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Gaza-Streifen: Wirtschaftskrise führt zu Esel-Boom

Aus dem Gaza-Streifen berichtet Ulrike Putz

Heu statt Benzin, mehr Vieh- als Gebrauchtwagenhändler: Im Gaza-Streifen hat die anhaltende Wirtschaftkrise einem uralten Nutztier ein Comeback beschert: dem Esel.

Gaza - "Ruhig, Weiße, braves Tier", redet Ali Bedu auf seine Eselin ein. "Dein neuer Herr wird dich gut behandeln. Den Stock wirst du nicht kennenlernen", versucht der Bauer mit dem wettergegerbten Gesicht das nervöse Tier zu beruhigen. Um die Szene herum stehen Halbwüchsige und feixen: Jeden Freitag dasselbe Theater. "Ali verkauft seine Esel, als ob er eine Tochter zu ihrem Bräutigam bringt", spottet einer. Die anderen lachen, klatschen und stimmen einen arabischen Gassenhauer an: "Mein Esel, ich liebe Dich! Und wenn dich jemand Esel nennt, werde ich deshalb sehr ärgerlich!"

Viehmarkt im Gaza-Streifen. Jeden Freitag wechseln in Bauerndörfern wie Zeitun Hunderte von Eseln die Besitzer. Hufe werden geprüft, Gebisse begutachtet, auch auf die Farbe kommt es an. Weiße Tiere gelten als wertvoller als graue, nicht umsonst verspricht ein palästinensisches Sprichwort dem Besitzer eines hellen Tieres "glückliche Morgen und frohes Erwachen".

Die Käufer der Langohren sind meist Städter, und das ist auch der Grund für Bedus Sorge um seine Esel. "Die wissen doch gar nicht, wie man so ein Tier behandelt. Die denken, weil er dieselbe Arbeit erledigt wie ein Auto, kann man einen Esel ebenso behandeln: Immer kräftig treten und einmal die Woche an die Tankstelle." 1200 Dollar kostet ein guter Esel heute, eine schwangere Stute gar 1500 Dollar. "Noch vor einem Jahr habe ich gerade mal 400 Dollar für ein Tier bekommen", sagt Bedu. "Die Krise hat die Preise explodieren lassen."

Sechs Euro für einen Liter Benzin

Wie so vieles sind auch Esel Mangelware im von einem Wirtschaftsembargo gebeutelten Gaza-Streifen. Der Boykott ist auch ein Grund, warum die genügsamen Tiere so begehrt sind. Seit der gewaltsamen Machtübernahme der Hamas im Juni vergangenen Jahres lässt Israel weder genügend Treibstoff noch dringend benötigte Ersatzteile in den Küstenstrich - daran hat auch das Waffenstillstandsabkommen aus diesem Sommer nichts geändert.

Nur 17 Prozent des benötigten Benzins, nur 67 Prozent des Diesel-Bedarfs gelangen derzeit in den Gaza-Streifen, so das Uno-Büro für die Koordinierung humanitärer Hilfe in Gaza-Stadt in seinem Oktober-Bericht. Viele Autos, LKW oder Taxis bleiben stehen. Bei Benzinpreisen bis zu sechs Euro kann es sich kaum jemand leisten, motorisiert unterwegs zu sein.

Vor dem Embargo war das alltägliche Verkehrschaos in Gaza so groß, dass die Hamas nach ihrer gewaltsamen Machtübernahme im Juni vergangenen Jahres mit einer populären Aktion selbst bei ihren Gegnern punkten konnte: Sie schickte mit Neonwesten bekleidete Hamas-Männer auf die großen Kreuzungen, um dort den Verkehr zu regeln. Sechzehn Monate später ist das nicht mehr nötig. Auf der Al-Jala-Straße, einer der Hauptstraßen nach Gaza-Stadt, überholen heute nur hin und wieder Autos die Eselgespanne.

