Gazakonflikt "Bevor man die Hamas stürzt, sollte man sich fragen, wer sie ersetzen würde"

Am Tag nach dem schwersten Beschuss aus dem Gazastreifen seit Jahren hält die Waffenruhe im Süden Israels. Doch die nächste Runde im Konflikt mit der Hamas ist nur eine Frage der Zeit.

Israelischer Panzer am Gazastreifen
AFP

Israelischer Panzer am Gazastreifen

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Die Kinder im Kibbuz Ein ha-Schloscha hatten Glück im Unglück: Die Mörsergranate aus dem Gazastreifen schlug auf dem Spielplatz des örtlichen Kindergartens ein - eine halbe Stunde bevor die ersten Jungen und Mädchen am Dienstagmorgen in die Vorschule gebracht wurden.

Das Geschoss war eine von rund hundert Raketen und Mörsergranaten, die Terroristen der palästinensischen Milizen Islamischer Dschihad und Hamas seit Dienstagmorgen auf israelische Ortschaften abgefeuert haben. Es war der schwerste Beschuss aus Gaza seit dem letzten Krieg 2014. In der Nacht zum Mittwoch schlug eine Rakete in der Kleinstadt Netivot ein, die rund 15 Kilometer vom Gazastreifen entfernt liegt. Seit vier Jahren war keine Rakete so tief im Landesinneren eingeschlagen. Insgesamt wurden durch den Beschuss drei Soldaten und ein Zivilist verletzt. Eine weitere Person erlitt einen Schock.

Kindergarten in Ein ha-Schloscha
REUTERS

Kindergarten in Ein ha-Schloscha

Die israelische Armee beschoss als Reaktion auf die Angriffe 50 Ziele im Gazastreifen. Unter anderem zerstörte die Luftwaffe nach eigenen Angaben einen Tunnel, den das Militär schon vor zwei Wochen entdeckt hatte. Er führte von Gaza durch Ägypten nach Israel.

Warum die Hamas auf Raketenbeschuss verzichtete

Am Mittwochmorgen verkündete die Hamas eine Waffenruhe. Der ägyptische Geheimdienst soll die Vereinbarung vermittelt haben - sie gelte so lange, wie Israel seinerseits von Angriffen auf Gaza absehe, sagte Khalil al-Hayya, stellvertretender Chef der Hamas im Gazastreifen. Die israelische Regierung teilte mit, von einer offiziellen Feuerpause könne keine Rede sein. Aber: "Wenn die Hamas Ruhe gibt, werden wir auch Ruhe geben", sagte Innenminister Aryeh Deri dem Armeeradio.

Die Regierung in Jerusalem geht davon aus, dass die jüngste Eskalationsrunde nun beendet ist. Gleichwohl stellt sich Israel darauf ein, dass die Ruhe nicht von Dauer sein wird. Es galt fast schon als Überraschung, dass die Raketen aus Gaza so lange auf sich warten ließen.

Seit Ende März haben mit Billigung der Hamas wiederholt Tausende Palästinenser entlang des Grenzzauns gegen Israel protestiert. Im Schatten der Demonstrationen haben Kämpfer von Hamas und Islamischem Dschihad mehrfach versucht, die Grenzanlage zu überwinden oder Sprengsätze am Zaun zu platzieren. Die israelische Armee hat seit Beginn der Proteste mindestens 116 Palästinenser im Grenzgebiet getötet.

Allerdings hatte die Hamas es bis zum Dienstag unterlassen, Raketen auf Israel abzufeuern. Offenbar wollte die Miliz den Eindruck aufrechterhalten, es handele sich bei den Demonstrationen am Grenzzaun um Israel ausschließlich um friedliche Massenproteste.

Am Dienstagmorgen war es dann die mit Iran verbündete Terrormiliz Islamischer Dschihad, die zunächst rund 25 Mörsergranaten auf Israel abfeuerte. Als Israel militärisch auf die Angriffe reagierte, sah sich dann offenbar auch die Hamas unter Zugzwang gesetzt und nahm israelische Grenzorte unter Beschuss. Die Raketenangriffe sind ein erstes Zeichen dafür, dass die tödlichen Schüsse israelischer Scharfschützen am Grenzzaun die radikaleren Kräfte in Gaza gestärkt haben.

Debatte um Einmarsch nach Gaza

Am Mittwochabend traf das israelische Sicherheitskabinett im Hauptquartier der Streitkräfte in Tel Aviv zusammen, um über den Gazakonflikt zu beraten. Mit Energieminister Juval Steinitz hatte ein Mitglied des Kabinetts vor dem Termin einen Militäreinsatz im Gazastreifen ins Spiel gebracht, mit dem die Hamas gestürzt und das Gebiet wieder unter israelische Kontrolle gebracht werden sollte. Ähnlich äußerte sich Justizministerin Ayelet Shaked. Geheimdienstminister Yisrael Katz erteilte derartigen Überlegungen eine Absage: "Israel hat dort nichts verloren und hat nicht die Absicht, in Gaza einzumarschieren", sagte Katz dem Nachrichtenportal Ynet.

In der Tat hat Israel sicherheitspolitisch derzeit größere Sorgen als die Hamas in Gaza. Die anhaltende Stationierung iranischer Revolutionswächter und verbündeter Milizen wie der Hisbollah in Syrien und im Libanon stellt für die Sicherheit des jüdischen Staates ein weitaus größeres Risiko dar als die weitgehend isolierte Hamas in Gaza.

Darauf wies auch Wohnungsbauminister Yoav Galant am Mittwoch hin. "Bevor man die Hamas stürzt, sollte man sich fragen, wer sie ersetzen würde", sagte der Minister. Der Mann weiß, wovon er spricht. Galant war nicht nur lange Jahre Elitesoldat und Kommandeur der Kampfschwimmereinheit Flotille 13. Von 2005 bis 2015 befehligte er das Südkommando der israelischen Armee - damit war er auch für den Gazastreifen zuständig. Galant sagt: "Ich sehe niemanden, der die Hamas beerben möchte - weder die Ägypter, noch die Palästinenser, noch die Europäer - und ganz bestimmt nicht uns."

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