieden in Nahost nur noch, wenn die radikal-islamische Organisation endlich rivalisierende Milizen unter ihre Kontrolle zwingt - und Israel Waren in den Gaza-Streifen lässt.

Von Ulrike Putz, Beirut


Beirut - Ein halbes Jahr sollte Ruhe herrschen zwischen Palästinensern und Israelis, aber der vereinbarte Waffenstillstand ist schnell brüchig geworden. Gespürt haben es etwa die Kibuzniks von Kfar Aza: Eine Kassam-Rakete schlug am Freitag in den Feldern der ländlichen Gemeinschaftssiedlung im Westen der Negev-Wüste ein.

Extremistentraining: Mitglieder der Hamas bei einer Übung im Gaza-Streifen
REUTERS

Extremistentraining: Mitglieder der Hamas bei einer Übung im Gaza-Streifen

Es war nicht der erste Verstoß: Schon den vierten Tag in Folge haben militante Palästinenser den erst vergangene Woche zwischen Israel und der Hamas im Gaza-Streifen geschlossenen Waffenstillstand gebrochen. Zwei Israelis erlitten am Donnerstag bei einem Raketeneinschlag in Sderot einen Schock.

Von der versprochenen Sicherheit, die das Stillhalteabkommen vom 19. Juni bringen sollte, spüren beide Seiten nichts: weder die Israelis in Schussweite der Kassams noch ihre palästinensischen Nachbarn jenseits der Grenze im Gaza-Streifen.

Am Freitag berichtete die israelische Tageszeitung "Yedioth Achronoth" unter Berufung auf eine Quelle bei den Vereinten Nationen, dass es vor allem Israel sei, das die Waffenruhe in den vergangenen Tagen wiederholt gebrochen habe. Sieben Mal hätten israelische Soldaten bis zu zehn Minuten lang auf Palästinenser innerhalb des Küstenstreifens gefeuert. Zumeist habe es sich bei den Angegriffenen um Bauern gehandelt, die versucht hätten, zu ihren Feldern entlang der Grenze zu gelangen. Ein 70-Jähriger sei angeschossen worden, als er um sieben Uhr morgens Holz sammeln gewesen sei, berichtete die Zeitung unter Berufung auf die Uno-Quelle.

Mörsergranaten und Gewehrschüsse

Am Montag hatte ein israelisches Kommando einen hochrangigen Führer des Islamischen Dschihad im Westjordanland getötet. Die Gruppe gab an, die Raketen, die sie am Dienstag vom Gaza-Streifen aus auf Israel abgeschossen habe, seien ein Vergeltungsschlag für die Tötung des 25-Jährigen gewesen. Seit drei Tagen hält Israel die Grenzübergänge nach Gaza geschlossen und lässt keine Lebensmittellieferungen in das Küstengebiet.

Drei Mörsergranaten und vier selbstgebaute Raketen von palästinensischer Seite, Gewehrschüsse von israelischer - die Bilanz der ersten Woche Waffenstillstand ist nicht gut. Aber sie ist besser als das, was in all den Monaten vorher war. Doch wie geht es weiter? Wie lange dauert es noch, bis die Hamas die ihr nicht unterstellten militanten Gruppen an die Kandare genommen hat und dann auch der Islamische Dschihad und die al-Aksa-Brigaden ihren Raketenabschuss einstellen? Werden israelische Soldaten andere Schießbefehle bekommen, und wird Jerusalem der palästinensischen Forderung nachgeben und die Feuerpause auch aufs Westjordanland ausweiten? Dann hätten beide Seiten nur wenig Zeit gebraucht, sich an die neue Lebenswirklichkeit anzunähern, und ein echter Fortschritt wäre gemacht.

Dass der Waffenstillstand von Beginn an wackelig war, liegt in der Natur der Sache. Wenn sich die Hauptbeteiligten darauf einigen, Ruhe zu wahren, haben Unruhestifter Hochkonjunktur. Die Raketen, die die al-Aksa-Brigaden am Donnerstag von Gaza aus abfeuerten, passen in dieses Muster: Die Brigaden sind der militante Flügel der Fatah, mit der die Hamas bis aufs Blut verfeindet ist. Auch wenn die Hamas im Gaza-Streifen im vergangenen Jahr einen blutigen Showdown der beiden Rivalen gewonnen hat und die Fatah im Westjordanland unter Palästinenserpräsident Mahmud Abbas recht fest im Sattel sitzt: Der Machtkampf geht weiter, und den noch jungen Waffenstillstand zu torpedieren, scheint den al-Aksa-Brigaden ein probates Mittel zu sein.



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