Hölzerne Karren sind zum gängigen Verkehrsmittel geworden: Es gibt Esel-Taxis, Esel-Schulbusse, Esel-Umzugswagen. Auf dem Bock sitzen Männer, die früher mit Autos arbeiteten. "Ich war in einem Reifenhandel angestellt, dann arbeitslos, jetzt fahre ich mit meinem Esel Frauen mit ihren Einkäufen vom Markt heim", sagt Awad Awad. Die Konkurrenz durch Pferde brauchen die Grautiere nicht zu fürchten, Esel fressen weniger und können zur Not auch in Hinterhöfen gehalten werden. "Unser Esel lebt so eng mit uns zusammen, ich kann ihn Nachts schnauben hören", sagt Awad.

Auch für offizielle Stellen sind die Nutztiere im Einsatz. Die Müllabfuhr des Distrikts Gaza-Stadt beschäftigt seit September 190 Esel nebst Treibern. "Etwa 65 Prozent unserer von westlichen Spendengeldern gekauften Müllwagenflotte ist lahm gelegt, weil uns Ersatzteile fehlen", sagt Abdulrahim Abul Kumbus, Chef des Umwelt- und Gesundheitsamts von Gaza-Stadt.

Durch Esel kann man reich werden

"Ich schäme mich immer noch, wenn ich mit dem Esel zum Markt fahre", sagt Wael Gayed. In einem früheren Leben studierte der 32-Jährige Betriebswirtschaft an der Al-Ahza-Universität von Gaza. "Bei uns in der Familie haben die meisten studiert, wir sind gebildet", sagt er. Als die Krise kam, fällte der Familienrat einen Beschluss: "Wir haben unser Geld in Esel und Karren investiert. Das ist zwar unter Niveau, füttert aber die Kinder."

Gayed ist in Eile. Am Rande des großen Freitagsmarkts in Gaza hat er gerade noch Kisten voller Auberginen abgeladen, jetzt muss er weg, weil ein lukrativer Auftrag wartet. In Gayeds Stadtviertel steht eine Hochzeit an, 500 Gäste müssen transportiert werden. Kein Problem für den Gayed-Clan: Die Brüder und Cousins können mit 74 Esel-Karren aufwarten.

Durch Esel kann man reich werden in Gaza - reich, und früher auch einflussreich. Der Name der Familie, die auf ihrer Flotte von Eselskarren ein so mächtiges Imperium aufbaute, dass es sogar der Hamas ein Dorn im Auge war, wird in Gaza nur hinter vorgehaltener Hand ausgesprochen: Dugmusch. In den neunziger Jahren betrieb der Clan einen Lieferdienst mit Eselgespannen.

Anfangs fuhren die jungen Dugmusch-Männer Lebensmittel und Baumaterial aus, später kamen Zigaretten, Drogen, geschmuggelte Waffen hinzu. Mit Mafia-ähnlichen Methoden verdrängten die Dugmuschs die Konkurrenz – wer kaufen wollte, musste sich von ihnen beliefern lassen, per Eselskarren.

Im vergangenen Jahr demonstrierte der 2500 Mann starke Clan seine Macht. Es war die familieneigene Miliz, die den BBC-Korrespondenten Alan Johnston im Gaza-Streifen entführte und vier Monate lang in ihrer Gewalt hielt. Die Hamas setzte den Dugmuschs nach ihrer Machtübernahme das Messer auf die Brust: Entweder Johnston kommt frei oder die Ältesten der Familie, die die Hamas in der Zwischenzeit gekidnapped hatte, sterben. Johnston kam frei, und die Hamas verkaufte sich als besorgte Beschützerin der Pressefreiheit.

"Die Dugmuschs haben ihren Einfluss auf dem Rücken ihrer Esel aufgebaut", sagt Wael. Heute sei das nicht mehr möglich – die Hamas verhindere es. "Die Hamas hat verstanden, dass Esel Macht bedeuten, und kontrolliert, dass keine Familie zu viele hat", sagt er. Bei 150 Stück sei Schluss, sagt Gayed. "So viele Tiere hat meine Familie heute." Wenn eine Eselin ein Fohlen gebiert, macht sich Gayed deshalb auf zu den ländlichen Viehmärkten. "Bei den Preisen heute ist das ein gutes Geschäft."

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Alltag im Gaza-Streifen: Die Macht der Esel


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