Mohammed Dahlan Der Sheriff von Gaza ist zurück

Mohammed Dahlan war der Mann fürs Grobe im Gazastreifen. Die Hamas vertrieb ihn 2007 - nun ist er zurück. Hintergrund ist ein Schattenkrieg arabischer Autokraten, der sich über den ganzen Nahen Osten erstreckt.

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Die Hamas-Kämpfer feuerten mit Maschinengewehren, Mörsern und Granaten auf ihre Gegner, einige warfen sie sogar von Häuserdächern. Die Gegner, das waren keine israelischen Soldaten, sondern Anhänger der verhassten Fatah-Partei. Diese gnadenlose Vendetta in den Gassen von Gaza zwang Mohammed Dahlan in die Flucht.

Zehn Jahre ist das her. Der Sicherheitschef der Palästinensischen Autonomiebehörde war damals aufgrund seines repressiven Regimes eine Hassfigur für die Islamisten. Über seine Zeit als Sheriff von Gaza sagte er später der "New York Times": "Ich war nicht der Chef vom Roten Kreuz."

Doch nun mischt Dahlan wieder politisch mit im Gazastreifen. Der 55-Jährige hat in den vergangenen Jahren auf die richtigen Gönner gesetzt: Ägypten und vor allem das Herrscherhaus von Abu Dhabi in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE).

Aber was hat der Palästinenser mit den beiden Ländern zu tun? Und was haben diese im Gazastreifen vor? Die Antwort liegt in der Katar-Krise und der verworrenen Biographie von Dahlan.

Der Millionär hat schon an vielen Orten gewohnt - in Amman und in Tunis, in Bagdad und in Beirut. Die größte Odyssee trat der einstige Gefolgsmann von Jassir Arafat aber 2007 an, als er aus dem Gazastreifen fliehen musste.

"Consigliere der Vereinigten Arabischen Emirate"

Zunächst ließ sich der studierte Betriebswirt in Ramallah im Westjordanland nieder. Er überwarf sich dort aber rasch mit dem Palästinenserpräsidenten und Fatah-Vorsitzenden Mahmoud Abbas - und siedelte deshalb 2010 nach Kairo über. Von dort flüchtete der Vater von vier Kindern nach dem Sturz Hosni Mubaraks 2011 weiter - nach Abu Dhabi.

Dort lebt der fließend Hebräisch sprechende palästinensische Millionär in einem luxuriösen Apartment mit Infinitypool und macht das, was er am besten kann: Geldverdienen und Netzwerken. Er ist in den vergangenen Jahren zum engen Berater des Kronprinzen der Herrscherfamilie al-Nahyan aufgestiegen. "Mohammed Dahlan ist der Consigliere der Vereinigten Arabischen Emirate", sagt Stephan Roll von der Stiftung Wissenschaft und Politik.

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Mohammed Dahlan: Der starke Mann aus Abu Dhabi

Ägypten und Abu Dhabi gehören zur Allianz um Saudi-Arabien, die das mit der Türkei verbündete Emirat Katar seit Monaten in die Knie zwingen will - und das geht auch im Gazastreifen.

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Denn lange Zeit war Katar dort Patron der Hamas. Im Zuge der Krise hat es seine Unterstützung für die radikalislamische Palästinenserorganisation aber drastisch zurückgefahren.

Der Hamas droht ein Blackout

Die Hamas gerät im Gazastreifen noch aus einem weiteren Grund immer mehr unter Druck: Die Lage der Menschen dort verschlechtert sich zunehmend. Die Schwelle der Unbewohnbarkeit sei bereits überschritten, erklärte die Uno unlängst. Dafür ist der im Westjordanland herrschende Abbas mitverantwortlich.

Der 82-Jährige bekämpft die Hamas. Er hat sogar die Gelder für die Stromversorgung gekappt, die bislang an Israel gezahlt wurden. Die Folge: Die Hamas steht vor einem politischen Blackout. Deshalb wendet sie sich wieder vermehrt Iran zu - und nun kommen auch noch Mohammed Dahlan, Abu Dhabi und Ägypten ins Spiel.

Die Stromversorgung im Gazastreifen ist katastrophal
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Die Stromversorgung im Gazastreifen ist katastrophal

Sie machen den Islamisten ein verlockendes Angebot. Die Emiratis wollen den Bau eines Elektrizitätswerks in der ägyptisch-palästinensischen Grenzstadt Rafah auf der Sinai-Halbinsel finanzieren. Kairo will unter anderem den dortigen Grenzübergang wieder dauerhaft öffnen - wenn, so heißt es, Mohammed Dahlan den Verkehr in und aus dem Gazastreifen überwacht. Hinzu kommen viele weitere Millionen für Hilfsprojekte.

Alle drei haben eigene Gründe, warum sie nun der Hamas ihre Hilfe anbieten:

  • Dahlan möchte mit aller Macht zurück an seine alte Wirkungsstätte - und könnte so auch seinem Gegenspieler Abbas schaden. Mit anderen Worten: Er sinnt auf Rache.
  • Abu Dhabi will Katar in die Schranken weisen und selbst zur Regionalmacht aufsteigen.
  • Ägypten will auf dem Sinai wieder Ordnung herstellen. In dem einstigen Ferieneldorado mordet ein Ableger der Terrormiliz "Islamischer Staat". Die Hamas könnte im Kampf gegen die Dschihadisten im Norden des Sinai helfen.

Gemeinsam wollen Ägypten und Abu Dhabi zudem den Einfluss Katars und der Türkei im Gazastreifen reduzieren. Die Regierungen in Ankara und Doha haben die Hamas bislang unterstützt - unter anderem weil sie aus der von ihnen protegierten ägyptischen Muslimbruderschaft hervorgegangen ist. Ägyptens Präsident Abdel el-Sisi verfolgt die Muslimbrüder im eigenen Land gnadenlos, und den Scheichs in Abu Dhabi sind die Frommen vom Nil aus religiös-politischen Gründen seit Langem ein Dorn im Auge.

Jahia Sinwar
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Jahia Sinwar

Dass die Hamas sich nun dennoch auf den Deal einlassen könnte, liegt auch am Geburtsort von Dahlan - dem Flüchtlingslager Khan Junis im Gazastreifen. Dort kam im Jahr drauf auch Jahia Sinwar zur Welt, der heutige Hamas-Chef von Gaza. Die beiden kennen sich also seit Kindheitstagen.

Angesichts der prekären Lage handelt der Hardliner Sinwar offenbar pragmatisch. Vor rund vier Wochen kam in Gaza das erste Mal seit 2007 ein Teil des palästinensischen Parlaments zusammen. Via Videoschalte aus Abu Dhabi sprach dort auch - Mohammed Dahlan. Und am vergangenen Wochenende reiste eine hochrangige Hamas-Delegation nach Kairo, um die Beziehungen zu Ägypten weiter zu verbessern.

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